Freitagsgebet im Schichtbetrieb

In der Backnanger Moschee findet jeden Freitag auch weiterhin das Freitagsgebet mit etwa 170 Gläubigen zeitversetzt in zwei Gruppen statt. Möglich ist das nur durch strenge Hygienevorschriften, an die sich die Mitglieder erst gewöhnen mussten.

Eigentlich stehen sie Schulter an Schulter, doch nun kann das Freitagsgebet in der Backnanger Moschee nur noch mit Abstand und weniger Teilnehmern stattfinden. Fotos: A. Becher

© Alexander Becher

Eigentlich stehen sie Schulter an Schulter, doch nun kann das Freitagsgebet in der Backnanger Moschee nur noch mit Abstand und weniger Teilnehmern stattfinden. Fotos: A. Becher

Von Kristin Doberer

BACKNANG. 100 Menschen in einem Raum? Das ist in Zeiten von Corona ein ungewöhnlicher Anblick. Doch im Vergleich zu Freitagsgebeten vor der Pandemie wirkt die Backnanger Moschee in diesen Tagen fast leer. Damit sich das gut besuchte Freitagsgebet aber nicht zu einem Infektionsherd entwickelt, gelten seit Monaten strenge Vorschriften. „Wir machen sogar mehr als eigentlich vorgeschrieben ist. Aber wir wollen einfach nichts riskieren“, sagt Murat Haber. Eigentlich kommen zu dem Gebet am Freitagmittag über 200 Muslime, doch seit die Moschee mit Hygienekonzepten wieder geöffnet wurde, ist die Zahl der Anwesenden auf genau 100 gedeckelt, inklusive Imam, Organisatoren und Ordner. Vor jedem Gebet sitzen Helfer mit einer Liste an der Tür: Mal kümmern sich Freiwillige aus den Jugendgruppen darum, mal jemand von der Vorstandschaft. Sie nehmen die Namen aller Teilnehmer in eine Liste auf, messen die Temperatur und achten darauf, dass alle eine Maske tragen. Ist die Liste voll mit 100 Namen, wird die Tür abgeschlossen. Wer dann noch kommt, muss warten.

Erst gab es Kritik und Gegenwind, nun sind alle an die Regeln gewohnt.

„Manche haben erst versucht zu verhandeln, dass sie noch dazu kommen können, aber da bleiben wir hart“, sagt Haber. Auch seien am Anfang alle auf einmal gekommen, mittlerweile aber verteile es sich recht gut. Manche kommen extra früher, andere kommen direkt erst zur zweiten Gruppe, weil da weniger los ist. Denn damit möglichst viele Gläubige trotz der Vorschriften kommen können, gibt es das Freitagsgebet in zweifacher Ausführung. Einmal etwa um 12.20 und nochmal etwa eine Stunde später. Insgesamt kommen nun jede Woche etwa 170 bis 180 Gläubige zum Freitagsgebet, dem wichtigsten Gebet in der Woche. Ist der Freitag ein Brückentag, dann sagen die Verantwortlichen das Gebet in der aktuellen Lage direkt ab. Dafür würden einfach zu viele Leute kommen. „Natürlich gibt es da auch immer Gegenwind. Aber das ist jetzt eben so. Die Gesundheit geht vor“, sagt Mustafa Gül, der sich jahrelang im Vorstand engagiert hat. Trotz aller Hygienemaßnahmen kommen aber weniger Gläubige, als vor Corona. „Eigentlich waren immer etwa 250 Leute da. Manchmal auch mehr“, erinnert sich Haber. Nun haben viele Angst vor einer Ansteckung und bleiben lieber Zuhause.

Im Moment kommen nur die Männer zum Freitagsgebet. Die Räume, in denen für gewöhnlich die Frauen beten, werden als erweiterter Raum genutzt, damit genug Abstand gehalten werden kann. „Einen Nebenraum nutzen wir nun auch mit, damit hier die älteren beten können“, sagt Haber. Dadurch könne diese vulnerable Gruppe besser geschützt werden. Sollte es doch zu einer Infektion kommen, kann man die betroffenen Kontaktpersonen auch je nach Raum informieren. Außerdem gilt in der gesamten Moschee die Maskenpflicht und alle müssen ihren eigenen Gebetsteppich mitbringen, da sie beim Gebet mit Händen und Stirn den Boden berühren. Außerdem dürfen Kinder unter 14 Jahren vorübergehend nicht mehr teilnehmen. „Zum einen haben die durch die Schule sehr viele Kontakte. Zum anderen fällt es Kleineren schwerer, sich an alle Vorschriften halten.“ Auch deshalb findet die Koranschule der Gemeinde schon seit Monaten nur über Skype statt.

Für die Ausarbeitung der Regeln waren die Verantwortlichen in ständigem Kontakt mit dem Ordnungsamt, auch mit anderen Moscheen haben sie Ideen ausgetauscht. Was mittlerweile gut funktioniert, war zunächst nicht allzu leicht einzuführen. Denn: Eigentlich stehen die Betenden Schulter an Schulter. Dass sie nun aber mit zwei Metern Abstand beten müssen, war für einige zunächst unverständlich. „Erst gab es schon etwas Kritik von manchen Mitgliedern, aber sobald auch unser Dachverband Ditib mitgeteilt hat, dass die Hygieneregeln zwingend eingehalten werden müssen, funktioniert es gut“, sagt Murat Haber. Auch sei das Virus mittlerweile viel greifbarer geworden. Viele Mitglieder kennen Infizierte oder haben sogar Todesfälle in der eigenen Verwandtschaft, so Gül.

Der wohl größte Unterschied zu der Zeit vor Corona zeigt sich aber erst nach dem eigentlichen Gebet. Denn anstatt sich die Hand zu geben, sich auszutauschen oder noch gemeinsam zu essen und zu trinken, werden die Mitglieder direkt wieder aus der Moschee geschleust. „Am Anfang hat es in der Tür zum Beispiel etwas Stau gegeben, mittlerweile hat sich das aber eingespielt“, sagt Haber. Da manche direkt nach dem Pflichtgebet gehen, andere aber noch einige Minuten am Platz bleiben und für sich beten, entzerrt sich die Masse etwas. Nicht alle wollen gleichzeitig raus. „Und wenn es doch zu eng wird, haben wir die Ordner hier, die auf Abstand aufmerksam machen.“ In ihren gelben Warnwesten haben diese die Situation im Blick. Sind erst alle Gläubigen aus der Moschee raus, öffnen sie die Fenster und lüften durch. Denn die nächsten werden zum zweiten Freitagsgebet bald kommen. Damit zwischen den beiden Gruppen kein Begegnungsverkehr möglich ist, darf man nur über die Hintertür reinkommen und nur vorne die Moschee verlassen.

Das Jahr hat die Gemeinde mental schwer belastet.

Aber auch wenn sich in der Moschee nun etwas wie Alltag eingespielt hat und das Freitagsgebet unter diesen Vorkehrungen weiter stattfinden kann, war das vergangene Jahr nicht einfach. So war die Moschee im ersten Lockdown im Frühjahr für etwa sieben Wochen geschlossen. Wo eigentlich immer etwas los war, ob im Hinterhof oder in dem kleinen Cafe, wurde es schlagartig still. Besonders schwer wog das in der Zeit des Ramadan und beim anschließenden Opferfest, dem Höhepunkt im islamischen Jahr. „Das war für alle mental belastend. Das ist eigentlich eine Zeit, in der Leute abends zum Essen zusammenkommen.“ Zwar waren Gebete unter Auflagen wieder möglich, doch auf das gemeinsame Essen musste verzichtet werden. Auch hier wurde viel ins Internet verlagert. Predigten und die tägliche Lesung aus dem Koran während Ramadan fand über die Facebookseite statt. „Da haben fast mehr Leute zugeschaut, als hier in der Moschee waren, denn viele hatten Kurzarbeit oder haben sich aus dem Homeoffice dazu geschalten“, sagt Gül: „Trotzdem hat der soziale Kontakt gefehlt.“

Immer mit Maske: In der gesamten Moschee gilt diese Pflicht, auch während des Gebets.

© Alexander Becher

Immer mit Maske: In der gesamten Moschee gilt diese Pflicht, auch während des Gebets.

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Erstellt:
18. Dezember 2020, 06:00 Uhr

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