Gedränge im Gewölbe des Tiefbahnhofs

Einlass nur mit Blockabfertigung: Bei den Tagen der offenen S-21-Baustelle sind am Wochenende Zehntausende Besucher angereist, um den entkernten Bonatz-Bau zu sehen und durch den neuen Tiefbahnhof zu laufen.

Von Philipp Braitinger

Stuttgart - Das Interesse ist riesig. Pünktlich zum Beginn der Tage der offenen S-21-Baustelle sind am Samstagvormittag mehrere Hundert Besucher durch den Eingang zum neuen Tiefbahnhof geströmt. „Die Fortschritte sind deutlich sichtbar“, freut sich Bernhard Bauer. Für den Vorsitzenden des Vereins Bahnprojekt Stuttgart–Ulm ist das Interesse der Öffentlichkeit an dem Megaprojekt ungebrochen. Er zählte 60 000 Besucher an den ersten beiden Tagen, und auch am Ostermontag herrschte Blockabfertigung am Eingang. Am Ende sollen es 90 000 wie im Vorjahr gewesen sein.

Auf der Baustelle erwartete die Gäste zunächst der entkernte Bonatz-Bau. „Es bleiben nur die alten Wände stehen“, sagt Bastian Böhm von der DB Infra GO AG – dem Bauherrn. Im Bonatz-Bau hängt derzeit ein gigantisches graues Gerüst, das sich – einem überdimensioniertem Spinnennetz gleich – über die Wände und die Decke erstreckt. Im Boden klafft ein riesiges Loch. Dort werden neue Drainagenleitungen gelegt. Böhm betont, dass das Gebäude nach 100 Jahren sanierungsbedürftig gewesen sei. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe man das Gebäude zwar baulich ertüchtigt, die Kriegsschäden seien damals aber nicht ausreichend ausgebessert worden. Über einen Verbindungsbau geht es während der Baustellenführung zunächst nach draußen. Dort sind einige der 27 Lichtaugen deutlich zu erkennen. „Es hat sich unheimlich viel getan“, sagt der Technische Leiter Mark Thielemann. Das Dach des neuen Bahnhofs sei geschlossen, die letzten Kelche seien betoniert. Das Betondach werde noch begrünt und zukünftig begehbar sein.

Die Lichtaugen zählen zu den architektonischen Höhepunkten des Milliardenprojekts. Zunächst werden für ein Auge sieben Einzelelemente auf der Baustelle zusammengesetzt, bevor rund 150 Glaselemente eingebaut werden. Für diese besondere Arbeit haben sich die Projektverantwortlichen eine Fachfirma ins Boot geholt. Das Unternehmen Seele habe bereits an dem Gebäude Sphere in Las Vegas mitgewirkt, berichtet Thielemann.

Die Glasaugen versorgen die neue Bahnhofshalle mit Tageslicht. Über die Gleise sind weitgehend freischwebende Stege geplant, über die die einzelnen Bahnsteige erreicht werden können. Der Betonbau lässt die Dimensionen des zukünftigen Tiefbahnhofes bereits klar erkennen.

Zu den ersten Gästen, die bereits deutlich vor der Eröffnung am Eingang waren, zählten Regine und Andi Schweder. Dem Ehepaar ist die Baustelle eigentlich bereits wohlbekannt. Andi Schweder arbeitet als Lastwagenfahrer und liefert regelmäßig große Bauteile aus Tschechien an. „Es ist interessant, mit dem Schwertransport nachts durch Stuttgart zu fahren“, verrät er. Heute möchte das Paar einmal die gesamte Baustelle sehen. „Ich wollte mal nach unten“, sagt Andi Schweder. Die Baustelle mitten in der Innenstadt sei schon eine besondere berufliche Herausforderung. Ob der neue Bahnhof nun ein Gewinn ist oder nicht, da ist sich Regine Schweder nicht sicher. „Das Moderne passt hier nicht“, findet sie. „Modern ist schon schön, aber gleich so modern?“

Eine der ersten Anlaufstationen für viele Familien nach dem Einlass ist der Luftballonstand. Immanuel von dem Bussche wartet wenige Meter daneben auf Frau und Kinder. „Für die Kinder ist es spannend, eine so große Baustelle zu sehen“, sagt er. Sie hätten einige Jahre in Stuttgart gewohnt, seien jetzt aber ins Remstal gezogen. Den Fortschritt bei S 21 verfolgt der Familienvater weiter. Er ist optimistisch, dass das Projekt zu einem guten Ende gebracht wird und die Stadt insgesamt davon profitiert. „Stuttgart braucht die Flächen“, sagt er.

Was in der Stadt alles im Zusammenhang mit dem Bahnprojekt noch weiter passieren soll, das können die Besucher an einem der Stände der Projektpartner erfahren. Die Bahn zählt ebenso wie das Land, die Region und die Stadt dazu. Für die Stadt bietet der Tiefbahnhof die Möglichkeit, große innerstädtische Flächen zu bebauen.

Der Vereinsvorsitzende Bauer ist zuversichtlich, dass das Projekt in absehbarer Zeit von der Öffentlichkeit genutzt werden kann. „Im Jahr 2025 werden die ersten Züge rollen“, ist er sich sicher. Die Fortschritte seien auf der Baustelle deutlich zu erkennen. „Das Projekt ist langsam auf der Zielgeraden“, so Bauer. Dabei hatte Landesverkehrsminister Winfried Hermann erst jüngst eine Verschiebung des Ende 2025 geplanten Starts vorgeschlagen, um die Technik und Abläufe erst einmal auf Herz und Nieren zu testen.

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Erstellt:
1. April 2024, 22:08 Uhr
Aktualisiert:
2. April 2024, 21:58 Uhr

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