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Fingerlinge flitzen flink in den Fluss

In Murrhardt hat die gemeinsame Jung-Bachforellen-Besatzaktion der Hegegemeinschaft Einzugsgebiet Murr und der Anrainerkommunen begonnen. Sie ist zentraler Teil des Projekts zur Renaturierung der Murr.

Aus den Eimern „wandern“ die jungen Bachforellen in die Murr. Es handelt sich um eine gemeinsame Aktion der Anrainerkommunen und der Hegegemeinschaft Einzugsgebiet Murr. Fotos: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Aus den Eimern „wandern“ die jungen Bachforellen in die Murr. Es handelt sich um eine gemeinsame Aktion der Anrainerkommunen und der Hegegemeinschaft Einzugsgebiet Murr. Fotos: J. Fiedler

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT. Vor rund 85 Jahren wurde die Murr bei einem großen Reichsarbeitsdienst-Einsatz begradigt. Doch wirkte sich dies ökologisch ungünstig aus auf den rund 50 Kilometer langen Fluss. Im Rahmen eines regionalen Projekts zur Renaturierung soll er deshalb wieder zu einem möglichst natürlichen und lebendigen Gewässer werden.

Dazu erfolgt eine gemeinsame Besatz-Aktion der Anrainerkommunen und der Hegegemeinschaft Einzugsgebiet Murr (HGEZG), bei der 40000 etwa zehn Zentimeter lange, ein Jahr alte sogenannte Fingerlinge, also Jung-Bachforellen, ein neues Zuhause im Fluss finden sollen. Zum Start in Murrhardt lassen Bürgermeister Armin Mößner, Florian Karpf, Vorsitzender des Angelsportvereins Murrhardt, sowie dessen Gewässerwart Christian Veitinger behutsam die kleinen Fische aus großen Eimern über ihre Hände als Stufen ins Murrwasser gleiten.

Kaum sind die Forellchen in ihrem Element, flitzen sie flink davon. Dies geschieht bei der Almsiedlung in der Nähe des Spiel- und Bolzplatzes der städtischen Kurt-Hein-Kindertagesstätte, wo der Fluss noch in natürlichen Schlingen verläuft. „Wir wollen gemeinsam dafür sorgen, dass die Murr wieder attraktiver wird für heimische Tiere und Pflanzen, die im Wasser und am Ufer leben“, verdeutlicht Christian Veitinger. Er ist einer der Initiatoren des Renaturierungsprojekts, seit 2018 passionierter Bachforellenzüchter, und hat die Jungforellen im Auftrag der HGEZG für die Murranlieger in einem eigenen Teich gezüchtet (wir berichteten). Dabei kooperiert die HGEZG mit den Murr-Anrainerkommunen, dem Landratsamt Rems-Murr und dem Regierungspräsidium Stuttgart.

„Diese Forellen tragen gleichsam die Genetik der Murr in sich, denn sie sind seit Tausenden von Jahren bestens an diesen Fluss angepasst. Leider zerstörte die Begradigung die natürliche Fluss-struktur. Auch sind die meisten Nebenbäche verdolt, die als Laichgründe dien(t)en. Insofern sind die Nachzucht und der Besatz notwendig, damit die Forellen sich ausreichend vermehren können und sich ein heimischer Fischstamm ansiedelt“, begründet der Gewässerwart die Besatzaktion. Weiter sei es erforderlich, die begradigten Flussbereiche wieder in einen natürlichen Zustand zurückzuversetzen, damit sich auch dort wieder heimische Lebewesen ansiedeln, ein Ökosystem bilden und gut gedeihen können. „Die Forelle braucht schnell fließende, rauschende und sauerstoffanreichernde Bereiche, ebenso ruhige, tiefe Gumpen, in deren kühle Tiefenbereiche sich die großen Fische zurückziehen können, sowie langsam fließende Bereiche als Kinderstube für die Jungfische“, erläutert der Gewässerwart überdies.

Patenschaften haben eine Laufzeit von fünf Jahren.

Dafür hat er bereits 2018 einige Vorschläge des Landesfischereiverbands für konkrete Maßnahmen zur Strukturverbesserung der Murr unterbreitet. Danach sollen in den Flusslauf und dessen Bett, wo dies möglich ist, einzelne sogenannte Störsteine und Steingruppen, kleine Stein-, Kies- und Schotterbereiche oder Inseln sowie kleine Dammbauwerke eingebaut werden. Auch gelte es, die unterschiedliche Flussbreite zu fördern, die Ufererosion zu begünstigen und Ausbuchtungen entstehen zu lassen. Im Oberlauf der Murr von der Quelle bis zur Einmündung der Lauter bei Sulzbach an der Murr sind die Kommunen für die Gewässer und damit auch für die Renaturierungsmaßnahmen zuständig, und von dort bis zur Mündung in den Neckar das Regierungspräsidium Stuttgart.

„Die Jungforellen werden ab dem dritten Lebensjahr geschlechtsreif und dürfen erst ab dem vierten Lebensjahr geangelt oder gefangen werden, nachdem sie mindestens einmal abgelaicht haben und etwa 25 Zentimeter lang sind“, so Christian Veitinger. „Die Murr-Anliegerkommunen unterstützen die Renaturierungsmaßnahmen und den Aufbau von heimischen Fischpopulationen durch Patenschaften mit einer Laufzeit von fünf Jahren und 200 Euro pro Jahr als Patenschaftsbetrag“, unterstreicht Mößner.

Der Flussverlauf soll im Einklang mit dem Hochwasserschutz renaturiert, die heimischen Flussbewohner wieder angesiedelt, deren Bestände gestärkt und so das Ökosystem aufgewertet werden, so der Plan des die HGEZG beratenden Biologen Justin Guest. Vor 20 Jahren kam der Aquakulturexperte aus der australischen Hauptstadt Sydney nach Backnang und begleitet nun das Renaturierungsprojekt auch wissenschaftlich.

Guest hat auch einen Fisch-Besatzplan für den Murrverlauf erstellt. Dieser sieht vor, dass neben Äschen und Bachforellen auch Aale wieder in der Murr heimisch werden sollen. Die Raubfische fressen eingeschleppte Tierarten, die sich immer stärker ausbreiten und einheimische Lebewesen zu verdrängen drohen. Das Renaturierungsprojekt beinhaltet einige Gemeinschaftsaktionen. So pflanzte man 2019 entlang der Murr viele Weiden, unter anderem beim Parkplatz des Werks Murrhardt der Robert Bosch GmbH. Hinzu kommen seit dem Frühjahr 2020 rund 200 Jungexemplare der Neckarschwarzpappel an verschiedenen Stellen entlang des Flusslaufs.

Der Bau der Flutretentionsmulde an der Murr unterhalb der Almsiedlung ist inzwischen abgeschlossen. Der Beginn dieser Ausgleichsmaßnahme für den Neubau der Walterichsturnhalle, der sich im Bereich eines hundertjährlichen Hochwassers befindet, hatte sich verzögert, „weil der dafür benötigte Langarmbagger nicht zum geplanten Starttermin frei war“, erklärt Mößner. „Diese Retentionsmulde hat aber nichts mit der Renaturierung der Murr zu tun und soll eine Trockenmulde bleiben. Nur bei Hochwasser läuft Murrwasser hinein, das möglichst rasch wieder abfließen soll. Denn in der Mulde sollen keine Tümpel zurückbleiben, in denen Fische gefangen sind. Lediglich der Bewuchs fehlt noch: Welche Pflanzen dafür im Herbst eingesetzt werden, stehe nicht genau fest, doch böten sich etwa weitere Neckarschwarzpappeln an, informiert Mößner.

Jung-Bachforellen finden in der Murr einen neuen Lebensraum: Dieser Aufgabe haben sich Christian Veitinger und Florian Karpf vom Angelsportverein Murrhardt verschrieben. Murrhardts Bürgermeister Armin Mößner half ihnen am Wochenende dabei.

© Jörg Fiedler

Jung-Bachforellen finden in der Murr einen neuen Lebensraum: Dieser Aufgabe haben sich Christian Veitinger und Florian Karpf vom Angelsportverein Murrhardt verschrieben. Murrhardts Bürgermeister Armin Mößner half ihnen am Wochenende dabei.

Weitere Aktionen geplant

Bei der Besatzaktion setzen die Bürgermeister der Anliegerkommunen gemeinsam mit den Vorstandsmitgliedern der jeweiligen Vereine der HGEZG junge Murr-Bachforellen in einen Flussabschnitt auf ihrer Gemarkung aus. Wie in Murrhardt war eine solche Aktion am Samstag auch in Steinheim und Murr angekündigt. In Oppenweiler und Kirchberg ist sie für Mittwoch, 10. Juni, und in Burgstetten am Donnerstag, 11. Juni, geplant. In Sulzbach an und in Backnang stehen derzeit noch keine Termine fest.

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Erstellt:
8. Juni 2020, 16:00 Uhr

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