Gemeinsame Ziele haben Sendepause

Wenn die Freunde aus den Partnerstädten Backnang und Annonay heute Abend beim Spiel der Elf von Jogi Löw und der Équipe Tricolore von Didier Deschamps jeweils für ihre eigene Mannschaft fiebern, nimmt Benjamin Pavard eine Sonderrolle ein.

Die Fahnen von Deutschland und Frankreich am Place de Backnang in Annonay bei einer Begegnung der Freunde vor ein paar Jahren. Heute wird man in Backnangs französischer Partnerstadt keine deutschen Fahnen sehen. Foto: P. Jungbludt

© Paul Jungbludt

Die Fahnen von Deutschland und Frankreich am Place de Backnang in Annonay bei einer Begegnung der Freunde vor ein paar Jahren. Heute wird man in Backnangs französischer Partnerstadt keine deutschen Fahnen sehen. Foto: P. Jungbludt

Von Ingrid Knack

BACKNANG/ANNONAY. Die Backnanger und Annonayer fiebern heute einmal nicht für ein gemeinsames Ziel. Die Freunde aus Backnangs französischer Partnerstadt feuern an diesem Dienstag, wenn Frankreich gegen Deutschland spielt, die Équipe Tricolore an, die Backnanger die Elf um Joachim Löw. Das dürfte zumindest die Regel sein. Doch was macht einer, der in Annonay aufgewachsen ist und mittlerweile schon seit 32 Jahren in Backnang lebt wie Hubert Besset?

„Ich werde den Franzosen die Daumen drücken“, versichert Besset, den die meisten Backnanger als Bébert kennen. Die französische Mannschaft sei stark, sagt er. Abgesehen vom Ergebnis bei der WM 2010 (hier war schon in der Gruppenphase Schluss) hat er mit großer Freude verfolgt, wie sich die Mannschaft seit der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland entwickelt hat. 2006 waren „Les Bleus“, die Blauen, im Finale, hatten aber Pech beim Elfmeterschießen. Italien gewann. Für die Franzosen war der zweite Platz dennoch ein grandioser Erfolg. Im Vorfeld hatten beispielsweise führende Sportzeitungen wie „L’Equipe“ oder „France Football“ den Blauen nicht zugetraut, dass diese überhaupt so weit kommen würden. Die Kritik machte sich unter anderem an dem höchsten Durchschnittsalter der Kicker um Trainer Raymond Domenech im Vergleich mit allen anderen teilnehmenden Mannschaften fest. 2016, also zehn Jahre später, erreichten die Franzosen dann Platz zwei bei der Heim-EM, bei der Weltmeisterschaft 2014 waren sie ins Viertelfinale gekommen. Nun ist die französische Nationalmannschaft mit Trainer Deschamps als der amtierende Weltmeister Favorit auf den Titel bei der EM. Deshalb bezeichnet Besset die Blauen sogar als „die Brasilianer von Europa“. Aber selbst das Daumendrücken für eine Mannschaft kann zwei Seiten haben, signalisiert Besset augenzwinkernd. Im Kader der Équipe Tricolore ist nämlich Benjamin Pavard, der seit Juli 2019 beim FC Bayern München spielt und zuvor beim VfB Stuttgart war. Beim Gespräch über die Spieler erwähnt Besset zudem nicht ohne Stolz: „Vor sieben Jahren war ein Spieler aus Annonay in der französischen Mannschaft: Clement Grenier.“ Grenier steht derzeit als zentraler Mittelfeldspieler in der Ligue 1 bei Stade Rennes unter Vertrag.

In Annnonay spielt vor allem Rugby eine große Rolle.

Welche Rolle spielt aber der Fußball direkt in Annonay? In der Ardèche-Stadt gibt es den FCA (Football Club Annonay) mit hauptsächlich jungen Leuten, der Club hat seinen Sitz im Café du Midi. Die erste Mannschaft spielt in der Regionalliga. Der FCA hat nach den Worten Bessets mit der AS Saint-Étienne, den Grünen, eine Partnerschaft in Sachen junge Talente. Michel Thobois, langjähriger Präsident des Partnerschaftskomitées Annonay/Backnang, bekräftigt: „Die Annonayer Fußballschule ist weit über Annonays Grenzen bekannt und liefert Hoffnungsträger auch mal nach Lyon und Saint-Étienne (beide 1. Liga).“ Die Rugbyspieler seien aber erfolgreicher als die Fußballer, so Hubert Besset. Dies bestätigt die Annonayerin Fabienne Dusser, Kommunikationsbeauftragte im Safaripark in Peaugres und freie Journalistin, die selbst eher für die beiden Rugby-Vereine CS Annonay (rot und schwarz) und den SO Annonay (blau und weiß) in ihrer Heimatstadt zu begeistern ist. Überdies interessieren sich viele für Handball, weiß Thobois. Journalist Gwen Pocard, der lange in Annonay arbeitete, nennt noch Basketball als beliebten Sport in Backnangs Partnerstadt in Frankreich.

Mit Blick auf das Fußballmatch heute Abend sagt Fabienne Dusser mit einem Schmunzeln: „Ganz klar ist es das französische Team, das wie bei Millionen Franzosen auch die Gunst der Annonayer genießt.“ Nach langen Zeiten der Ausgangssperren und Beschränkungen verrät sie indes: „Persönlich genieße ich lieber meine Terrasse.“ Ihr Vater aber, Alain Dusser, der viele Jahre Präsident des Partnerschaftskomitees in Annonay war, gehöre zu denen, die das Spiel im Fernsehen anschauen, genauso wie die Fußballbegeisterten in den Dörfern um Backnangs französischer Partnerstadt wie Davézieux, Boulieu, Vernosc, Saint-Cyr, in denen es jeweils eigene Fußballclubs gibt. Von einer eventuellen Live-Übertragung hat Fabienne Dusser bisher nichts gehört. Die hygienischen Einschränkungen in Frankreich seien ziemlich streng: „Restaurants und Bars sind seit dem 9. Juni geöffnet, jedoch mit reduzierter Kapazität, die Ausgangssperre zwischen 23 und 6 Uhr geht bis zum 31. Juni.“ Auf der anderen Seite böten viele Geschäfte Fanartikel wie Mützen oder Perücken in den Farben Frankreichs an. Annonays Rathauschef Simon Plénet lässt wissen, dass die Kommune kein Public Viewing plant. Auch von Kneipen seien bis jetzt noch keine Anfragen gekommen. In Vor-Corona-Zeiten wurden die großen Spiele auf einer Leinwand auf dem zentralen Platz der Cordeliers gezeigt.

Die Rückkehr von Benzema stößt auf Begeisterung und Skepsis.

Fabienne Dusser hat den Eindruck, „dass die Begeisterung für die EM etwas geringer ist als bei den Spielen vor Corona, auch wenn die Ankunft von Benzema in der französischen Mannschaft diese Begeisterung verstärkt hat.“ Der Stürmer war 2015 wegen einer bis heute nicht bewiesenen Erpressungsgeschichte suspendiert worden (wir berichteten). Gwen Pocard ist da ein wenig skeptischer: „Die Rückkehr von Karim Benzema (Real Madrid) ist ein Plus für die Blauen, auch wenn er weiterhin spaltet.“

Michel Thobois, der mittlerweile in Deutschland und Frankreich lebt, sagt: „Ich bin kein überaus eifriger Fußballfan. In meiner Jugend habe ich mich mehr mit Handball und Rugby beschäftigt. Beim bevorstehenden Spiel Deutschland/Frankreich werde ich der deutschen Mannschaft die Daumen drücken – dass sie nicht zu hoch verliert. Ob ich das Spiel ansehe, weiß ich noch nicht: Die Spiele zwischen Deutschland und Frankreich machen mich wahnsinnig nervös.“

Nur 45 Prozent der Spiele würden von französischen Fernsehsendern ausgestrahlt, sagt Gwen Pocard. Als zweiten seiner Favoriten nennt er eine Mannschaft, die sich nicht fürs Turnier qualifiziert hat. Das ist Humor à la française. Dafür kommt Pocard auf die soziale Bedeutung des Fußballs zu sprechen. Der FC Annonay ermögliche es, dass sich Kinder aus einem Problemviertel mit Kindern aus anderen Stadtteilen treffen und gemeinsame Ziele verfolgen. Im Verein lernten sie auch gesellschaftliche Regeln, könnten ihre Sprache verbessern, zu Persönlichkeiten heranwachsen und Funktionen übernehmen.

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Erstellt:
15. Juni 2021, 06:00 Uhr

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