Gänsefüßchen in der Weißach

Ungleiches Paar erfreut in Unterweissach Passanten ebenso wie Kindergartenkinder – Herkunft der Tiere unbekannt

Ein Gänsepärchen hat sich in Unterweissach niedergelassen. Die beiden fühlen sich offenbar wohl am Brüdenbach und an der Weißach, denn seit Frühjahr sind sie da zu beobachten. Namen hat das Duo auch schon bekommen, hoch offiziell sozusagen: Im Rathaus ist von Martin und Akka die Rede – frei nach Selma Lagerlöfs Kinderbuch um die Reise des kleinen Nils Holgersson.

Prachtexemplare in Federn: Das ungleiche Gänsepärchen ist seit dem Frühjahr auf der Weißach und dem Brüdenbach unterwegs. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Prachtexemplare in Federn: Das ungleiche Gänsepärchen ist seit dem Frühjahr auf der Weißach und dem Brüdenbach unterwegs. Foto: A. Becher

Von Armin Fechter

WEISSACH IM TAL. Die gefiederten Gäste, die quasi aus dem Nichts aufgetaucht sind, haben bereits ihre Fangemeinde gefunden. Immer wieder bleiben Passanten auf der Langen Brücke stehen, wo die beiden gerade ihr Domizil haben, und sehen zu, wie sie sich bachaufwärts oder bachabwärts fortbewegen. Scheinbar unbeeindruckt von den neugierigen Blicken wendet sich das Gespann der Nahrungssuche zu und knabbert vom Grün, das den Bachlauf begleitet.

Auf ihrem Weg kommen die schwimmenden Vögel am Ochsengarten vorbei und halten sich gerne auch nahe dem Kindergarten Marktplatz auf. Dort herrscht immer wieder ein großes Hallo, wenn das Duo elegant durch die Fluten gleitet oder mitunter etwas tapsig einen Stein erklimmt. „Auch die Krippenkinder kommen und gucken“, berichtet Erzieherin Julia Ufschlag. Da sind die Kinder immer hellauf begeistert.

„Beim Sommerfest sind sie vorbeigeschwommen“, erzählt ein Mädchen aufgeregt. Ein Junge will die Gänse sogar gesehen haben, wie sie über den Hof getappt sind. „Das hast du geträumt“, nimmt ihm das ein anderer Knirps nicht ab. Die Fünf- und Sechsjährigen, die nach den Sommerferien in die Schule kommen, haben die vorige Nacht im Kindergarten verbracht. Zum abenteuerlichen Programm gehörte eine Wanderung zu später Stunde. Als die Schar kurz vor Mitternacht müde zurückkehrte, entdeckten die kleinen Nachtschwärmer die beiden Gänse an einem ruhigen Platz nahe der Langen Brücke – dort hatten sie es sich für die Nacht auf einem Stein bequem gemacht. „Es ist toll, dass sie im Dorf sind“, schwärmt ein Kind – auch wenn sie nicht jeden Tag zu sehen sind.

„Die eine ist weiß, und die andere ist bunt wie Enten“

Den jungen Naturforschern ist aber aufgefallen, dass die beiden Tiere sich unterscheiden. „Eine ist so braun“, schildert ein Bub seinen Eindruck, während andere rufen: „Die eine ist weiß, und die andere ist bunt wie Enten.“ Nicht entgangen ist den Kindern auch, dass die Tiere unterschiedlich groß sind und dass sie verschiedene Schnäbel haben. Ob das wohl Männchen und Weibchen sind?

Männchen und Weibchen stimmt. Aber nicht von derselben Art. Der eine – Martin – ist eine Haus- oder Pommerngans, wie Sandra Krauß erklärt, die im Weissacher Rathaus für Umwelt und Naturschutz zuständig ist. Akka hingegen ist wohl eine Höcker- oder Schwanengans.

Woher die beiden Gänse aber kommen, die da einträchtig durch das seichte Wasser watscheln, weiß keiner. Wem sie gehören? Auch das hat sich bislang nicht aufklären lassen. Ob die beiden wohl ausgerissen sind? Oder ob sie ausgesetzt wurden? Denkbar wäre auch, dass der Besitzer nach wie vor regelmäßig nach seinem Federvieh schaut, aber bislang unerkannt geblieben ist. Oder erlaubt sich jemand einen Scherz? Rätsel über Rätsel und keine Antworten.

Ohne Frage: Die Tiere haben ein schönes Gefieder und sind wohlgenährt. Sandra Krauß hat sich gemeinsam mit Vertretern des Kleintierzüchtervereins ein Bild von den Vögeln gemacht, gemeinsam sind sie auch zu der Auffassung gelangt, dass zurzeit nichts unternommen werden muss, weil das Paar eben gut und gepflegt dasteht. Und ohne Not einfangen oder beunruhigen will man die schönen Schnabelträger ja auch nicht. Dass sie irgendwohin gehören, ist aber auf jeden Fall erkennbar: Martin trägt einen gelben Ring am Fuß, Akka hatte wohl auch einen, doch der ist weg. Beiden wurden überdies die Flugfedern gestutzt – auch das ein Zeichen dafür, dass sie in menschlicher Obhut waren.

Zuerst gesichtet wurde das ungleiche Paar im Frühjahr am Brüdenbach in den Brüdenwiesen, etwa dort, wo die Seniorenwohnungen und das Gemeindepflegehaus am Hang stehen. Dann sind die beiden weitergezogen und haben sich auf der Insel im Brüdenbach auf Höhe des Rathauses häuslich eingerichtet – in Sichtweite von Sandra Krauß. Das tägliche Schauspiel vor den Augen der Gemeindebediensteten animierte auch zur Namensgebung nach dem Kinderbuch von Selma Lagerlöf.

Nach einem etwas turbulenten Wochenende waren sie aber weg: Das Open-Air-Kino mit Musik und die Eröffnung des Skulpturenpfads hatten sie wohl in ihrer selbstgenügsamen Ruhe durcheinandergebracht. Eine Weile später wurden sie aber wieder gesichtet – nun ein Stück weiter bachabwärts an den Gestaden der Weißach. Dort haben sie jetzt schon seit vielen Wochen ihren Lieblingsplatz gefunden.

Seite an Seite scheinen sie sich jedenfalls wohlzufühlen, sie schnäbeln sogar bisweilen miteinander, wie Sandra Krauß beobachtet hat, und sie lassen auf ihren Wasserwanderungen auch keine allzu großen Abstände voneinander entstehen. Ob sie vielleicht sogar ein Nest gebaut haben? Laut Krauß wohl eher nicht. Sie bezweifelt, ob es damit in dieser Umgebung klappen würde: „Sie könnten nicht ungestört brüten.“

„Wir freuen uns sehr, dass diese unerwarteten Gäste bei uns verweilen. Ist doch auch ein Gänsefuß (Entenfuß) in unserem Wappen enthalten“, verlautbarte die Gemeindeverwaltung. Zugleich appellierte das Rathaus an die Bürger, die Tiere nicht unnötig zu stören: „Es ist viel schöner, die Gänse mit respektvollem Abstand zu beobachten.“ Mit Lebensmittelresten füttern soll man die Tiere auch nicht: Momentan gibt es in der Natur genug artgerechte Nahrung, durch Zufüttern mit Brot oder Ähnlichem könnten die Tiere krank werden, warnt Krauß. Sollte sich der Besitzer nicht finden, so will die Rathausmitarbeiterin für die frostigen und futterarmen Wintermonate ein geeignetes Quartier beschaffen.

Nähere Infos oder Hinweise nimmt Sandra Krauß unter 07191/3531-32 entgegen, E-Mail sandra.krauss@weissach-im-tal.de.

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Erstellt:
17. Juli 2018, 06:00 Uhr

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