Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Für drei Euro durch die ganze Stadt

VVS-Stadtticket kommt in der Region gut an – Auch Backnanger Stadträte wünschen sich die vergünstigten Fahrkarten

Hohe Stickoxidwerte und tägliche Staus werfen in Backnang die Frage auf, wie es gelingen kann, zumindest einige Autofahrer zum Umstieg auf Bus und Bahn zu bewegen. Ein Anreiz könnte ein vergünstigtes Stadtticket sein, wie es schon mehrere Städte in der Region eingeführt haben. In Ludwigsburg oder Herrenberg ist die Zahl der ÖPNV-Nutzer dadurch tatsächlich gestiegen.

Bei Burhan Ilani und seinen Busfahrerkollegen in Ludwigsburg ist das Stadtticker für drei Euro ein Verkaufsschlager.Foto: H. Wolschendorf

Bei Burhan Ilani und seinen Busfahrerkollegen in Ludwigsburg ist das Stadtticker für drei Euro ein Verkaufsschlager.Foto: H. Wolschendorf

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Wer in Backnang mit dem Bus etwa von Steinbach oder Waldrems in die Innenstadt fahren will, der muss ein Ein-Zonen-Ticket für 2,50 Euro lösen. Für Hin- und Rückfahrt sind also fünf Euro fällig. In Ludwigsburg, Esslingen oder Herrenberg ist die Fahrt in die Stadt deutlich günstiger: Dort gibt es das sogenannte Stadtticket. Es kostet drei Euro und gilt innerhalb von 24 Stunden für beliebig viele Fahrten im gesamten Stadtgebiet. Daneben gibt es noch ein Gruppenticket für fünf Personen. Es kostet sechs Euro und gilt ebenfalls einen ganzen Tag für beliebig viele Fahrten.

Der Verkehrsverbund Stuttgart (VVS) bietet das Stadtticket in dieser Form seit August 2018 an. Städte, die mitmachen wollen, müssen dem VVS die Einnahmeausfälle, die durch das vergünstigte Ticket entstehen, ausgleichen. In Herrenberg sind das pro Jahr 70000 Euro, im deutlich größeren Ludwigsburg rund 600000 Euro. Das Geld scheint aber gut angelegt, denn das neue Ticket verkauft sich hervorragend und die Städte berichten über steigende Fahrgastzahlen.

Ludwigsburg meldet etwa einen Zuwachs von 15,6 Prozen, pro Monat werden dort mehr als 30000 Stadttickets verkauft. In Herrenberg liege die Steigerung sogar bei mehr als 20 Prozent, berichtet Fabian Kienle, kaufmännischer Leiter bei den Stadtwerken. Wobei das wohl nicht allein dem günstigen Ticket zu verdanken ist. In Herrenberg wurde auch die Linienführung geändert und ein zusätzlicher Bus eingesetzt. Seitdem gebe es praktisch keine Verspätungen mehr, sagt Kienle.

VVS drängt auf einheitliches Preismodell

Nach den guten Erfahrungen in den Modellkommunen haben sich bereits 17 weitere Städte in der Region für das Stadtticket entschieden. In Kürze gibt es die vergünstigten Fahrkarten unter anderem in Böblingen, Sindelfingen, Leonberg und Leinfelden-Echterdingen. Aus dem Rems-Murr-Kreis sind Fellbach und Kernen im Remstal mit dabei.

Backnang fehlt noch auf der Liste, doch nach dem Willen der SPD-Gemeinderatsfraktion soll sich das bald ändern. Im Juli hat sie den Antrag gestellt, die Einführung eines Stadttickets zu prüfen. Man greife damit ein Versprechen aus dem Kommunalwahlkampf auf, erklärt Fraktionschef Heinz Franke: „Wir müssen schauen, wie wir die Innenstadt vom Individualverkehr entlasten können.“ Dabei wolle man aber nicht „die Verbotskeule schwingen“, sondern Anreize schaffen. Mit dem vergünstigten Stadtticket, das auch auf der S-Bahn zwischen Backnang und Maubach gelten würde, könne man die Attraktivität des öffentlichen Nahverkehrs steigern. Im Rathaus hält man sich zu diesem Thema im Moment noch bedeckt: „Wir prüfen derzeit, welche Erfahrungen andere vergleichbare Kommunen mit der Einführung des Stadttickets gemacht haben und werden dem Gemeinderat dann rechtzeitig zu den Haushaltsberatungen einen Vorschlag unterbreiten“, teilt Erster Bürgermeister Siegfried Janocha mit.

Die Chancen, dass der SPD-Antrag im Gemeinderat eine Mehrheit findet, stehen aber gut. Die Grünen haben schon Zustimmung signalisiert: „Wir werden alles unterstützen, was den ÖPNV in Backnang attraktiver macht“, sagt Fraktionschefin Melanie Lang. Auch die CDU unterstützt den Plan: „Wir sind grundsätzlich dafür, ein solches Stadtticket einzuführen, um für die innerstädtischen Verkehre mehr Bürgerinnen und Bürger zu Fahrten mit dem Bus zu gewinnen und diese Fahrten günstiger zu machen“, erklärt die Fraktionsvorsitzende Ute Ulfert. Auch die CDU hatte das Stadtticket im Wahlkampf thematisiert. Die Fraktion von Bürgerforum/FDP unterstützt die Idee im Grundsatz ebenso, Fraktionschefin Charlotte Klinghoffer hat allerdings Zweifel, ob das Ticket in seiner jetzigen Form für Backnang passt: „Wir sehen die Vorteile eher bei den großen Städten wie Ludwigsburg und Esslingen“, erklärt sie. Für Spontan- und Seltenfahrer ist das Ticket aus ihrer Sicht kein großer Anreiz.

Manche Stadträte könnten sich für Backnang deshalb auch ein eigenes Preismodell vorstellen. So hatte die SPD in ihrem Antrag vorgeschlagen, für das Stadtticket nur zwei Euro zu verlangen. Beim VVS ist man allerdings um Einheitlichkeit bemüht: „Der Aufsichtsrat hat das Modell mit dem Tagesticket für drei Euro und dem Gruppenticket für sechs Euro beschlossen“, sagt VVS-Pressesprecherin Ulrike Weißinger. Individuelle Lösungen seien nicht gewünscht.

Eine Ausnahme gibt es aber dennoch, nämlich Marbach am Neckar. Die Schillerstadt hat schon seit 2015 einen eigenen Stadttarif. Dort gilt das Kurzstreckenticket für 1,40 Euro im gesamten Stadtgebiet. Man habe den ÖPNV damit nicht nur attraktiver, sondern auch gerechter machen wollen, erklärt Andreas Seiberling, Leiter des Bürger- und Ordnungsamtes. Denn normalerweise gilt das Kurzstreckenticket nur für Fahrten bis zur dritten Haltestelle. Das habe in Marbach jedoch dazu geführt, dass die Bewohner aus manchen Teilorten für 1,40 Euro bis in die Innenstadt fahren konnten, andere dafür jedoch ein Ein-Zonen-Ticket für 2,50 Euro brauchten. Mit der aktuellen Regelung ist man in Marbach zufrieden, allerdings drängt der VVS auch hier zum Umstieg auf das neue Tagesticket. „Das wäre für unsere Bürger aber eine Verschlechterung“, sagt der Amtsleiter und wünscht sich ein zusätzliches Modell, das auch für kleinere Kommunen attraktiv ist. Auch in Herrenberg würde man das begrüßen. Dort gab es bis Ende 2018 vergünstigte Einzeltickets, dann wurden sie wegen der Einführung der Tagestickets abgeschafft, was laut Fabian Kienle von den Stadtwerken für viel Protest gesorgt hat: „Wir hätten das eigentlich gerne beibehalten.“

Kommentar
Der Preis ist nicht alles

Von Kornelius Fritz

Die täglichen Staus sind für die Backnanger das größte Ärgernis in ihrer Stadt – das hat die repräsentative Umfrage beim BKZ-Bürgerbarometer Anfang des Jahres gezeigt. Und die Einwohnerzahl soll in den nächsten Jahren weiter steigen. Besserung ist also nicht in Sicht, es sei denn, es gelingt, eine nennenswerte Zahl von Autofahrern zum Umstieg auf Bus, Bahn oder Fahrrad zu bewegen.

Mit Appellen und mahnendem Zeigefinger wird das aber nicht gelingen, dafür braucht es Anreize. Ein vergünstigtes Stadtticket kann so ein Anreiz sein. Das zeigen die Erfahrungen aus Ludwigsburg, Herrenberg oder Esslingen. Dabei geht es nicht um die Pendler, die täglich zur Arbeit fahren. Sie brauchen ohnehin eine Monats- oder Jahreskarte. Das Modell richtet sich an Gelegenheitsfahrer, die ab und zu mal in die Stadt wollen, um einzukaufen, eine Veranstaltung zu besuchen oder Freunde zu treffen. Und für die macht es durchaus einen Unterschied, ob sie für Hin- und Rückfahrt fünf Euro bezahlen müssen oder nur drei. Sie vergleichen die Ticketpreise nämlich auch mit den Parkgebühren.

Insofern ist es durchaus sinnvoll, Bustickets zu subventionieren. Mindestens genauso wichtig ist es aber, die Qualität des öffentlichen Nahverkehrs weiter zu verbessern. Denn wo Busse regelmäßig zu spät kommen, überfüllt sind oder nur einmal in der Stunde fahren, wird das Auto auch künftig erste Wahl bleiben.

k.fritz@bkz.de

Zum Artikel

Erstellt:
21. Oktober 2019, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!

Stadt & Kreis

Nur das WLAN fehlt noch

Jugendtreff Aspach vom Löwenareal in Großaspach in die leer stehende Grundschule nach Rietenau umgezogen – Viel mehr Platz und ein großer Garten