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Geschwister in schwieriger Situation

„A Gschicht über d’Lieb“: Regisseur und Hauptdarsteller stehen dem Publikum im Universum-Kino in Backnang Rede und Antwort

Ein idyllisch gelegenes, schwäbisches Dorf in den 1950er-Jahren, zwei junge Menschen lieben sich – zunächst klassische Zutaten für eine Heimatschnulze. In Peter Evers’ neuem Film „A Gschicht über d’Lieb“ sind es die Kinder des Bacherbauern, deren Gefühle zueinander weit über Geschwisterliebe hinausgehen. Der Regisseur war mit Hauptdarsteller Merlin Rose bei einer Vorführung mit Fragerunde im Backnanger Universum-Kino zu Gast.

Merlin Rose (links) und Peter Evers bei der Premiere des Films „A Geschicht über d’Lieb“ im Backnanger Universum-Kino. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Merlin Rose (links) und Peter Evers bei der Premiere des Films „A Geschicht über d’Lieb“ im Backnanger Universum-Kino. Foto: A. Becher

Von Claudia Ackermann

BACKNANG. Die Welt scheint in Ordnung zu sein im kleinen, schwäbischen Landidyll. Bei der Heuernte helfen alle gut gelaunt zusammen. Den Trecker fährt Maria (Svenja Jung), die Tochter des Bacherbauern. Etwas ungewöhnlich vielleicht, denn eigentlich ist das ja Arbeit für ein gestandenes „Mannsbild“, sind sich die Jungbauern einig. Der Sohn des Bacherbauern hat jedoch ganz andere Pläne. Gregor (Merlin Rose), der eigentlich einmal den Hof übernehmen soll, will an der künftig am Dorf vorbeiführenden Bundesstraße eine Tankstelle errichten und begehrt gegen Traditionen und den Wunsch des Vaters auf. Die Vorboten einer neuen Zeit kündigen sich Anfang der 1950er-Jahre an.

Für Regisseur Peter Evers, der in Waiblingen und Wien lebt, gestaltete sich die Suche nach einem authentischen Drehort schwierig. Ein Dorfbild, das nicht durch Neubauten, Satellitenschüsseln oder asphaltierte Straßen gestört wird, sei kaum zu finden, berichtet er den Kinobesuchern. Europaweit habe er gesucht. Sein Vater, der in Waiblingen lebt, hat ihn schließlich auf die zündende Idee gebracht. Er schlug vor, sich das Freilandmuseum Wackershofen bei Schwäbisch Hall anzusehen. „Es ist so gebaut, als hätten sie mein Drehbuch gelesen“, war der Regisseur, der für das Buch zum Film mit dem renommierten Thomas-Strittmatter-Preis ausgezeichnet wurde, sofort begeistert. Außen- sowie Innenaufnahmen entführen in vergangene Zeiten.

Im Film will der mürrische Bacherbauer (Thomas Sarbacher) seinen Sohn bei seinem Vorhaben nur finanziell unterstützen, wenn Maria bald heiratet und so für eine ordentliche Weiterführung des Hofs sorgt. Der Zuschauer hat an Szenen mit zärtlichen Berührungen und verliebten Blicken schon längst bemerkt, dass leidenschaftliche Liebe die Geschwister verbindet. Zunächst versucht Gregor noch, nicht geschehen zu lassen, was nicht sein darf. Doch schließlich siegt die Anziehungskraft zwischen den beiden. Gregor träumt davon, nach Kanada auszuwandern und dort mit Maria als Mann und Frau zu leben. Denselben Nachnamen haben sie ja bereits. Würde Maria es übers Herz bringen, den Vater allein mit dem Hof zurückzulassen?

Keinesfalls soll die Geschichte ein Plädoyer für Inzest sein, unterstreicht Peter Evers. Der Konflikt, der im Raum steht, ist: „Hat man das Recht, lieben zu dürfen, wen man will?“ Im Film wird Maria schwanger. Das dörfliche Idyll ist schon längst keines mehr. Scheinheiligkeit, Missgunst, Verlogenheit und Hass treten in den Vordergrund, bis die Situation schließlich eskaliert. „Warum habt ihr uns net oifach in Ruh g’lasse?“, stellt Gregor verzweifelt die Frage.

Die Sprache ist durchgehend in Dialekt gehalten, da es einfach zu einem Dorf in Württemberg gehört, dass Schwäbisch gesprochen wird. Dem Schwaben fällt allerdings auf, dass die Aussprache vieler Wörter von der eigenen abweicht. Man habe eine Art Kunstdialekt entwickelt, verrät der Regisseur. Der Film, der seit vergangenem Donnerstag bundesweit in den Kinos läuft, soll authentisch klingen, aber auch in Norddeutschland verstanden werden. Hinzu kommt, dass fast alle Schauspieler keine Schwaben sind, und dafür meistern sie ihre Aufgabe hervorragend. Ausgiebig haben sie denn auch mit einer Dialekttrainerin geprobt.

Merlin Rose, der Darsteller des Gregor, stammt aus Berlin. Der schwäbische Dialekt sei ihm nicht ganz fremd, erzählt der 26-Jährige dem Kinopublikum. Seine Mutter ist in Villingen im Schwarzwald geboren. Dort war er oft bei den Großeltern zu Besuch. Das Dialekttraining sei so weit gegangen, dass die Crew auch nach den Dreharbeiten weiter Schwäbisch gesprochen habe. Etwa in einer Wirtschaft in Schwäbisch Hall, wo der Berliner von einem Gast gefragt wurde, ob er aus Crailsheim stamme.

Der schwäbische Film ist alles andere als eine oberflächliche Heimatschnulze. Bemerkenswert sind die schauspielerischen Leistungen, vor allem der beiden jungen Hauptdarsteller (beide geboren 1993). Das Ende lässt Peter Evers bewusst offen. Bei der Fragerunde im Universum-Kino möchte eine Besucherin wissen, wie es denn für Maria und Gregor weitergehen könnte. Das überlässt der Regisseur der Fantasie und den Moralvorstellungen der Zuschauer und entlässt sie mit der Gegenfrage: „Was würden Sie sich denn für die beiden wünschen?“ Angesichts der ergreifend dargestellten Geschichte bleibt nach dem Kinobesuch viel Raum zum Nachdenken oder Diskutieren über diese Frage.

Der Film „A Gschicht über d’Lieb“ wird im Universum-Kino Backnang gezeigt. Spielzeiten sind in Internet unter www.backnangerkinos.de einzusehen.

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Erstellt:
2. September 2019, 06:00 Uhr

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