Feierstunde zum Tag der Heimat in Backnang

„Vertreibungen und Deportationen ächten – Völkerverständigung fördern“ ist das diesjährige Motto. Erinnerung an Flucht und Vertreibung am Mahnmal bei der Max-Eyth-Realschule.

Kranzniederlegung am Mahnmal bei der Max-Eyth-Realschule in Backnang. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Kranzniederlegung am Mahnmal bei der Max-Eyth-Realschule in Backnang. Foto: J. Fiedler

Von Klaus J. Loderer

Backnang. Dieter Klenk, Vorsitzender der Heimatgruppe Backnang des Deutschen Böhmerwaldbunds, stellte das diesjährige Motto bei der gestrigen Feierstunde am Mahnmal bei der Max-Eyth-Realschule (MER) vor. Auch Birgit Kern, die Bundesvorsitzende des Deutschen Böhmerwaldbunds, griff das Leitwort auf, bemerkte aber dazu: „Wir erleben heute, dass das Thema Vertreibung immer noch aktuell ist.“

Mit dem Tag der Heimat erinnern die deutschen Heimatvertriebenen an Flucht und Vertreibung. In Backnang findet diese Gedenkveranstaltung jährlich am zweiten Septembersonntag statt. Ausgangspunkt war die 1950 in Stuttgart vorgestellte „Charta der deutschen Heimatvertriebenen“, wie OB Maximilian Friedrich erläuterte. Er erinnerte daran, dass durch die Vertreibung neben anderen Gruppen von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen auch zahlreiche Menschen aus dem Böhmerwald nach Backnang kamen. Alle Reden durchzog die Hoffnung auf Versöhnung zwischen den Menschen und eine friedvolle Zukunft.

Mit Südost- und Ostmitteleuropa umriss Klenk die Herkunft der Deutschen Heimatvertriebenen. Die Fahnen der in Backnang tätigen landsmannschaftlichen Vereinigungen dekorierten die Fassade der MER. Klenk fasste die Situation der Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen: „Sie sind geflohen und waren nicht willkommen.“ Diese Zeiten seien aber lange vorbei. Die Heimatvertriebenen und ihre Nachkommen bauten sich in Backnang eine neue Heimat auf und integrierten sich. Die Verbände seien keine Ewiggestrigen, möchten aber dazu beitragen, Vertreibungen zu ächten – wie das Leitwort formuliert.

Die Aufbauleistung der deutschen Heimatvertriebenen hob Friedrich hervor. Dieser müsse man ebenso wie dem in der „Charta der Heimatvertriebenen“ formulierten Geist der Versöhnung Respekt bezeugen. Und das, obwohl die Heimatvertriebenen nicht nur die Grausamkeit des Zweiten Weltkriegs erlebten, sondern durch den Verlust der Heimat doppelt betroffen gewesen seien. Dies hervorzuheben bedeute aber nicht, die deutsche Schuld im Zweiten Weltkrieg zu vergessen. „Trotz des erlittenen Unrechts der Vertreibung reichten sie die Hand zur Versöhnung“ – auch dies sei eine wichtige Leistung des Wiederaufbaus Deutschlands. Erinnern müsse man besonders an den Beitrag der Heimatvertriebenen zum Wiederaufbau des Landes und zur Entwicklung Backnangs. Die Heimatvertriebenen zeigten dann, wie sie sich mit der Pflege der Erinnerung an ihre kulturellen Wurzeln in der neuen Heimat eingliederten. „Menschenwürdiges Leben ist nur in Frieden und Freiheit möglich“, betonte der Oberbürgermeister abschließend.

Welches Bewusstsein für die alte Heimat der Vorfahren die Nachkommen der Heimatvertriebenen haben, überlegte Birgit Kern. „Wo komme ich her?“ – Diese Frage stelle sie sich immer wieder. Sie ging in ihrer Ansprache auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ein, als die Heimatvertriebenen noch die Hoffnung hatten, dass es ein Zurück in die Heimat gibt. Irgendwann wurde ihnen klar, dass es kein Zurück geben konnte. „Das hinderte sie nicht daran, sich etwas Neues zu schaffen“, betonte Kern. Dabei seien die Umstände in der Nachkriegszeit eher ungünstig gewesen. Es habe Ängste auf beiden Seiten geben. Die Einheimischen hätten Sorgen und Ängste vor den neu angekommenen Menschen gehabt.

Fremde Gewohnheiten und konfessionelle Gegensätze hätten das Zusammenkommen nicht vereinfacht. Die katholischen Menschen aus dem Böhmerwald seien in eine eher evangelisch geprägte Stadt gekommen. Doch diese Erfahrungen könnten heute positiv umgesetzt werden, wenn wieder fremde Flüchtlinge kommen: „Wenn wir heute mit Flüchtlingen konfrontiert werden, sollten wir uns daran erinnern, die Ketten im Herzen zu brechen.“

Der Musikverein Sachsenweiler umrahmte die Gedenkfeier. Unter der Leitung von Christoph Gehring erklang auch das Lied „Tief drin im Böhmerwald“. Anita Klöpfer trug Arnold Scherners Gedicht „Heimat“ vor. Zur Kranzniederlegung am Mahnmal sprach Pfarrer Wolfgang Beck gedenkende und mahnende Worte. Zum Abschluss intonierte der Musikverein Sachsenweiler die Melodie des Deutschlandlieds. Wegen der Coronaregeln wurde auf das Singen der dritten Strophe verzichtet.

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Erstellt:
13. September 2021, 06:00 Uhr

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