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Führungschaos statt klare Perspektive bei der Commerzbank

dpa Frankfurt/Main. Der Aufstand von Investoren lässt die Commerzbank ins Ungewisse taumeln. Statt einen entschlossenen Konzernumbau anzugehen, ist das Institut mit der Suche nach Führungskräften beschäftigt. Schnelle Lösungen sind nicht in Sicht.

Statt einen entschlossenen Konzernumbau anzugehen, ist die Commerzbank mit der Suche nach Führungskräften beschäftigt. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Statt einen entschlossenen Konzernumbau anzugehen, ist die Commerzbank mit der Suche nach Führungskräften beschäftigt. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Die Commerzbank lähmt sich selbst. Fast zehn Stunden haben die Aufsichtsräte des Instituts am Mittwoch zusammengesessen, um einen Ausweg aus der Führungskrise zu finden.

Der Ertrag ist ernüchternd: Eine Vier-Satz-Mitteilung der Bank schreibt fest, was im Grunde am Freitag schon klar war. Konzernchef Martin Zielke geht vorzeitig spätestens Ende Dezember - bleibt aber erstmal, weil es bislang nicht einmal eine vage Vorstellung gibt, wer den teilverstaatlichten Frankfurter MDax-Konzern künftig führen soll.

Auch die zweite Spitzenpersonalie - Ersatz für Aufsichtsratschef Stefan Schmittmann - bleibt vorerst ungeklärt. Intern drängt sich kein Kandidat auf, obwohl das Gremium außer Schmittmann 19 weitere Mitglieder hat.

„Es ist ein bisschen wie beim Elfmeterschießen: Keiner traut sich zu schießen, aber es will auch keiner ausgewechselt werden“, ätzt ein Beobachter. Nun soll extern gesucht werden. Nächster Versuch, die Nachfolge zu regeln: Die Aufsichtsratssitzung am 3. August, bei der Schmittmann sein Amt niederlegen will.

Wie ein „geordneter Prozess“, den Schmittmann der Belegschaft im Intranet zusicherte, wirkt das alles nicht. Und die Zeit drängt. Das Management muss dringend die Frage beantworten, wie im Dauerzinstief nachhaltig Geld verdient werden soll und was aus dem im Vergleich zur Konkurrenz nach wie vor relativ großen Filialnetz werden soll.

Zwar stellte der Vorstand - unbeeindruckt vom Führungschaos - den Aufsichtsräten am Mittwoch in Grundzügen vor, wie er sich den Kurs für die nächsten Jahre vorstellt. Die Rezepte sind im Kern wenig überraschend: Weitere Stellenstreichungen und Filialschließungen.

Doch wie soll ein Vorstandschef auf Abruf überzeugend einen verschärften Sparkurs umsetzen? Und will die Bank allen Ernstes Zielkes Nachfolger vor vollendete Tatsachen stellen? „Welcher qualifizierte Manager will denn eine Rosskur umsetzen, die ein gescheiterter Vorgänger ihm hinterlassen hat?“, fragt die „Börsen-Zeitung“.

Widerstand gibt es auch im Aufsichtsrat: „Es wäre eine Ohrfeige für einen neuen Vorstandschef, jetzt eine Strategie zu verabschieden.“ Dass die Strategie am 5. August mit Vorlage der Halbjahreszahlen veröffentlicht wird, ist mehr als ungewiss.

Viel Zeit freilich bliebe auch einem neuen Vorstandsvorsitzenden nicht. Die Ungeduld der Investoren hat zugenommen, nachdem die im Herbst von Zielke vorgestellten Schritte nicht wirklich überzeugten: Etwas weniger Personal, etwas weniger Filialen, Eingliederung der Online-Tochter Comdirect. Den Verkauf der Mehrheitsbeteiligung an der polnischen mBank blies der Commerzbank-Vorstand ab, weil sich die Preisvorstellung im Markt aktuell nicht durchsetzen ließ.

Noch im Frühjahr 2019 sah es so aus, als könnte die Commerzbank gemeinsam mit der Deutschen Bank prosperieren. Doch der Fusionstraum platzte. Und während Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing seinem Haus anschließend eine Radikalkur verpasste und seither den Umbau des größten deutschen Geldhauses selbstbewusst vorantreibt, blieb es bei der Commerzbank bei kleineren Anpassungen. Aus „Commerzbank 4.0“ wurde schlicht „Commerzbank 5.0“ - wie ein großer Strategieschwenk klang das schon bei der Vorstellung der Pläne im Herbst 2019 nicht.

Die Ratingagentur Fitch erwartet, dass eine Neubesetzung der Konzernführung dazu führen würde, dass der Commerzbank-Vorstand „substanziellere Maßnahmen ergreift, um die Unfähigkeit der Bank zu beheben, ihre finanziellen Ziele zu erreichen“. Allerdings könnte der Umbau über Jahre lähmen: Jobabbau und Filialschließungen könnten zwar dazu beitragen, „die chronisch schwachen Gewinne der Bank mittelfristig“ zu verbessern, analysiert Fitch. Doch solche Schritte wären „keine schnelle Lösung, da zusätzliche Restrukturierungskosten den Rentabilitätsdruck kurzfristig erhöhen würden“.

Dennoch: „Die Bank ist ja nicht krank!“, betonte Stefan Wittmann, Vertreter der Gewerkschaft Verdi im Commerzbank-Aufsichtsrat, im Deutschlandfunk. Die Bank stehe „auf soliden Füßen“, habe ordentliches Eigenkapital, erfülle alle Auflagen der Aufseher und habe sich „ordentlich im Geschäftsmodell aufgestellt“.

Die Commerzbank spiele „eine zentrale Rolle für die Mittelstands- und Exportfinanzierung der deutschen Wirtschaft“ - so beschreibt es der Bund als größter Einzelaktionär des Instituts. Nach eigenen Angaben wickelt die Commerzbank rund 30 Prozent des deutschen Außenhandels ab und ist Marktführer im deutschen Firmenkundengeschäft. 43 Prozent der exportierenden Unternehmen arbeiten einer Forsa-Umfrage zufolge im internationalen Geschäft unter anderem mit der Commerzbank zusammen.

Zwingend sei, „einen klaren Kurs“ zu benennen, mahnt Aufsichtsrat Wittmann. Hauptproblem aus Sicht des Arbeitnehmervertreters: Seit der abgesagten Fusion mit der Deutschen Bank wisse die Belegschaft der gelben Bank - zuletzt fast 40 000 Vollzeitkräfte im Konzern - „eigentlich nicht genau (...), wo es weiter hingehen soll“. Daran hat die Aufsichtsratssitzung vom Mittwoch nichts geändert.

© dpa-infocom, dpa:200709-99-729772/3

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Erstellt:
9. Juli 2020, 11:46 Uhr

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