Frau Nägele kennt sich aus beim Thema Sex

Steinheimer Kabarettistin Helga Becker begeistert beim Mundart-Stammtisch im Sulzbacher Schlösslebräu

Mit Szenen aus ihrem Programm „Frau Nägele macht Blau“ begeisterte die Steinheimer Kabarettistin Helga Becker am Donnerstagabend die Besucher des „Mundart-Stammtischs für älle“ im Schlösslebräu in Sulzbach.

Frau Nägele in voller Aktion: Steinheimer Kabarettistin Helga Becker erzählt beim Mundart-Stammtisch über Gott und die Welt. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Frau Nägele in voller Aktion: Steinheimer Kabarettistin Helga Becker erzählt beim Mundart-Stammtisch über Gott und die Welt. Foto: J. Fiedler

Von Wolfgang Gleich

SULZBACH AN DER MURR. Es wäre ein unersetzlicher Verlust, wenn die Texte des Rottenburgers Sebastian Blau (Josef Eberle 1901 bis 1986), des Cannstatters Thaddäus Troll (Hans Bayer 1914 bis 1980) und anderer Autoren verloren gehen würden, nur weil die junge Generation nicht mehr Schwäbisch kann, erklärte die Besigheimer Kabarettistin Sabine Essinger das Anliegen der etwa 350 Mitglieder des Vereins „schwäbische Mundart“ den zahlreichen Besuchern des Mundart-Stammtischs im Schlösslebräu.

Zur Pflege und Bewahrung der in Baden-Württemberg gesprochenen Mundarten, sowohl des Schwäbischen wie auch des Badischen und Fränkischen, veranstalte der Verein landesweit über dreißig Stammtische, zu denen er jeweils Künstler einlade, um ihr aktuelles Programm vorzustellen. Anschließend sei das Publikum eingeladen, von der „Open Stage“ herunter Eigenes vorzutragen.

Am Donnerstagabend, dem zweiten Mundart-Stammtisch, gehörte die Bühne Helga Becker, gelernte Drechslerin und Kauffrau, Stadtarchivarin, Museumsbetreuerin und Heimatpflegerin in Steinheim an der Murr. Als Frau Nägele präsentierte sie Ausschnitte aus ihrem Programm „Frau Nägele macht Blau“, das dem Dichter und Publizisten Sebastian Blau gewidmet ist. Mit Charme, Schwung und Akkordeon erinnerte sie an den längst aus dem Straßenbild verschwundenen Scherenschleifer, rappte auf Schwäbisch über das schwere Los eines Schulmanns und berichtete knitz über ihre Erlebnisse während einer Zugreise von Marbach nach Stuttgart, wo es ja überhaupt keinen Bahnhof mehr gebe, sondern nur noch eine einzige Baustelle, in deren Tunnel man sich hoffnungslos verlieren kann. Kein Halten gab’s dann beim Publikum, als alle gemeinsam das vom unvergessenen Willy Seiler interpretierte Lied vom „Gesangverei“ anstimmten.

Und mucksmäuschenstill wurde es dann im Saal bei der Frage: „Gibt es schwäbischen Sex, und wenn ja, warum nicht?“ Bei der Beantwortung dieser Frage aller Fragen halfen nicht nur Sebastian Blaus Betrachtungen über das Liebesleben der Schwaben „von der Wiege bis zur Bahre“, sondern auch Frau Nägeles eigene Beobachtungen über Chantal und Kevins Bemühungen, das Lebensglück über ein „Tablettle“ dadurch zu finden, indem er sich auf der Couch durch die Angebote von Tinder und Elite-Partner wischt. „Wir dagegen“, blickte sie nostalgisch zurück auf den Kirbetanz in der Gemeindehalle, „mussten raus, uns der Wildnis stellen“. Das wortgewandt geschilderte Abenteuer begann in der verrauchten Bar im Umkleideraum, ging über die sonntägliche Verabredung und das Zusammenschmeißen von Stückle und Sparbüchern bis hin zum „Hauchzichdag“ und endete mit Hitzewallungen und der Erfahrung: „Wie mein Mann gestorben ist, musste ich so viele Formulare ausfüllen, dass es mir schier lieber gewesen wäre, er lebte noch...“

Frau Nägele machte Blau, bodenständig, bisweilen messerscharf an die Grenze zum Boshaften, lebensfroh und gut gelaunt, direkt, ganz so wie ihr der Schnabel gewachsen ist, und zum Abschluss dieses rundum gelungenen Abends wurde auch noch miteinander gesungen. Der gute Ton kam von den „Alten Schachteln“ um die Sulzbacher Rockröhre Sieglinde Bühlmaier.

Info
Nächster Stammtisch

Der nächste Mundart-Stammtisch im Schlösslebräu in Sulzbach steht am Donnerstag, 27. Juni, mit Günther Wölfle auf dem Programm, der mit seiner Version von „Yeschderday“ bis heute bei den Fans unvergessen geblieben ist.

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Erstellt:
25. Mai 2019, 11:30 Uhr

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