Frust bei den Fahrschulen

Im Rems-Murr-Kreis müssen Fahrschüler zum Teil monatelang auf ihre praktische Prüfung sowie die Ausstellung ihrer Unterlagen warten.

Frust bei den Fahrschulen

© Alexander Becher

Von Melanie Maier

BACKNANG/SULZBACH AN DER MURR. Der Ärger wächst bei den Fahrschülern und ihren Eltern, aber auch bei den Fahrschulbetreibern. Wochen-, manchmal sogar monatelang müssen Fahrschüler im Rems-Murr-Kreis sich momentan auf einen Termin für ihre praktische Prüfung gedulden. „Wenn ich den Fahrschülern sage, dass sie bis Ende August oder September warten müssen, bis sie ihre Prüfung machen können, dann schauen die natürlich selbst wie ein Auto“, sagt David Aggelidakis, Inhaber von David’s Fahrschul-Akademie in Backnang. In seiner 25-jährigen Karriere habe er so eine schwierige Lage noch nie erlebt, sagt er: „Die Lage ist dramatisch.“

Seine Kollegen Steffen Schmidt von der Fahrschule Schmidt in Sulzbach an der Murr und Andreas Rupp von der Academy Fahrschule Rupp in Backnang schlagen sich mit demselben Problem herum. Der Tüv stelle nicht genügend Prüfungsplätze zur Verfügung, erklärt Schmidt. In Westdeutschland nimmt der Technische Überwachungsverein (Tüv) sämtliche Fahrprüfungen ab. In Ostdeutschland ist die Prüfgesellschaft Dekra dafür zuständig.

Je einige feste Prüftermine pro Woche bekommen die Fahrschulen zugeteilt, die restlichen Termine müssen sie seit Kurzem über ein Online-System buchen. Das funktioniere nicht, berichten alle drei Fahrschulinhaber. „Wir schauen mittlerweile alle zehn, 15 Minuten nach einem Termin“, sagt Rupp. „Aber es gibt einfach keine. Es ist noch schwieriger als zu versuchen, einen Impftermin zu ergattern.“ Die Planung sei somit fast unmöglich. Beim Tüv Süd gehe derweil niemand mehr ans Telefon, „E-Mail-Anfragen werden ignoriert“, stimmt Schmidt zu.

Das Thema beschäftigt nicht nur die Fahrschulen im Raum Backnang. „Es ist ein landesweites Problem“, stellt Jochen Klima, der Vorsitzende des Fahrlehrerverbands Baden-Württemberg, fest. Der Tüv komme nicht damit hinterher, den „Coronaberg“ abzuarbeiten. „Aus dem letzten Jahr schieben wir noch 85000 Bewerber vor uns her“, berichtet Klima. Sein Verband hat sich bereits an das Bundesverkehrsministerium gewandt. „Aber von dort kam nur die Aussage, es würde ein paar Wochen dauern, bis das aufgeholt ist“, sagt er. Klima befürchtet, dass sich die Terminknappheit bis weit in den Herbst oder sogar noch bis zum Jahresende ziehen könnte.

Die beiden Lockdowns von Mitte März bis Mitte Mai 2020 beziehungsweise von Ende Dezember 2020 bis Anfang März 2021 hätten zwangsläufig zu einem nicht unerheblichen Rückstau an offenen Fahrerlaubnisprüfungen geführt, gibt der Tüv Süd in einem Infobrief an die Fahrschulinhaber zu. Und weiter: „Leider ist es nicht auszuschließen, dass der Abbau dieses ‚Coronabergs‘ voraussichtlich noch mehrere Monate in Anspruch nehmen wird, vorausgesetzt, es kommt zu keinem weiteren Lockdown.“

Nach dem ersten Lockdown im März 2020 seien bereits Maßnahmen wie etwa Neueinstellungen und die Durchführung von Prüfterminen an Samstagen (siehe Infokasten) eingeleitet worden, die bis heute fortgeführt würden. Dadurch hätten in den Monaten März, April und Mai dieses Jahres je zirka 57000 praktische Fahrerlaubnisprüfungen stattgefunden, dem Tüv Süd zufolge sind das rund 12,6 Prozent mehr als 2019, vor der Pandemie.

Weil die Prüfungen nun länger dauern, kommen weniger Fahrschüler pro Tag an die Reihe.

Doch der Coronastau ist nicht das einzige Problem, durch das die Lage sich enorm verschärft hat. Der zweite Grund dafür: Im vergangenen Frühjahr wurden die Zeiten der praktischen Prüfungen verlängert, und zwar meistens um zehn bis 15 Minuten. Beim Autoführerschein zum Beispiel muss ein Fahrschüler nun 55 statt wie vorher 45 Minuten fahren. Dementsprechend weniger Prüfungen können die Prüfer des Tüv an einem Tag abnehmen. Dass es zu der Verlängerung der Prüfzeiten kommen würde, war allerdings schon lang bekannt, weshalb der Fahrlehrerverband sich frühzeitig mit der Bitte an den Tüv richtete, mehr Prüfer einzustellen. „Aber Der Tüv hat vorher unisono behauptet: Wir schaffen das“, so Jochen Klima vom Fahrlehrerverband. Das scheint nun nicht der Fall zu sein. Klimas Ansicht nach hat der Tüv seine Kapazitätsgrenze erreicht. „Das Hauptproblem ist, dass der Tüv zu wenige Prüfer hat“, sagt auch Fahrschulinhaber Steffen Schmidt. „Bei uns war es schon so, dass eine Prüfung morgens einfach ausfiel, weil der Prüfer krank war und niemand für ihn einspringen konnte.“ Dem Tüv zufolge wurden zwar neue Mitarbeiter eingestellt. Doch es dauert in der Regel zwei Jahre, bis diese Prüfungen abnehmen dürfen.

Und es gibt noch einen dritten Missstand: Es dauert aktuell oft zwei bis drei Monate, bis die Zulassungsstelle einen Antrag für einen Führerschein ausstellt. Beim Landratsamt erklärt man die unverhältnismäßig langen Bearbeitungszeiten mit personellen Engpässen. Leonie Ries vom Landratsamt verweist auf die pandemiebedingte Schließung der Führerscheinstelle sowie die anschließende eingeschränkte Öffnung mit Online-Terminvergabe. Außerdem seien viele Mitarbeiter der Führerscheinstelle Mütter, die – ebenfalls bedingt durch die Pandemie – in den vergangenen Monaten die fehlende Kinderbetreuung bewältigen mussten. Darüber hinaus habe es noch einen Wechsel in der Amtsleitung gegeben. Die Zahl der Mitarbeiter sei in der Zwischenzeit aber verstärkt worden.

Wo genau es hakt, das ist den meisten Eltern nicht bewusst. Die Beschwerdeanrufe und -E-Mails schlagen nicht etwa beim Tüv oder bei der Zulassungsstelle, sondern bei den Fahrschulen auf. Dass ihre Kunden erbost sind, verstehen David Aggelidakis, Andreas Rupp und Steffen Schmidt sehr gut. „Die jungen Leute sind ja besonders hart getroffen worden von der Pandemie“, sagt Aggelidakis. „Jetzt müssen sie auch noch um ihren Führerschein kämpfen.“ An der Situation können die Fahrschulinhaber jedoch so gut wie nichts ändern. „Wir sind da echt machtlos“, sagt Schmidt. „Und das ist mehr als frustrierend.“ Er hat dem Tüv Süd vor einer Woche eine E-Mail geschrieben, um mehr Prüfungstermine zu bekommen. Auch darauf: keine Antwort.

Mit welchen Maßnahmen der Tüv Süd der Lage Herr werden will

In einem offenen Infobrief vom 16. Juni „zur aktuellen Situation bei den Fahrerlaubnisprüfungen“ erklärt der Tüv Süd den Mangel an Prüfungsplätzen mit den Auswirkungen der Coronapandemie (siehe Fließtext).

Folgende Maßnahmen sollen laut Tüv Süd helfen, den „Coronaberg“ abzuarbeiten:
– Neueinstellungen zum Aufbau von zusätzlichen Prüfkapazitäten
– Verschiebung von möglichen Prüfkapazitäten aus dem Kfz-Bereich in den Bereich Fahrerlaubnis (teilweise mit Schließungen von Prüfstellen verbunden)
– Einsatz von Mehrarbeit aller im Bereich Fahrerlaubnis eingesetzten Kapazitäten im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten
– Durchführung von Prüfterminen an Samstagen
– Zusatztheorietermine
– ausnahmsweise Einsatz von reinen Theorieprüfern (aus dem Kfz-Bereich), um weitere Kapazitäten für praktische Prüfungen zur Verfügung zu stellen (im Rahmen einer befristeten Ausnahmegenehmigung der Ministerien Baden-Württemberg und Bayern)

Der Tüv Süd versichert den Fahrschulinhabern, „dass wir alles in unserer Macht Stehende unternehmen, um diese Situation so zufriedenstellend wie möglich für alle Beteiligten zu lösen“. Mit dem gebotenen Verständnis und Respekt füreinander könne man die schwierige Situation meistern.

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Erstellt:
24. Juni 2021, 06:00 Uhr

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