„Für unsere Zukunft sieht es schlecht aus“

Betreiberehepaar des Nah-und-gut-Markts in Althütte sieht sich nicht am neuen Supermarkt-Standort  –  Gespräche mit der Gemeindeverwaltung laufen

Es wäre allen Beteiligten am liebsten, wenn Marcus und Cornelia Raimund, die den Nah-und-gut-Markt in Althütte mit viel Aufwand und Herzblut betreiben, der Gemeinde erhalten blieben. Aber die Meinungen über die Rentabilität eines neuen Marktes, der beim Feuerwehrgerätehaus entstehen soll, gehen weit auseinander. Derzeit suchen die Raimunds mit der Verwaltung nach einer Lösung.

Cornelia und Marcus Raimund legen nicht nur auf Frische und Auswahl Wert, sondern auch auf guten Service. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Cornelia und Marcus Raimund legen nicht nur auf Frische und Auswahl Wert, sondern auch auf guten Service. Foto: A. Becher

Von Annette Hohnerlein

ALTHÜTTE. „Mein Mann fährt jeden zweiten Tag morgens um 3 Uhr zum Stuttgarter Großmarkt“, erzählt Cornelia Raimund, die zusammen mit ihrem Ehemann Marcus seit 2011 den Nah-und-gut-Markt in Althütte betreibt. Dieser Einsatz trägt buchstäblich Früchte, das sieht man, sobald man den Laden in der Schulstraße betritt. Die Obst- und Gemüseauslage ist appetitlich frisch und bietet eine beeindruckende Auswahl für einen so kleinen Supermarkt. Und auch im Rest des Sortiments steckt viel Arbeit. Cornelia Raimund demonstriert es am Beispiel Kartoffelchips. Hier wird nicht, wie in vielen Läden üblich, eine komplette Kiste ins Regal gestellt. Die Tüten werden einzeln in die Hand genommen und eingeräumt, damit man auf der begrenzten Regalfläche möglichst viele verschiedene Marken anbieten kann.

Auch der Service wird groß geschrieben. Den älteren Kunden, die nicht mehr gut zu Fuß sind, werden ihre Einkäufe kostenlos ins Haus geliefert, Kindergärten und Vereine werden mit Getränken versorgt. Und auch ausgefallene Wünsche versucht man zu erfüllen. Palmen, ein Feigenbaum oder Sojagranulat standen schon auf der Einkaufsliste der Kundschaft. Die Raimunds haben es möglich gemacht. Es kam auch schon vor, dass ein Kunde in den Laden kommt und fragt: „Was soll ich heute kochen?“. Dann recherchiert Marcus Raimund im Internet und drückt dem Ratsuchenden kurz darauf ein ausgedrucktes Rezept in die Hand. Dass ein solcher Service nicht in einem Achtstundentag zu bewältigen ist, versteht sich von selbst. Die Althütter Bürger wissen das zu schätzen. Viele kaufen regelmäßig, manche sogar ausschließlich dort ein. Vor allem für Ältere ist der Laden ein Segen. Die Raimunds achten darauf, dass man auch mit einem Rollstuhl gut durch die Gänge kommt.

Edeka-Gutachten rät von einer Vergrößerung ab

Die beiden Einzelhandelskaufleute, beide 49 Jahre alt, würden ihr Geschäft nur zu gerne bis zu ihrem Ruhestand weiterführen. Sie machen ihre Arbeit mit Freude, das Team ist eingespielt, die Atmosphäre stimmt. Allerdings geht es im Verkaufsraum und auch im Büro ziemlich beengt zu: „Ein bisschen größer könnte es schon sein“, stellt Cornelia Raimund fest. Vor drei bis vier Jahren hat sich das Ehepaar deshalb Gedanken über eine Vergrößerung von bisher 300 auf 800 Quadratmeter gemacht. Aber eine Standortanalyse der Firma Edeka, die das Geschäft beliefert, kam zu dem Ergebnis, dass das Einzugsgebiet zu klein und die Konkurrenz zu groß ist, und riet davon ab. Dazu kam, dass die Eigentümer der Wohnungen im Gebäude ihre Zustimmung verweigerten. Zu groß waren die Bedenken wegen einer Lärmbelastung durch den nächtlichen Anlieferverkehr.

In der Verwaltung und im Gemeinderat macht man sich ebenfalls Gedanken über die zukünftige Lebensmittelversorgung in Althütte. Deshalb hatte man bei der Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA) ein Gutachten in Auftrag gegeben, das Bürgermeister Reinhold Sczuka in der letzten Gemeinderatssitzung erläuterte. Demnach sei in Althütte der Bedarf für einen Lebensmittelhandel da. Allerdings sei das bisherige Geschäft in der Schulstraße mit seinen 300 Quadratmetern zu klein, dadurch fließe Kaufkraft ab. Sinnvoll sei eine Verkaufsfläche zwischen 1000 und 1200 Quadratmetern. Aufgrund dieser Analyse beschloss der Gemeinderat, einen neuen Standort für einen Supermarkt am Ortseingang beim Feuerwehrgerätehaus zu ermöglichen und brachte die Aufstellung des Bebauungsplans auf den Weg. Ein Investor, die Firmengruppe Krause, wird die Immobilie erstellen und an einen Betreiber vermieten. Bis jetzt hat sich dafür nur ein Interessent gemeldet, die Firma Netto.

Somit gibt es zwei Gutachten, die sich widersprechen. Einig ist man sich jedoch in der Verwaltung, im Gemeinderat und auch unter den Bürgern von Althütte, dass man die Lebensmittel im Ort am liebsten weiterhin bei Marcus und Cornelia Raimund kaufen würde. Diese schließen jedoch aus, dass sie in den neuen Markt am Feuerwehrgerätehaus umziehen. Marcus Raimund schätzt, dass in diesem Fall Investitionen von rund 800 000 Euro auf ihn und seine Frau zukämen – allein für die Ausstattung des Geschäftes, ohne Ware. Und er gibt zu bedenken: Warum wollen Edeka und Rewe nicht nach Althütte? Die machen überall Standorte auf. Aber es rechnet sich hier nicht.“ Und warum hat dann Netto Interesse? „Netto will gerade nur Fläche machen“, sagt Marcus Raimund. Durch die Masse an Standorten könne es der Discounter ausgleichen, wenn ein paar Märkte rote Zahlen schreiben.

Zusätzliche Konkurrenz macht das Geschäft unrentabel

Was die beiden Betreiber zusätzlich belastet, ist die Eröffnung des Edekamarktes Bangemann in Lippoldsweiler im März 2017, die ihnen ein Umsatzminus von gut zehn Prozent beschert hat. „Es sieht für unsere Zukunft ganz schlecht aus“, stellt Cornelia Raimund ernüchtert fest, „wenn ein neuer Markt kommt, können wir zumachen“. Wer liefert in diesem Fall den alten Leuten die Lebensmittel kostenlos ins Haus? Wer erfüllt Sonderwünsche? „Das macht kein Netto“, ist sich Cornelia Raimund sicher.

Dass es bei der Verwaltung Überlegungen für einen neuen Supermarkt-Standort in Althütte gibt, war den Raimunds bekannt. Überrascht hat es sie aber, aus der Zeitung zu erfahren, dass das Projekt jetzt verwirklicht wird. Seither werden sie regelmäßig von Kunden gefragt, wie es weiter geht. Derzeit laufen Gespräche zwischen den Betreibern und Sczuka, um eine Lösung für die komplizierte Situation zu finden. „Es wäre ideal, wenn Raimunds das weiter machen, sie sind im Ort anerkannt, sie machen das gut“, sagt der Bürgermeister. Wenn die beiden Einzelhändler von der Gemeinde als Eigentümerin der Immobilie Unterstützung bekommen, zum Beispiel in Form eines Mietnachlasses, könnten sie sich vorstellen, noch ein paar Jahre am bisherigen Standort weiterzumachen. Andernfalls würden sie in naher Zukunft ihr Geschäft schließen, um sich an anderer Stelle eine neue Existenz aufzubauen.

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Erstellt:
5. November 2018, 06:00 Uhr

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