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Flüchtlingsheim mit Bauzaun abgeriegelt

In einer Unterkunft in der Hohenheimer Straße in Backnang haben sich mindestens elf Bewohner mit dem Coronavirus infiziert. Weil sich nicht alle an die Quarantäneauflagen gehalten haben, bewacht nun ein Sicherheitsdienst das Gebäude.

Zutritt verboten: Ein Bauzaun soll seit Dienstagabend verhindern, dass die 41 Bewohner, die unter Quarantäne stehen, ihre Unterkunft im ehemaligen Landwirtschaftsamt in der Hohenheimer Straße verlassen.Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Zutritt verboten: Ein Bauzaun soll seit Dienstagabend verhindern, dass die 41 Bewohner, die unter Quarantäne stehen, ihre Unterkunft im ehemaligen Landwirtschaftsamt in der Hohenheimer Straße verlassen.Foto: A. Becher

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Nach einem Coronaausbruch in einem Wohnheim für Flüchtlinge, hat die Stadt Backnang ein komplettes Gebäude in der Hohenheimer Straße mit einem Bauzaun abgeriegelt und einen Sicherheitsdienst beauftragt, der nun rund um die Uhr darüber wacht, dass keiner der insgesamt 41 Bewohner, die unter Quarantäne stehen, das Haus verlässt. Wie berichtet, war am vergangenen Samstag bei einem Bewohner der Unterkunft im ehemaligen Landwirtschaftsamt eine Coronainfektion festgestellt worden. Der Infizierte und ein Mitbewohner, mit dem er sich das Zimmer teilte, waren daraufhin sofort isoliert und in eine andere Unterkunft verlegt worden.

Die Hoffnung, so eine Ausbreitung des Virus verhindern zu können, erfüllte sich aber nicht. Die Auswertung einer Testreihe vom Sonntag ergab zehn weitere Infektionen. Und was noch schwerer wiegt: Die Getesteten hielten sich offenbar auch nicht alle an die angeordnete Quarantäne. Deshalb schritt die Stadt Backnang am Dienstagabend zur Tat und riegelte das Gebäude mit einem Bauzaun ab. Sicherheitskräfte wachen nun an den Ausgängen darüber, dass kein Bewohner das Gebäude verlässt oder Besuch empfängt.

Insgesamt leben nach Angaben der Stadt momentan 110 Menschen aus 18 Nationen in der sogenannten Anschlussunterbringung in der Hohenheimer Straße. Unter Quarantäne steht aber nur das Gebäude des ehemaligen Landwirtschaftsamtes, weil es bisher nur dort bestätigte Coronainfektionen gibt. Die Bewohner in den benachbarten Container- und Modulbauten sollen aber auch noch getestet werden, erklärt Baudezernent Stefan Setzer. Sollte es auch dort Infektionen geben, müsse der Quarantänebereich gegebenenfalls ausgeweitet werden.

Einige Bewohner reagieren aggressiv auf Abschottung

Die Wohnsituation in der Flüchtlingsunterkunft begünstigt eine Ausbreitung der Krankheit: Die überwiegend männlichen Flüchtlinge wohnen zum Teil in Doppelzimmern und teilen sich mit mehreren Mitbewohnern Bad und WC, gekocht wird in einer Gemeinschaftsküche. „Natürlich geht es in einer solchen Unterkunft vergleichsweise eng zu, aber 1,50 Meter Abstand kann man auch dort halten“, ist Stefan Setzer überzeugt. Masken sowie Desinfektions- und Reinigungsmittel stellt die Stadt zur Verfügung. Die Verantwortung liege aber in erster Linie bei den Bewohnern selbst, erklärt Hauptamtsleiter Timo Mäule: „Wir sind auf ihre Mitwirkung angewiesen. Sie haben ja auch ein eigenes Interesse daran, sich nicht anzustecken.“

Die Stimmung unter den Bewohnern ist nach Angaben von Beobachtern angespannt und zum Teil auch aggressiv. Nicht alle sehen ein, dass sie das Haus nicht verlassen dürfen. Stefan Setzer sieht aber keine Alternative und hält eine zweiwöchige Abschottung für zumutbar. Eine Verlegung der Infizierten, etwa in die Quarantänestation nach Sechselberg, sei nicht möglich, da diese für Flüchtlinge aus den Erstaufnahmestellen des Landes reserviert sei.

Mit Unterstützung der Integrationsmanager vom Verein Kinder- und Jugendhilfe versucht die Stadt, die Betroffenen nach Kräften zu unterstützen und ihnen die Quarantäne erträglich zu gestalten. Insgesamt sind derzeit drei Sozialarbeiter regelmäßig vor Ort. Damit sie sich nicht selbst anstecken, sind sie von der Stadt Backnang mit der notwendigen Schutzausrüstung, inklusive FFP3-Masken ausgestattet worden. Zusätzlich haben sich auch etliche Ehrenamtliche bereit erklärt, in dieser schwierigen Situation zu helfen.

Großhändler liefert Lebensmittel auf Bestellung

Eine der Herausforderungen ist die Versorgung der Bewohner mit Lebensmitteln. An den ersten beiden Tagen wurde das Essen noch von einem Lieferservice gebracht, künftig sollen sich die Bewohner wieder selbst versorgen. Dafür können sie Bestelllisten bei den Betreuern abgeben, ein Großhändler liefert die Waren dann in die Hohenheimer Straße. Auch die medizinische Versorgung sei vor Ort gewährleistet, versichert Mäule. Die meisten infizierten Personen hätten bis jetzt aber nur leichte Symptome.

Um einem Lagerkoller vorzubeugen, machen die Sozialarbeiter auch Gedanken, wie sie Flüchtlinge in der Quarantäne beschäftigen können. Denkbar wäre zum Beispiel, einen Tischkicker aufzustellen, sagt Timo Mäule. Oberstes Ziel ist aber natürlich, eine weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern. Man werde die Lage in der Einrichtung deshalb genau im Blick behalten und wenn nötig weitere Maßnahmen ergreifen, erklärt Baudezernent Setzer: „Wir haben großen Respekt vor dieser Situation und können nur auf Sicht fahren.“

Coronafälle in Backnanger Kita und Großbottwarer Firma

Auch in der Kita in der Talschule in Backnang-Heiningen gibt es einen Coronafall. Ein Kind, das die Einrichtung besucht, wurde positiv getestet. Die Stadt Backnang hat die Kindertageseinrichtung daraufhin vorsorglich komplett geschlossen. Kinder und Erzieherinnen haben nun die Möglichkeit, einen Coronatest machen zu lassen.

Einen größeren Coronaausbruch gibt es in der Lederfabrik Gmelich und Söhne in Großbottwar Dort wurden elf Mitarbeiter positiv getestet. Da auch alle anderen Beschäftigten Kontakt zu den Infizierten hatten, hat die Geschäftsführung alle 150 Mitarbeiter, die zuletzt in der Firma waren, in Quarantäne geschickt, das Unternehmen bleibt für mindestens 14 Tage geschlossen.

Geschäftsführer Volker Nagel zeigte sich geschockt über den Ausbruch in seiner Firma: „Es ist und war für mich unerklärlich, wie die Infizierten trotz unseres strikten und weitreichenden Hygienekonzepts sich auch abteilungsübergreifend infizieren konnten“, sagte Nagel der Marbacher Zeitung.

Im Zusammenhang mit den Coronafällen äußerte der Geschäftsführer auch Kritik an den Behörden. Diese hätten zu langsam reagiert: Selbst vier Tage nach dem ersten positiven Test seien noch nicht alle Mitarbeiter vom Gesundheitsamt kontaktiert worden. Das Landratsamt Ludwigsburg gibt hingegen dem Unternehmer die Schuld. Dieser habe die angeforderte Mitarbeiterliste erst am Montagnachmittag eingereicht.

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Erstellt:
17. September 2020, 06:00 Uhr

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Das Gebäude ist völlig ausgebrannt. Fotos: A- Becher
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