Varusschlacht im Jahr 9. n. Chr.
Forscher bestätigen: In Kalkriese wurde eine römische Legion vernichtet
Im Jahr 9. n. Chr. vernichteten Germanen ein gewaltiges römisches Heer. Der Name des römischen Generals gab der Schlacht ihren Namen: Varusschlacht. Nun belegen neue Funde und Metallanalysen, dass Kalkriese in Westfalen mit großer Wahrscheinlichkeit der Schauplatz dieser folgenschweren Niederlage Roms war.
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So stellten sich Historienmaler in 19. Jahrhundert den Germanenfürst Arminius hoch zu Ross während der Varusschlacht 9. n. Chr. vor.
Von Markus Brauer
Irgendwo im Niemandsland zu Beginn unserer Zeitrechnung, in der mehr oder weniger eroberten Provinz „Magna Germania“ im heutigen Westfalen: Damals, im Jahr 9 n. Chr. starb der römische Heerführer Publius Quinctilius Varus durch sein eigenes Schwert.
Beim Ort dieser berühmten Schlacht handelt es sich um ein Areal in der Kalkrieser-Niewedder Senke in Bramsche im Osnabrücker Land, in dem größere Mengen römischer Funde gemacht wurden. Es handelt sich neben dem Römerlager Hedemünden, dem Fundplatz Bentumersiel und dem Harzhornereignis um eine der wenigen größeren römischen Fundstellen im norddeutschen Raum.
20 000 römische Soldaten starben in Germaniens düsteren Wäldern
Mit Varus wurden drei römische Legionen samt Hilfstruppen und Tross, zusammen gut 20 000 Mann – ein Achtel des Gesamtheeres im Römischen Reich – von germanischen Stammeskriegern unter der Führung des römischen Ritters Arminius, besser bekannt als Hermann, der Cherusker, vernichtet.
Die von römischen Schrifstellern wie Tacitus als „Clades Vairana“ (Varus-Niederlage) bezeichnete Schlacht leitete das Ende der römischen Bestrebungen ein, die rechtsrheinischen Gebiete Germaniens (die sogenannte Fluvius Albis) zur Provinz zu machen. Die Schlacht gehört zu den wichtigsten Ereignissen in der antiken Geschichte.
Fand in Kalkriese die Varusschlacht statt?
Doch war Kalkriese der Ort der historischen Varusschlacht? Darüber sind sich Experten seit Jahren uneinig. Seit den 1980er-Jahren gilt die Kalkriese–Niewedder Senke bei Osnabrück in der öffentlichen Wahrnehmung als Ort der Varusschlacht. Doch vieles ließ sich bis heute nicht klären:
- Die römischen Schriftquellen nennen keinen eindeutig identifizierbaren Ort.
- Die Spuren in Kalkriese finden wiederum keine Entsprechung in den Schriftquellen.
- Die zeitliche Einordnung des Platzes anhand der Münzen ist momentan nicht präzise genug.
- Die restlichen römischen Artefakte wurden bisher nicht vollständig gemeinsam ausgewertet.
5400 Kleinobjekte analysiert
Die Archäologin Uta Schröder hat erstmals 5400 Kleinobjekte aus Kalkriese – darunter über 1000 unveröffentlichte – systematisch analysiert. Die Ergebnisse zeichnen ein differenziertes und zugleich überraschend deutliches Bild.
In der späten Regierungszeit von Kaiser Augustus (63. V. Chr. bis 14 n. Chr.) und unter seinem Nachfolger Tiberius (42 v. Chr. bis 37 n. Chr.) kam es in Kalkriese zweifellos zu einer militärischen Auseinandersetzung mit Beteiligung römischer Truppen. Römische Infanterie- und Kavallerie-Einheiten lassen sich sicher nachweisen.
Zahlreiche Artefakte zeigen enge Verbindungen zu römischen Militärplätzen wie Haltern oder Oberaden, weisen zugleich auf römische Rekrutierungsgebiete am Niederrhein und deuten eventuell sogar auf eine vormalige Stationierung einer Einheit in Spanien.
Zweifelsfreier archäologischer Beleg fehlt
Besitzerinschriften nennen einzelne Soldaten; Hinweise auf die legio I Augusta und möglicherweise auch auf die legio VIII Augusta könnten auf bislang kaum bekannte Truppenbewegungen der frühen Kaiserzeit verweisen. Ein zweifelsfreier Beleg, dass es sich bei den Spuren in Kalkriese um die Varusschlacht handelt, fehlt aus archäologischer Sicht weiterhin.
Auch Hinweise auf Frauen und Kinder, die laut Schriftquellen den Tross der Varuslegionen begleiteten, bleiben aus. Zudem zeigt sich, dass frühere Fundkonzentrationen oft weniger historische Vorgänge als vielmehr die Intensität archäologischer Untersuchungen widerspiegeln. Landwirtschaftliche Eingriffe, Bodenbewegungen und ungleichmäßige Prospektionen und Grabungen haben die Fundverteilung im Laufe der Jahrzehnte wesentlich beeinflusst.
„Einer der bedeutendsten archäologischen Schauplätze Europas“
Aus diesem Grund plädiert die Forscherin für eine Neubewertung der bisherigen Untersuchungsmethoden und für stärkere geologische und landwirtschaftliche Begleitforschungen, um die komplexe Kulturlandschaft von Kalkriese adäquat interpretieren zu können.
Ob Varusschlacht oder ein anderes Gefecht der frühen Kaiserzeit, Kalkriese ist und bleibt einer der bedeutendsten archäologischen Schauplätze Europas, dessen Geschichte längst nicht abschließend erzählt ist und der auch künftig überraschende Erkenntnisse bereithalten wird“, konstatiert Uta Schröder.
In Kalkriese starb eine römische Legion
Unstrittig ist auch, dass in Kalkriese eine römische Armee untergegangen ist. Ob es sich um die 17., 18. und 19. Legion aus der Varusschlacht handelt, konnte bislang nicht eindeutig nachgewiesen werden.
Nun hat die Chemikerin Uta Lüttmann an sieben Legionsstandorten die Buntmetalle in den Fokus genommen: Diese sind unendlich recyclebar und wurden von den Legionsschmieden vor Ort bearbeitet, etwa bei der Reparatur von Waffen- und Ausrüstungsteilen wie Fibeln, Gürtelschnallen oder Riemenhalter.
Die Metalle, die zur Reparatur in den Lagerschmieden eingesetzt wurden, enthalten Spurenelemente, die von den römischen Schmieden unbemerkt blieben und auch nicht willentlich beeinflusst wurden. Die Verarbeitung vor Ort hat bei den Legionen mit der Zeit zur Ausbildung eines charakteristischen Musters in der Zusammensetzung der Spurenelemente geführt.
Dieser metallurgische Fingerabdruck beschreibt eine charakteristische Zusammensetzung der chemischen Spurenelemente in den römischen Buntmetallen. So können Forscher unter günstigen Umständen den Legionen, von denen sie wissen, an welchen Lagerstandorten diese stationiert waren, einen eigenen legionsspezifischen metallurgischen Fingerabdruck zuordnen.
Relikte der 19. Legion gefunden
Darauf aufbauend wurden sämtliche römische Buntmetalle aus Kalkriese beprobt und mit Buntmetallen von zahlreichen römischen Standorten verglichen.
Nach Abschluss der Analysen zeigt sich: Vor allem die 19. Legion, die mit Varus untergegangen ist und die Jahre zuvor im süddeutschen Dangstetten stationiert war, hebt sich anhand der Zusammensetzung der Spurenelemente von den anderen Legionen, die erst später in Germanien im Einsatz und an den Rachefeldzügen der Römer beteiligt waren, ab.
„Beim Abgleich der Funde aus Kalkriese mit den Funden aus den anderen Fundorten, stellen wir fest, dass die Funde aus Dangstetten und Kalkriese signifikante Übereinstimmungen zeigen. Die Funde, die aus Legionsstandorten kommen, deren Legionen nicht in der Varusschlacht untergegangen sind, grenzen sich hingegen deutlich von den Funden aus Kalkriese ab und weisen somit signifikante Unterschiede zu den Funden aus Kalkriese auf. Auch zum Lagerstandort Haltern finden sich Übereinstimmungen. Wir können die 19. Legion in Kalkriese identifizieren“, resümiert Annika Lüttmann.
Neues Forschungsprojekt soll mehr Klarheit bringen
Klar ist: In Kalkriese sind noch viele Fragen offen und die Forschungen sind noch lange nicht abgeschlossen. Grund genug ein mehrjähriges Forschungsprojekt auf die Beine zu stellen. Nun ist ein mehrjähriges Ausgrabungsprojekt im Museumspark geplant.
Denn nach wie vor offen ist die Frage, ob die Römer hier in einen von den Germanen taktisch vorbereiteten Hinterhalt geraten sind oder ob sie auf dem Platz ein Marschlager errichtet hatten, das von den Germanen überrannt wurde. Hierbei sollen neue Untersuchungsmethoden zum Einsatz kommen. Von der Klärung erhoffen sich die Archäologen ein tieferes Verständnis der Vorgänge rund um die Varusschlacht.
Varusschlacht
Magna Germania Mit den sogenannten augusteischen Feldzügen ab 13/12 v. Chr. gelangten die rechtsrheinischen Gebiete unter Kontrolle der Römer. Bis zur Gründung der Provinz „Magna Germania“, die im Jahr 90 n. Chr. unter Kaiser Domitian (51-96 n. Chr.) abgeschlossen war, wurde das Gebiet militärisch verwaltet.
Germania Libera In der romantischen Idealisierung der Historienwissenschaft des 19. Jahrhundert wurde für „Gemania Magna“ auch der Begriff „Germania Libera“ (Freies Germanien) gebraucht. Und zwar in dem Sinne, dass der Sieg des Arminius, der bekanntlich durch eine List erfochten wurde – der Germane lockte Varus mit der Lüge, es sei im Gebiet der Cherusker ein Konflikt ausgebrochen – in die unerschlossenen Wälder des heutigen Nordrhein-Westfalens.
Germanicus In der Fundregion Kalkriese fanden zwischen 9 bis 19. n. Chr. eine Reihe großer Schlachten statt. Das Gebiet gilt bei Wissenschaftlern als ein der wahrscheinlichste Schauplatz der Varus-Schlacht sowie der Schlacht des römischen Generals Caecina an dem von Germanen zuvor errichteten Angrivarierwall.
Arminius Siege sind relativ, weshalb Kaiser Tiberius des Blutzolls überdrüssig seinen Feldherren Germanicus aus Germanien abrief. Die römische Armee zog sich in ihre Kastelle westlich des Rheins zurück und überließ die wilden Germanen ihrem Schicksal. Im Jahre 21 wurde der tapfere Arminius, der Vorbild für den Recken Siegfried in der Nibelungen-Saga war, von missgünstigen Verwandten aus dem eigenen Clan ermordet.
Harzhorn Mehr als 200 Jahre nach den Feldzügen des Varus und Germanicus nahmen die Römer in der Schlacht am Harzhorn Rache. 235 n. Chr. stießen römische Kohorten, wohl einige tausend Mann stark, mit Infanterie und Artillerie begleitet von Kavallerie und Tross, tief ins Innere des „Freien Germaniens“ vor und versetzte den Germanen am Westrand des Harzes, am Höhenzug Harzhorn, eine schwere Niederlage.
