Forscher warnt vor Gefahren durch KI
„Frankenstein hat nur eine Kreatur geschaffen. Wir haben heute viele Monster“
Frankensteins Monster gilt als eines der bekanntesten Ungeheuer. Ein Fachmann bringt die fiktive Figur nun in Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz. Er sagt: An einem Punkt ist die Entwicklung heute schon weiter als im Roman.
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Wird sich Künstliche Intelligenz irgendwann gegen ihren Schöpfer, den Menschen, wenden? Manche KI-Forscher befürchten das – mit unguten Aussichten für das Überleben der Menschheit.
Von Markus Brauer
Der Eichstätter Technik-Ethiker Norbert Paulo zieht Verbindungslinien zwischen dem Gothic-Schauerroman „Frankenstein“ und Künstlicher Intelligenz (KI). In beiden Fällen sei menschlicher Hochmut auf Seiten der Erfinder im Spiel, sagt Paulo.
„Frankenstein ließ das Monster auf die Leute los, ohne eine direkte Beziehung zu ihm zu haben. Heute werden verschiedene KIs einfach auf die Menschheit losgelassen, obwohl sie noch nicht vollständig trainiert sind. Ethische Maßstäbe spielen dabei eine erstaunlich geringe Rolle“, erklärt der Wissenschaftler.
Paulo ist Inhaber einer Stiftungsprofessur für Philosophie und Ethik der Digitalisierung an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU).
„Wir haben heute viele Monster“
An einem Punkt ist die Entwicklung heute Paulo zufolge schon weiter als in dem Roman von Mary Shelley, der im bayerischen Ingolstadt spielt. „Frankenstein hat nur eine Kreatur geschaffen. Wir haben heute viele Monster.“
Frankenstein habe sich aus moralischen Gründen geweigert, seinem Geschöpf eine Gefährtin zu schaffen. „Meine Sorge ist, dass die KI nun beginnt, ihre eigenen Systeme selbst zu generieren.“
Paulo hält einen völligen menschlichen Kontrollverlust für denkbar. KIs ließen sich beliebig vervielfältigen. Sie seien weder an Ort noch Zeit gebunden, und es gebe auch keinen „roten Knopf“, um sie zu stoppen.
Schon jetzt gebe es erste Studien, die zeigten, „dass sie sich aus Angst, abgeschaltet zu werden, auch gegen ihre eigenen Programmierer richten“.
„Frankenstein oder Der moderne Prometheus“
Gerade 18 Jahre alt war Mary Shelley, als sie sich einen Roman ausdachte, der heute als Mutter aller Horrorgeschichten gilt: „Frankenstein; or, The Modern Prometheus“ – „Frankenstein oder der moderne Prometheus“.
Die Geschichte des medizinischen Gelehrten, der aus toter Materie ein hässliches, furchteinflößendes, mordendes Monster schafft, entstand in einem Sommer in Genf, als schlechtes Wetter Mary und ihre Freunde ans Haus fesselte. Der Roman kam vor 206 Jahren, am 1. Januar 1818, in den Handel.
Aus Unbelebtem Lebendiges erschaffen
Die Idee, aus unbelebtem oder totem Material etwas Lebendiges zu erschaffen, faszinierte schon lange vor dem Roman von Mary Shelley von 1816. Die britische Romantikerin aber war gerade nicht am heute modischen, postmodernen Verständnis für oder gar Mitleid mit dem Monster interessiert, sondern an den zwei Seiten der modernen Wissenschaft, an ihrer Dialektik. Sie machte aus der Figur des künstlichen Menschen eine Metapher für die Wissenschaft und deren Ambiguität.
Shelleys Frankenstein ist ein genialer Arzt, der dem Leben dienen möchte, indem er den Tod besiegt, dann aber begreift, dass er seine Schöpfung nicht mehr kontrollieren kann. Als er die Schattenseiten dieses Wesens erkennt, will er es zerstören. Doch dafür ist es vielleicht schon zu spät.
Alles andere als eine brave Tochter
Mary, geborene Wollstonecraft Godwin, war alles andere als eine brave Tochter aus gutem Hause, die wie damals üblich darauf wartete, auf Geheiß ihres Vaters eine gute Partie zu machen. Die Tochter einer früh gestorbenen Frauenrechtlerin war 1814 gerade mal 16 Jahre alt sie mit dem verheirateten Dichter Percy Bysshe Shelley durchbrannte.
Sie bekam ohne Trauschein ein Kind, das nach wenigen Tagen starb. Sie propagierte offene Beziehungen, liebte es, mit den Männern zu diskutieren, und wurde in der feineren Gesellschaft dafür geächtet.
Mit Percy Shelley reiste Mary im Jahr 1816 nach Genf. Dort trafen die beiden auf zwei andere britische Gestalten: Den damals schon berühmten Schriftsteller Lord Byron sowie dessen Arzt und ebenfalls ambitionierten Schreiber John William Polidori, die die Villa Diodati über dem Genfer See bezogen hatten. Percy Shelley und Mary suchten sich in der Nähe eine Bleibe.
Die Vier sowie Marys Stiefschwester Claire waren ausgerechnet im „Jahr ohne Sommer“ am Genfersee. Der Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien im Jahr zuvor hatte den ganzen Globus in eine Aschewolke gehüllt, durch die kaum Sonnenstrahlen kamen. Europa erlebte nur kaltes und regnerisches Wetter.
Nächte des Fantasierens und Gruselns
Die Gesellschaft langweilte sich schrecklich, bis Lord Byron eine Idee hatte: Jeder möge sich doch eine Gespenstergeschichte ausdenken, um die anderen zu unterhalten. Mary grübelte lange. Sie wollte das ultimative Gruselerlebnis schaffen:
„Der Leser sollte es nicht mehr wagen, sich umzusehen, das Blut sollte in seinen Adern erstarren und sein Herzschlag sollte sich beschleunigen“, schreibt sie im Vorwort ihres „Frankenstein“-Romans.
Und so schuf sie nach einer nächtlichen Erscheinung Frankenstein und sein Monster. Als Inspiration dienten die seinerzeit viel Aufsehen erregenden galvanistischen Experimente. Dabei wurden bei Leichen mit Stromstößen krampfartigen Bewegungen ausgelöst und die Fantasie genährt, Tote könnten wieder zum Leben erweckt werden.
Mary Shelley zeigt eine „arme, hilflose und elende Kreatur“
Den Gelehrten Frankenstein ließ Mary Shelley zwar erschauern: „Abscheu und atemloses Grauen erfüllten mein Herz, als ich die Kreatur erblickte, die ich geschaffen hatte.“
Und das Monster wütet zwar mordend und mit Rache- und Hassgefühlen, doch die Autorin zeigt die „arme, hilflose und elende Kreatur“ ziemlich menschlich. Jemand, der an seiner Hässlichkeit verzweifelt und vor Einsamkeit fast vergeht.
Mary Shelleys Roman wurde nach dem Erscheinen von Kritikern zuerst verrissen. Doch die Idee zündete: Theater legten bald Frankenstein-Geschichten auf.. Der Siegeszug begann.
1910 kam der der erste Stummfilm in die Kinos. Im Jahr 1931 kreierte Regisseur James Whale mit dem britischen Schauspieler Boris Karloff in der Hauptrolle das ikonische Bild des Monsters mit dem turmartigen Schädel. (mit KNA-Agenturmaterial)
