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Gegenseitiger Respekt wird gepflegt

Menschen bei der Polizei (3): Als Jugendsachbearbeiter im Revier Backnang sucht Dimitri Wittliff das Gespräch mit straffällig gewordenen Jugendlichen

Diebstahl, Drogen, Schlägereien: Es gibt Straftaten, bei denen schon Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 Jahren in Erscheinung treten. Im Polizeirevier Backnang gibt es Beamte, die sich um diese jungen Menschen kümmern. Einer davon ist Dimitri Wittliff. Der 32-Jährige ist seit vergangenem Jahr als Jugendsachbearbeiter tätig.

In seinem Büro hat Dimitri Wittliff einige Waffen zur Ansicht, die die Beamten bei Jugendlichen sichergestellt haben. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

In seinem Büro hat Dimitri Wittliff einige Waffen zur Ansicht, die die Beamten bei Jugendlichen sichergestellt haben. Foto: A. Becher

Von Yvonne Weirauch

BACKNANG. Eine Schreckschusswaffe, Drogenbesteck, Alkohol, ein abgebrochener Besenstiel, kleine und etwas größere Taschenmesser und eine Machete – Dinge, die bei Heranwachsenden beschlagnahmt wurden und die Dimitri Wittliff als „Demonstrationsmaterial“ in seinem Büro aufbewahrt. „Diese Machete ist sicher nicht alltäglich. Der Jugendliche, dem wir sie abgenommen haben, war in eine Fischzuchtanlage eingebrochen und behauptete, er wollte damit einen Fisch fangen“, erzählt der 32-Jährige und fügt hinzu: „Das ist aber keine typische Waffe, mit der Backnangs Jugend in der Stadt unterwegs ist.“ Neben kleinen Werkzeugen, die man sich selbst zusammenbasteln kann, liegen Dosen auf dem Tisch, sogenannte Crusher. Wittliff erklärt: „Das sind kleine Kräutermühlen, die offiziell zu kaufen sind und mit denen man Cannabis klein hackt.“ Auch das finde man häufig bei Jugendlichen.

Typische Vergehen: Ladendiebstahl und Körperverletzung

Seit 2013 ist Dimitri Wittliff im Revier Backnang. Nach seiner zweijährigen Ausbildung kam er 2009 zur Bereitschaftspolizei Göppingen, war nach drei Jahren für zwölf Monate in Filderstadt und absolvierte anschließend den Streifendienst in Backnang. „Als dann Stellen frei wurden, weil Kollegen in Pension gegangen sind, hat man mich gefragt, ob ich nicht Interesse hätte, in den Jugendsachbereich zu wechseln“, erzählt Wittliff. Er gibt zu, zunächst skeptisch gewesen zu sein: „Ich habe gesagt, versprechen kann ich nichts, aber ich schaue es mir mal an.“ Nach einer Woche hat der Polizist Gefallen gefunden: „Ich finde schnell einen Draht zu Jugendlichen, das kommt mir dabei zugute“, schätzt sich der Familienvater selbst ein.

Die Aufgabe von Dimitri Wittliff und seinen Kollegen ist es, sich straffällig gewordener Kinder und Jugendlicher anzunehmen, ihnen in Gesprächen die Konsequenzen illegalen Handelns vor Augen zu führen. Über diese seien sich die meisten jugendlichen Delinquenten nämlich gar nicht im Klaren. Zum Beispiel, dass man mit Vollendung des 14. Lebensjahres unter das Jugendstrafrecht fällt und für seine Taten bestraft werden kann. „Manche treten vielleicht ein- oder zweimal in Erscheinung und dann nicht wieder“, sagt der Beamte. Aber man kenne seine Pappenheimer. Typische Vergehen spielen sich im Bereich der Körperverletzung oder des Ladendiebstahls ab. Auch gegen das Betäubungsmittelgesetz werde verstoßen.

Der letzte, etwas schwerwiegendere Fall, lag laut Wittliff kurz nach dem Straßenfest vor: Ein 16-Jähriger hatte seinen 20-jährigen Kontrahenten mehrfach mit einem Messer verletzt. „Es wurde wegen gefährlicher Körperverletzung beziehungsweise eines versuchten Tötungsdeliktes ermittelt.“ Solche Taten seien extrem und nicht die Regel. Wenn ein junger Mensch beim Ladendiebstahl erwischt wird, wie geht Wittliff dann vor? „Bei einem Diebstahl rufen meist Angestellte des Geschäfts oder Detektive die Polizei wegen einer Personalienüberprüfung“, erklärt der Polizist. In Fällen von Körperverletzung melden meist Geschädigte oder Passanten die Schlägerei im Revier oder rufen den Notruf. Nach der Anzeige kontaktiert Wittliff die Eltern und lädt sie zusammen mit ihrem Sprössling zur Vernehmung. Oft seien die Eltern total geschockt, weil sie eine ganz andere Seite von ihrem Kind kennenlernen müssen.

Im Gespräch können sich die Jugendlichen zum Tatvorwurf äußern und der Polizist fragt nach Gründen, warum die jungen Menschen straffällig wurden. „Oft kommt als Antwort, dass sie es selbst nicht wissen. Neid wegen Dingen, die sie sich nicht leisten können, kann bei Diebstählen der Grund sein.“ Die meisten Jugendlichen seien meist gleich geständig, zeigten Reue und würden dann auch nicht mehr straffällig werden. „Ganz wichtig ist bei unserer Arbeit auch, dass wir den Tatbestand und die dazugehörigen Folgen erläutern — sowohl den Eltern wie auch den Kindern und jungen Erwachsenen.“

Immer das Gespräch suchen, das ist Dimitri Wittliff wichtig. Es gibt Situationen, da wissen die Beamten, sie können nicht mehr bewirken, als auf die Betroffenen einzureden. „Wenn wir beispielsweise fünf Jugendliche im Parkhaus am Bahnhof antreffen und zwei davon führen ein Messer oder einen Schlagstock mit sich, fragen wir zunächst einmal, was sie damit anstellen wollen“, erläutert der Polizist eine Situation. Meist käme darauf die Antwort, dass man diese Waffen nur zum Eigenschutz dabei habe, „falls man angegriffen werde“. Wittliff und seine Kollegen hören sich das geduldig an, machen ihrem Gegenüber aber auch klar, wie gefährlich diese Waffen sein können, wenn sie eingesetzt werden. „Wir müssen ihnen die Dinge so oder so abnehmen.“

Guter Kontakt zu Jugendämtern

und Jugendeinrichtungen

Dimitri Wittliff schätzt den Austausch mit den Jugendämtern, Jugendhäusern und Jugendeinrichtungen in Backnang und der Umgebung sehr. „Wir pflegen da einen sehr guten Kontakt und ein sehr gutes Verhältnis.“ Das sei bei dieser Arbeit enorm wichtig, wenn es vor allem um Jugendliche geht, die schon häufiger auffällig geworden sind. Präventionsveranstaltungen in Schulen gehören ebenso zu den Aufgaben der Jugendsachbearbeiter. Die Beamten wollen vor allem aufklären. „Früher waren es fast nur Jungen, die straffällig geworden sind, jetzt treten auch immer mehr Mädchengruppierungen in Erscheinung“, sagt Wittliff.

Und ganz klar ist: „In der Gruppe sind sie alle stärker. Sitzt mal hier einer auf dem Stuhl bei mir im Büro, sind sie meistens kleinlaut.“ Aber er hat durchaus auch erlebt, dass die Jugendlichen nach dem Besuch auf dem Revier die Einstellung „jetzt erst recht“ an den Tag legten. „Es sind halt immer die Gleichen“, sagt der Beamte mit einem Augenzwinkern. Aber er weiß auch: Nur ganz selten werden die Kids gegenüber den Beamten richtig frech. „Wenn wir ihnen mit Respekt gegenübertreten, machen sie es uns gegenüber genauso.“

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Erstellt:
20. Oktober 2018, 06:00 Uhr

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