Rechtspopulismus und Zuwanderung

Forscher: „Ein Riss verläuft durch Baden-Württemberg“

Eine neue Analyse zeigt, wie eine historische Trennlinie die Stärke der Rechtspopulisten im Land beeinflusst. Erfahrungen mit Zuwanderung sind dabei entscheidend.

In Prag internierte Sudetendeutsche warten im Juli 1945 auf ihre Deportation nach Deutschland.

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In Prag internierte Sudetendeutsche warten im Juli 1945 auf ihre Deportation nach Deutschland.

Von Rainer Pörtner

Nur vier Jahre teilte eine amerikanisch-französische Grenze den Südwesten: Von 1945 bis 1949 war das heutige Baden-Württemberg in eine amerikanische Besatzungszone im Norden und eine französische im Süden geteilt. Kann diese Grenze bis heute Einfluss auf das Wahlverhalten haben?

Zwei Forscher sind genau davon überzeugt. Valentin Lang und Stephan A. Schneider haben gerade eine Studie veröffentlicht, in der sie eine bemerkenswerte These aufstellen: Der unterschiedliche Umgang der zwei Besatzungsmächte mit Vertriebenen prägt bis heute politische Einstellungen. Die unterschiedlichen Erfahrungen mit Zuwanderung, die sich daraus ergaben, haben bis in die Gegenwart Einfluss, wie stark der Rückhalt für Rechtspopulisten ist.

„Ein Riss verläuft durch Baden-Württemberg“, sagen die beiden Wissenschaftler. „In unserer aktuellen Studie weisen wir es nach: Die AfD ist im ehemals amerikanischen Teil deutlich unbeliebter als im ehemals französischen. Die Gründe dafür liefern grundlegende Erkenntnisse über den derzeitigen Aufstieg des Rechtsextremismus in Deutschland. Und auch darüber, was ihn aufhalten kann.“

Die Autobahn A8 wurde zur Trennlinie

Lang ist Juniorprofessor an der Universität Mannheim, Schneider arbeitet als Postdoktorand an der Stanford University (USA). Ihre Studie „Einwanderung und Nationalismus über einen langen Zeitraum“ soll vorbehaltlich einer weiteren Begutachtung im „Journal of the European Economic Association“ erscheinen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es einen Flüchtlingsstrom hinein in das Gebiet der heutigen Bundesrepublik. Mehr als 12 Millionen Deutsche flohen aus den Ostgebieten des Deutschen Reiches. Im Unterschied zu den anderen Besatzungsmächten weigerte sich Frankreich, die Vertriebenen in ihrer Zone aufzunehmen.

„So kam es auf dem Gebiet des heutigen Baden-Württembergs zu einer kuriosen Situation: Die allermeisten Vertriebenen wurden in den Gebieten nördlich der Autobahn A8 untergebracht“, schreiben Lang und Schneider. „Die von ihr durchquerten Kreise bildeten nämlich die Grenze der amerikanischen Besatzungszone. Südlich davon begann die französische Zone.“

Aufschwung in den Gebieten mit vielen Zuwanderern

In den Gemeinden der US-Zone stellten die Vertriebenen damals mehr als zwanzig Prozent der Bevölkerung, in der französischen waren es unter zehn Prozent. Die mittellosen und fremden Zuzügler erlebten anfangs viel Ablehnung.

Aber dann entwickelten sich die Gebiete mit vielen Zuwanderern wirtschaftlich erstaunlich gut. „Baden-Württemberg stellt hierbei keine Ausnahme dar“, erläutern die beiden Autoren. „Viele wissenschaftliche Studien der letzten Jahre haben gezeigt, dass Zuwanderung nach einigen Jahren der Integration oft zu wirtschaftlichem Aufschwung führt.“

Durch Auswertung statistischer Daten und Umfragen haben Lang und Schneider ermittelt, dass die positiven Erfahrungen mit Zuwanderung, die damals gemacht wurden, auch Generationen später in diesen Gebieten noch spürbar sind – nicht nur bei den Nachfahren der Flüchtlinge. „All das wirkt sich bis heute auf die Wahlergebnisse und den Erfolg einwanderungsfeindlicher Parteien aus“, glauben sie nach Auswertung aller Wahlergebnisse in baden-württembergischen Gemeinden seit 1949.

Immunisierung gegen Rechtsextremismus

Immer dann, wenn das Thema Einwanderung in den Wahlkämpfen eine bedeutende Rolle spielte, sei die alte Besatzungsgrenze im Wahlverhalten wieder deutlich geworden. „Dann gewinnen rechtsextreme Parteien dort mehr Stimmen, wo weniger Erfahrungen mit Zuwanderung gemacht werden konnten.“

In den Gebieten der ehemaligen US-Zone hingegen sind diese Parteien schwächer. Anfang der 1990er profitierten die Republikaner (REP) von diesem Phänomen, heute ist es die AfD. In der Bundestagswahl von 2025 machte das AfD-Ergebnis an der ehemaligen Besatzungszonengrenze im Schnitt einen Sprung um ganze drei Prozentpunkte.

Aus Sicht der Wissenschaftler ermöglicht die historisch einmalige Situation in den Besatzungszonen des Südwestens grundsätzliche Schlussfolgerungen.

„Positive Erfahrungen mit Einwanderung verringern migrationsfeindliche Einstellungen“, lautet ihr Fazit. „Lokale Erfahrungen mit früherer Zuwanderung wirken dort wie eine Immunisierung gegen zunehmenden Rechtsextremismus.“

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Erstellt:
5. März 2026, 06:12 Uhr

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