Für die Narrentaufe in Murrhardt ist zunächst kein Wasser da

Bürgermeister Armin Mößner wehrt sich tapfer, aber vergeblich. Die Narren der Narrenzunft Murreder Henderwäldler stürmen gestern Abend sein Rathaus. Die Taufe von drei Frauen als Feuerbarthl wird vorgezogen, schließlich folgt die Taufe von sechs Täuflingen als Wasserfratzen.

Bürgermeister Armin Mößner wehrt sich vehement gegen die Narren und die Herausgabe des Rathausschlüssels. Im SWR-Fernsehen ist heute Abend in der „Landesschau“ ein kurzer Beitrag des Rathaussturms und der Narrentaufe in Murrhardt zu sehen. Fotos: Stefan Bossow

© Stefan Bossow

Bürgermeister Armin Mößner wehrt sich vehement gegen die Narren und die Herausgabe des Rathausschlüssels. Im SWR-Fernsehen ist heute Abend in der „Landesschau“ ein kurzer Beitrag des Rathaussturms und der Narrentaufe in Murrhardt zu sehen. Fotos: Stefan Bossow

Von Florian Muhl

Murrhardt. Das war noch nie da. Vier Frauen und zwei Männer stehen am gestrigen „Schmotziga Donnerschtich“ auf dem Marktplatz bereit, um als Wasserfratzen getauft und damit in die Narrenzunft Murreder Henderwäldler aufgenommen zu werden, aber dann fehlt das nötige Taufwasser. Peinlich. Aber auch lustig. Die Zunftmeister Matthias Schlichenmaier und Diana Spreu improvisieren und ändern gekonnt die Programmchronologie.

Doch der Reihe nach. Es ist 17.20 Uhr. Matthias Schlichenmaier wirkt ruhig und gelassen. Er freut sich, „dass endlich wieder Fastnacht ist“, sagt der 39-Jährige. „Es ist ja dieses Jahr sehr kurz, unsere Veranstaltungen sind viel früher als sonst.“ Aber nicht nur er ist voller Vorfreude. Die Narrenzunft hat großen Zulauf. „Wir hatten jetzt nach der Pandemie in einem Jahr 30 Neumitglieder“, erklärt der Zunftmeister, der dieses Amt schon seit zehn Jahren inne hat. Aber die müssen auf ihre Taufe noch warten. Denn es gibt eine Warteliste. An diesem Tag sind zunächst Mitglieder dran, die schon vor Corona zu den Henderwäldlern gestoßen sind.

Unters wartende Publikum haben sich Finja und Svea gemischt. Die Geschwister aus Murrhardt sind mit Mama und Papa heuer zum zweiten Mal bei der Fasnet, verrät Finja. Die Elfjährige hat kein Kostüm angezogen. „Ich hatte heute keine Lust dazu“, sagt sie und greift weiter in ihre Pommes-Tüte. Ihr neunjähriger Bruder dagegen sieht mit Perücke und Helm wirklich perfekt wie ein Wikinger aus.

Hans Schieber und seine Frau Irmgard sind in Sachen Fastnacht „alte Hasen“. Mindestens 20-, 30-mal sind sie schon da gewesen, sagen die gebürtigen Murrhardter, die im Teilort Hördthof zuhause sind. Auf was sie sich freuen? „Aufs ganze Programm“, sagt der 79-Jährige. Und seine 72-jährige Gattin ergänzt: „Wir freuen uns auch auf unsere Freunde, die wir hier treffen. Deswegen geht man ja auch her.“

Es ist punkt 17.33 Uhr, als Peitschenschläge den Beginn der Veranstaltung ankündigen. Wenige Augenblicke später treffen die Guggenmusiken und Narren befreundeter Vereine aus Richtung Hauptstraße ein, angeführt von zwei Gäulen, die den Narrenbaum hinter sich herziehen. Dann fragt sich Matthias Schlichenmaier, ob’s im Rathaus im zurück liegenden Jahr gut gelaufen ist, „oder ob’s wieder knirscht und kracht?“ Diana Spreu entdeckt überrascht: „Im Rathaus brennt ja jetzt noch Licht.“

Baggerfahrer wird vom Narrensamen gefangen genommen

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Armin Mößner zeigt sich auf dem Balkon, ist aber zur Schlüsselübergabe nicht bereit. Doch dann beginnt der Zunftmeister mit seinen Klagen: „Es wird grad in jeder Straß’ gewerkt (...) sie leget’s Glaserfaserkabel nei.“ Diana Spreu schlägt in die gleiche Kerbe: „Die Baustellen werden immer meh’, des is so langsam nemmer schee.“ Mößner lehnt aber die vorgeschlagene Umschulung zum Maulwurf ab und will sich vom neuen Bagger retten lassen. Der rollt auch an, doch der Baggerfahrer wird vom Narrensamen sogleich gefangen genommen und in den Hühnerstall gesperrt. Als Diana Spreu die Amin-Mößner-Sporthalle anspricht und die Tonalarmsirenen, die sie zunächst für Durchsage-Lautsprecher für Landwirte hält, kündigt der Bürgermeister seine Superwaffe an. Es sind Klimakleber, die sich vor der Rathaustür festkleben.

Aller Widerstand ist zwecklos. Es ist 18.10 Uhr, als die Narren den Sitz der Stadtverwaltung stürmen und den Schlüssel erbeuten. Jetzt wird auch der Narrenbaum aufgestellt, nach traditioneller Methode mit Handarbeit. Und dann bringt ein Fuhrwerk werden die neun Täuflinge – wie früher – zum Marktplatz.

„Wogende Wasser, fruchtbringende Flut, Nässe, Eis und Kälte erfordern euren Mut.“ Nachdem die sechs Wasserfratzen-Täuflinge bereit stehen und Diana Spreu diese Worte gesprochen hat, gerät sie ins Stocken. Der Trommelwirbel stoppt. „Ähm, das ist mir jetzt allmächtig peinlich, mir henn kei Wasser do.“ Gelächter. „Des’s au no nie passiert“, lacht sie und fordert prompt die Gesellen auf, mit der Feuertaufe weiter zu machen. Ihren ganzen Mut zeigen die drei Täuflinge, die kurz über die qualmende Feuerschale gehoben werden.

Die Feuerbarthl werden kurz über ein Feuer gehalten, danach in Stroh gewälzt und anschließend mit Asche überschüttet, wie hier Julia Piechot.

© Stefan Bossow

Die Feuerbarthl werden kurz über ein Feuer gehalten, danach in Stroh gewälzt und anschließend mit Asche überschüttet, wie hier Julia Piechot.

Dann sind doch auch die Wasserfratzen dran. Sie schütteln sich mächtig, als die Eimer über ihnen ausgekippt werden. „Es war mega, aber so kalt – ich hab gedacht, die Kälte hört nicht mehr auf“, sagt Antonio Trombetta klitschnass, als er alles überstanden hat. „Es war nur ein Eimer, aber ich hab das Gefühl gehabt, es waren 20“, sagt der 42-Jährige. Sein sehnlichster Wunsch: „Nach dem Gruppenfoto renn ich schnell nach Hause, duschen, weil ich stink.“ Das Taufwasser war nämlich „verfeinert“ worden mit „gräuselig riechenden Zutaten“.

Die Wasserfratzen werden mit einer Brühe, angesetzt aus dem Fratzenbrunnenwasser und verfeinert mit „gräuselig riechenden Zutaten“, übergossen, so wie Antonio Trombetta.

© Stefan Bossow

Die Wasserfratzen werden mit einer Brühe, angesetzt aus dem Fratzenbrunnenwasser und verfeinert mit „gräuselig riechenden Zutaten“, übergossen, so wie Antonio Trombetta.

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Erstellt:
9. Februar 2024, 06:00 Uhr

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