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Gegen die Not in der Notaufnahme

Im Rems-Murr-Kreis sind die Forderungen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn teilweise schon umgesetzt

Die Dauermisere in der Notaufnahme des 2014 eröffneten Klinikums in Winnenden hatte immerhin ein Gutes: Vieles, was Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zur Verbesserung der Notaufnahme in den Krankenhäusern fordert, ist in den Kliniken in Winnenden und Schorndorf schon verwirklicht.

Gegen die Not in der Notaufnahme

© Tobias Sellmaier

WINNENDEN (wtg). Die Notaufnahmen der Krankenhäuser sind überlaufen. Nicht nur in Winnenden und Schorndorf, wo Patienten oft stundenlange Wartezeiten auf sich nehmen mussten, bevor sie einen Arzt sahen und versorgt wurden. Während 2015 rund 40000 Patienten in den Notaufaufnahmen behandelt wurden, waren es 2018 bereits 50200. Einer der Gründe dafür ist, dass immer mehr Patienten die komplizierten Strukturen des deutschen Gesundheitswesens nicht nachvollziehen können – oder wollen. Das Klinikum in Winnenden und die Schorndorfer Klinik haben diesem Umstand Rechnung getragen und die Notaufnahmen mit einem Millionenaufwand umgebaut. In den Interdisziplinären Notaufnahmen ist ein gemeinsamer „Triage-Tresen“ der Notaufnahme und der Notfallpraxis im Notfall die zentrale Anlaufstelle für Patienten, erklären die Kliniken das Verfahren. Medizinisches Fachpersonal legt dort nach dem international anerkannten „Manchester-Triage-System“ die Behandlungsdringlichkeit fest und lotst die Patienten abhängig von der Schwere der Krankheit oder Verletzung in den optimalen Behandlungsweg der Notaufnahme oder der Notfallpraxis des ärztlichen Bereitschaftsdiensts. In der Notfallpraxis werden nachts und an Wochenenden Fälle behandelt, die üblicherweise Sache des Haus- oder Facharzts sind. Die Notaufnahme des Krankenhauses ist für die wirklich schweren Fälle zuständig.

Um die überlaufenen Notaufnahmen zu entlasten, schlägt Bundesgesundheitsminister Spahn just die Schaffung solcher Notfallzentren vor. Sie sollen von Patienten als erste Anlaufstelle wahrgenommen werden. „Das auf Bundesebene vorgeschlagene Modell ist an den Rems-Murr-Kliniken bereits umgesetzt und hat sich seit seiner Einführung längst bewährt“, so die Kliniken auf Anfrage. Knackpunkt ist freilich das Geld. Pro ambulantem Notfall erhalten Kliniken durchschnittlich 40 Euro. Werden zur Behandlung der Patienten die diagnostischen Möglichkeiten ausgeschöpft, sind die tatsächlichen Behandlungskosten deutlich höher. „Im Durchschnitt stehen der Abklärungspauschale rund dreifach so hohe Behandlungskosten gegenüber – in vielen Fällen eine kostenunterdeckte Finanzierung.“

Auf offene Ohren stößt Spahn im Rems-Murr-Kreis mit seinem Vorschlag, der Rettungsleitstelle eine Lotsenfunktion zuzuweisen. Künftig sollen die Rettungsstellen und die Stellen hinter der Nummer der Kassenärzte, der 116117, daher gemeinsam als gemeinsame Notfallleitstelle fungieren. Patienten sollen verstärkt auch zu einem ärztlichen Bereitschaftsdienst oder einer normalen Arztpraxis gelotst werden. Aufgrund der Mängel in der Notfallrettung hat der Bereichsausschuss für den Rettungsdienst im Rems-Murr-Kreis in diesem Jahr unter anderem beschlossen, die vom DRK betriebene integrierte Leitstelle des Roten Kreuzes zu erweitern. Neun neue Stellen wurden genehmigt. Pro Jahr werden dort rund 145500 Einsatzbearbeitungen für die Feuerwehren, die Notfallrettung und den ärztlichen Bereitschaftsdienst im Rems-Murr-Kreis erledigt.

Wichtiger Schritt, aber längst noch nicht genug

Die Björn-Steiger-Stiftung mit Sitz in Winnenden hat die aktuellen Pläne des Gesundheitsministers einen wichtigen Schritt genannt, der aber noch längst nicht genug sei. Die Notrufnummer 112 und die Nummer 116117 für den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst unter einem Dach bearbeiten zu lassen, fordere die Stiftung schon seit Längerem, erklärte Pierre-Enric Steiger, Präsident der Stiftung. Dies sei ein wichtiger Schritt dahin, Patienten in einem bisher unübersichtlichen Gesundheitssystem besser zu lotsen und sie mehr an die Hand zu nehmen. Darüber hinaus würden auch Rettungskräfte entlastet. Denn so könnte direkt am Telefon entschieden werden, ob ein Notfall vorliege und Rettungskräfte ausrücken müssten oder ob ein Arztbesuch für den Patienten ausreiche beziehungsweise der Arzt mit dem Fahrdienst zum Patienten komme. In der Folge würden Rettungskräfte bei echten Notfällen keine wertvolle Zeit verlieren. Die Björn-Steiger-Stiftung stellt aber klar: Im Rettungsdienst sei noch viel mehr Handlungsbedarf. So fehlen bundesweit einheitliche Qualitätsstandards, aktuell klaffen zwischen einzelnen Bundesländern – und sogar zwischen einzelnen Regionen innerhalb eines Bundeslands – große Qualitätslücken. Aktuell sei Überleben eine Frage des Bundeslands oder des Kreises – und damit des Wohnorts und des Zufalls. Nötig sind aus Sicht der Björn-Steiger-Stiftung in die Tiefe gehende Strukturänderungen des Rettungsdiensts: Gesetzliche Grundlagen, Aus- und Fortbildung, standardisierte Notrufabfragen, Patientenversorgung, Datenerfassung, Qualitätskontrollen – das alles muss nach bundesweit einheitlichen Standards erfolgen, fordert die Stiftung und regt an, die Zahl von 241 integrierten Leitstellen deutlich zu verringern, um Bürokratie abzubauen und die Effizienz zu erhöhen.

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Erstellt:
29. Juli 2019, 06:00 Uhr

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