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Gelebte und vorbildliche Kirche heute

Abschluss der Vortragsreihe Kirche im Dialog „Evangelische Kirche heute, morgen, übermorgen“ – Diskussion mit Robert Antretter

Robert Antretter, ehemaliger Abgeordneter der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) im Deutschen Bundestag, sprach am Freitagabend im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Kirche im Dialog“ über das Thema „Gelebte und vorbildliche Kirche heute.“ Und das tat er persönlich und politisch.

Robert Antretter, ehemaliger Bundestagsabgeordneter, spricht auch bei „Kirche im Dialog“ klar aus, was er denkt. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Robert Antretter, ehemaliger Bundestagsabgeordneter, spricht auch bei „Kirche im Dialog“ klar aus, was er denkt. Foto: A. Becher

Von Renate Schweizer

BACKNANG. Man kennt ihn, nicht nur in Backnang. Man schätzt ihn, wohin er auch kommt. Die Liste seiner Ämter, Funktionen und Verdienste, mit der Peter Tenschert vom Organisationsteam der Veranstaltungsreihe „Kirche im Dialog“ ihn vorstellte, wollte kein Ende nehmen. Sabine Gollor-Braun, die gastgebende Pfarrerin im gut besuchten Gemeindehaus am Heininger Weg, nannte ihn einen „großen Ökumeniker“.

Das Jahresthema von „Kirche im Dialog“ 2019 ist „Evangelische Kirche heute, morgen, übermorgen“ und da stand nun der ausgewiesene und überzeugte Katholik, Politiker und absolut routinierte Redner fast ein bisschen schüchtern vor seinem evangelischen Publikum, um über vorbildliche Kirche zu sprechen.

Antretter gestattet sich radikale Positionen, klar formuliert

Antretters Rede war zugleich sehr persönlich und sehr politisch – hier sprach einerseits einer, der das politische Tagesgeschäft hinter sich hat und andererseits immer noch ununterbrochen im Einsatz ist für eine bessere Welt. Einer, der einerseits nicht mehr nach Wählerstimmen schielen muss – vermutlich tat er das auch früher nur selten und wurde trotzdem oder gerade deshalb gewählt – und andererseits weder partei- noch kirchenpolitische Rück- und Vorsicht mehr braucht. Und so gestattet er sich radikale Positionen, klar formuliert. Ein Beispiel: „Die Kirche als weltumspannende moralische Autorität muss mithelfen, die Erde als Heimstatt der Menschen zu bewahren. Dazu gehört auch, über Rechte und Pflichten der Staaten nachzudenken, ja, auch den Begriff staatlicher Souveränität zu diskutieren. (...) Die Politik muss lernen – und zwar rasch. Und die Kirche darf sie dabei nicht alleine lassen. Es kommt darauf an, denen die Macht wegzunehmen, die nicht lernen wollen.“ Aber er kann es sich auch leisten, auf den Zeitgeist zu pfeifen und auf katholischen und damit entschieden konservativen Grundlinien zu beharren: In seiner Haltung zum ärztlich assistierten Suizid zum Beispiel („Man sagt mit 40, wenn ich die und die Krankheit bekomme, möchte ich nicht mehr leben – das kann man aber gar nicht wissen, wie man sich fühlt, wenn man die und die Krankheit dann hat“) oder in der Ablehnung pränataler DNA-Tests.

In der anschließenden Diskussion wird Robert Antretter auch auf den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche angesprochen, natürlich wird er das. Zehn Jahre lang war er Vorsitzender der unabhängigen Kommission sexueller Missbrauch der Diözese Rottenburg-Stuttgart, die bundesweit das erste und lange Zeit einzige Gremium war, das systematisch Vorfälle sexuellen Missbrauchs in Vergangenheit und Gegenwart aufarbeitete – niemand kann ausgerechnet ihm vorwerfen, sich diesem Problem nicht rigoros zu stellen. Er tut es auch jetzt bei „Kirche im Dialog“.

Zum Schluss lobt er sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel

Und doch: „Nicht nur die katholische Kirche muss in Sack und Asche gehen. Wir tun weder den Opfern noch der Aufarbeitung dieser Verbrechen einen Gefallen, wenn wir Missbrauch zum alleinigen Problem der katholischen Kirche erklären, denn es war und ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Ich sage das nicht, um von meiner Kirche abzulenken. Ich sage es, um die Dimension dieser Verbrechen nicht kleiner zu machen als sie ist.“ Angesprochen auf Maria 2.0 stellt er sich uneingeschränkt auf die Seite der katholischen Aktivistinnen, die sich für die Gleichstellung von Frauen in der katholischen Kirche einsetzen, und zum Schluss lobt der frühere SPD-Bundestagsabgeordnete sogar noch die CDU-Bundeskanzlerin: „Ich möchte glücklich sein dürfen darüber, dass an der Spitze meines Landes eine Frau steht, die 2015 der Welt und vielen Flüchtlingen ein Gesicht der Barmherzigkeit gezeigt hat.“ „Gott ist ein Gott der Witwen, der Waisen und der Flüchtlinge“ – daran erinnert er zum Abschluss seiner Rede.

Robert Antretter ist eines der vielen Gesichter der Kirche: Authentisch, nachdenklich, zuweilen herzerfrischend gegen den Strich gebürstet, immer gesprächsbereit – und ein gutes Beispiel „gelebter und vorbildlicher Kirche heute“, denn das war das Thema des Abends. Das Jahresthema von Kirche im Dialog 2020 wird sein: Bewahrung der Schöpfung – kirchlicher Auftrag oder bloße Notwendigkeit?

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Erstellt:
1. Oktober 2019, 06:00 Uhr

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