Fürsorgliche Schwester, Spielkamerad oder Konkurrent?

Welche Auswirkungen hat ein großer oder kleiner Abstand zwischen den Geschwistern auf die Kinder und die Eltern? Gibt es den idealen Abstand? Nach Ansicht von Fachleuten ist dies nur einer von mehreren Faktoren, die das Familienleben bestimmen. Wir haben Eltern, Kinder und Experten im Raum Backnang gefragt.

Familie Leo, Johannes, Michael, Josephin und Annett Berger (von links) hat Spaß auf dem Spielplatz. Da spielt es auch keine Rolle, dass der Altersabstand der Kinder zwölf Jahre beträgt.  Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Familie Leo, Johannes, Michael, Josephin und Annett Berger (von links) hat Spaß auf dem Spielplatz. Da spielt es auch keine Rolle, dass der Altersabstand der Kinder zwölf Jahre beträgt. Foto: A. Becher

Von Annette Hohnerlein

Rems-Murr. Familie Berger besucht den Spielplatz. Ihr Jüngster, Leo, balanciert auf einer Brücke aus Balken und Seilen, eine wackelige Angelegenheit. Dabei wird er mal von seiner Mutter, Annett Berger, und mal von seiner älteren Schwester Josephin an der Hand geführt. Dass diese sich so fürsorglich um ihren kleinen Bruder kümmert, hängt auch mit dem Altersunterschied zusammen: Josephin ist 15, Leo drei Jahre alt. Zwischen den beiden, als sogenanntes Sandwichkind, gibt es noch den zehnjährigen Johannes. „Wenn ich mit Leo ein Wettrennen mache, lasse ich ihn auch mal gewinnen“, verrät er. Und Josephin gibt zu: „Der kleine Bruder nervt manchmal; man will schließlich auch mal eigene Dinge machen.“

Die großen Abstände zwischen den dreien bedeuten für die Familie aus Kirchberg an der Murr sowohl Entlastung als auch Herausforderung. Einerseits können die beiden Älteren mal auf den kleinen Wildfang Leo aufpassen, andererseits ist es nicht einfach, Familienunternehmungen zu planen, bei denen keiner zu kurz kommt. „Es ist schwierig, allen gerecht zu werden. Aber wir kriegen es hin“, sagt Familienvater Michael Berger. Spielplatz oder Gesellschaftsspiele gehen immer, für den Urlaub haben sich die Bergers auch schon mit einer befreundeten Familie, ebenfalls mit drei Kindern, zusammengetan.

Kriegspfad oder Friedenspfeife? Geschwister können beides

Kurt Tucholsky hat zu dem Thema gesagt: „Indianer sind entweder auf dem Kriegspfad oder rauchen die Friedenspfeife. Geschwister können beides.“ Ausgiebig miteinander spielen, sich in die Wolle kriegen und wieder versöhnen, im Mittelpunkt stehen oder auch mal zurückstecken: Dies alles lernen Kinder im Umgang mit ihren Geschwistern. Wie das klappt und wie die Eltern damit umgehen, prägt das spätere Sozialverhalten eines Menschen entscheidend.

Welche Rolle spielt der Altersabstand untereinander in dieser Beziehung? „Wenn Geschwister sehr nahe beieinander sind, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass Konkurrenz ein Thema ist. Sie müssen sich die Aufmerksamkeit der Eltern schon in jungen Jahren teilen“, sagt Diplom-Sozialpädagogin Susanne Grießhaber-Stepan. Die Leiterin der Beratungsstelle für Familien und Jugendliche des Landratsamts in Backnang betont aber, dass der Geschwisterabstand nur einer von mehreren Faktoren ist, die das Familienleben bestimmen. Deshalb gebe es nicht den idealen Abstand.

Wenn mehrere Kinder kurz hintereinander geboren werden, komme es auf verschiedene Umstände an, wie diese anstrengende Phase bewältigt wird. Wie belastbar ist die Mutter? Ist der Vater greifbar? Wie ist das soziale Umfeld? Sind Großeltern da, die einspringen können? Ist das ein gewählter Zustand oder ist das so passiert? „Heute ist vieles planbar, man hat viel mehr Möglichkeiten, selbst zu entscheiden“, sagt Grießhaber-Stepan und warnt gleichzeitig: „Wenn es dann zu anstrengend wird oder wenn es nicht so klappt wie gedacht, etwa weil die Frau nicht schwanger wird oder eine Fehlgeburt erleidet, dann fragen sich Paare schnell: Haben wir was falsch gemacht?“

Bei einem großen Abstand zwischen den Geschwistern komme es darauf an, die unterschiedlichen Bedürfnisse unter einen Hut zu bekommen. „Da lernen die Kinder, dass man abwechseln muss. Es ist Aufgabe der Eltern, das gut zu lenken und zu leiten.“ Ein großer Geschwisterabstand könne auch dazu führen, dass sich Kinder in unterschiedlichen Lebenswelten befinden, etwa wenn der oder die Große in die Pubertät kommt. Das müsse aber nicht negativ sein, führt die Expertin aus, schließlich baue sich das Gefühl der Verbundenheit über viele Jahre auf.

Grundsätzlich sei es wichtig, dass die Kinder gut versorgt seien und in einer sicheren Bindung aufwachsen, dann könnten sie sich untereinander besser erproben und kämen auch damit klar, mal zurückzustecken. Generell rät Grießhaber-Stepan jungen Eltern zu weniger Perfektionismus und mehr Gelassenheit: „Gut ist gut genug.“

Haushalt erledigen geht nur, wenn der Mann auch da ist

Das ist auch die Ansicht von Ramona Lobes aus Großaspach, die drei Kinder im Alter von fünf Jahren, zwei Jahren und viereinhalb Monaten hat. „Bei mir stehen die Wäschekörbe rum, beim Haushalt muss ich viele Abstriche machen. Das geht nur, wenn mein Mann da ist.“

Mit Humor erzählt sie von ihrem anstrengenden Familienalltag: „Wenn ich Lea stille, nützen das die Großen aus zum Erforschen und Erkunden.“ So habe sich der Mittlere, Luca, kürzlich im Kinderzimmer von Kopf bis Fuß mit Shampoo eingeschäumt, mitsamt den Kleidern. Manchmal löse sie das Betreuungsproblem während des Stillens damit, dass sie den beiden Großen nebenher vorliest.

Zum Glück habe sie ein gutes „Familiennetz“, berichtet die junge Mutter. Ihre Oma wohne im gleichen Haus, die Mutter sei auch nicht weit entfernt, sie helfe ihr immer wieder im Haushalt oder kümmere sich um Emma, die Älteste.

Damit kein Kind bei der Ankunft eines neuen Geschwisterchens eifersüchtig ist, haben sich die Eltern etwas einfallen lassen. „Wir haben ein Ritual: Ein Kind, das auf die Welt kommt, bringt für seine Geschwister ein Geschenk mit“, sagt Ramona Lobes. „Zum Beispiel hat Emma einmal ein Kuschelpferd bekommen.“

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Erstellt:
5. Januar 2022, 06:00 Uhr

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