Lieder gegen Hakenkreuzzeiten

Fjørt feiern brachiales Stuttgart-Comeback im Wizemann

Die Aachener Post-Hardcore-Band Fjørt hat nach langer Pause wieder Stuttgart besucht. So war es beim Konzert im Wizemann.

Fjørt im Wizemann

© Ferdinando Iannone

Fjørt im Wizemann

Von Björn Springorum

In seligen Keller- Klub-Zeiten waren Fjørt regelmäßige und gern gesehene Gäste in Stuttgart. Die Aachener Post-Hardcore-Band stand schon damals für berstend intensive Konzerte, für eine kathartische Lärmwand, die über dem Publikum zusammenbricht wie eine Monsterwelle. Nach Jahren des Rückzugs und der Einkehr sind Fjørt jetzt zurück – und zeigen in einem gut gefüllten Wizemann, wieso diese Band im Live-Zirkus des Landes so schmerzlich gefehlt hat.

Nach den düsteren, schwelenden Indie-Hymnen des starken Supports Koj macht sich positive Anspannung im Wizemann breit. Viele haben diese Band seit Jahren nicht live gesehen, für viele ist es gar das erste Mal. Ihre früheren Auftritte in Stuttgart waren kleiner, deutlich kleiner sogar. Im erwähnten Keller Klub ließen sie Schweiß von der Decke regnen, auch das Universum zerlegten sie fachgerecht. Beide Läden, schnüff, gibt es nicht mehr. Aber dafür haben wir Fjørt wieder. Ist ja auch was.

Menge wogt in Harmonie

Um kurz nach neun erlischt das Licht, eine Stimme und eine Textnachricht von der Bühne ermahnen zu respektvollem Verhalten, zu Toleranz und Harmonie. Konzerte von Fjørt sind kein Alphamännchen-Säbelrasseln, das zeigt sich auch an diesem Abend. Die Menge wogt in lauter Harmonie, getragen von dem reinigenden Inferno, das das Trio auf der Bühne entfesselt. „Belle époque“ haben sie ihr neues Album getauft, triefende Ironie natürlich angesichts der unsteten Zeiten, in denen wir leben. Und vielleicht musste es erst so schlimm werden, bis Fjørt wieder Lieder über den Niedergang schreiben konnten.

Mit einem überwältigenden, brachialen, dichten Sound fegen Fjørt durch ihr Set, gute 100 Minuten Eskalation, eine verzerrte, verzweifelte, abgründig harte Bestandsaufnahme der Gegenwart. Wenige Bands kanalisieren Wucht auf der Bühne so gut wie Fjørt, wenige Bands beherrschen die Dynamik zwischen apokalyptisch laut und verletzlich leise so meisterhaft. Chris Hell, David Frings und Frank Schophaus verlassen sich blind aufeinander, bilden eine so dermaßen kompakte, unverwüstliche Einheit, dass ihr Wall aus heilsamem Lärm sogar den Nerven ebenbürtig ist. Es macht eben was, wenn man seit Tag eins in dieser Besetzung spielt. Und unzählige Konzerte von „kleinen Rattenlöchern“, wie es Chris Hell selbst sagt, bis zu großen Festivalbühnen abgerissen hat.

Plädoyer gegen Faschismus

Musikalisch stehen natürlich der Furor und die Ohnmacht des neuen Albums im Fokus, ein verdichtetes Noise-Theater am Abgrund unserer Zeit, durchdrungen von verlorener Schönheit. Stücke wie „Messer“ bohren sich direkt in die Haut des Publikums, Lieder wie Mahnmale in Zeiten, die an dunkle Tage erinnern. Bei „43“, einem der intensivsten Momente des Abends, badet David Frings im Publikum, hält ein flammendes Plädoyer gegen Faschismus und lässt sich zum brodelnden Refrain von „Wir leben in Hakenkreuzzeiten“ auf den Händen des Publikums zurück zu seinem Arbeitsplatz tragen. Der Kloß im Hals, er ist danach nicht kleiner. Aber es ist heilsam, in Gegenwart einer Band zu sein, die sich immer und immer wieder klar positioniert und anklagt.

Mit „Nacht“ haben Fjørt einen großen Abschlusssong geschrieben, der nicht nur das neue Album, sondern auch diesen sengenden Konzertabend in Bad Cannstatt beschließt. Die Band tritt die Laternen aus, ein Schlussakt wie eine Moritat, die musikgewordende „Do Not Go Gentle Into That Good Night“ von Dylan Thomas. Was bleibt, ist tiefe Ergriffenheit über diesen Donnerhall. Und die Freude darüber, dass Fjørt wieder da sind. Und das größer denn je.

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Erstellt:
28. März 2026, 10:48 Uhr

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