Telemedizin und Apps: Gesund mit digitalen Hilfsmitteln

Gerade in ländlichen Regionen gibt es immer weniger Haus- und Fachärzte. Gleichzeitig werden die Menschen immer älter und sind vermehrt auf medizinische Versorgung angewiesen. Digitale Hilfsmittel könnten helfen, diese Lücke zu überbrücken und Patienten sowie Ärzte zu entlasten.

Mit Hilfe von VR-Brillen können unter anderem Behandlungen von Phobien unterstützt werden. Foto: Alexander Becher

© Alexander Becher

Mit Hilfe von VR-Brillen können unter anderem Behandlungen von Phobien unterstützt werden. Foto: Alexander Becher

Von Kristin Doberer

Rems-Murr. Wie sieht die Gesundheitsversorgung der Zukunft aus? Mit immer weniger Fachärzten und sogar immer weniger Hausärzten in ländlichen Regionen stellt sich die Frage, wie eine alternde Gesellschaft gesundheitlich noch richtig versorgt werden kann. Ein Ansatz: die Ärzte mit digitalen Medien unterstützen, entlasten und den Patienten auch zu Hause Therapieformen und Diagnostik anbieten.

Wie das funktionieren kann, damit beschäftigt sich unter anderem der Aspacher Diakonieverein, der im Rahmen einer Vortragsreihe zur digitalen Gesundheit einen Digital Health Truck in die Gemeinde geholt hat. Darin befinden sich so einige Geräte, die in der Gesundheitsversorgung der Zukunft eine Rolle spielen könnten. So zum Beispiel ein Rucksack voller Diagnostikgeräte für zu Hause. In diesen sogenannten Telemedizinrucksäcken gibt es unter anderem ein mobiles EKG, ein Blutdruckmessgerät, ein Otoskop, mit dem Bilder vom Inneren des Ohr gemacht werden können, ein Gerät, mit dem die Lungenfunktion getestet werden kann, und vieles mehr. Die Geräte in dem Rucksack sind mit einem Tablet verbunden, welches die Daten sicher direkt zum behandelnden Arzt senden kann. Die Idee dahinter ist, dass zum Beispiel mobile Pflegekräfte, die die Patienten ja ohnehin regelmäßig in deren Zuhause besuchen, diesen mit den jeweiligen Diagnostikgeräten den einen oder anderen Gang zum Arzt sparen können. „Der Arzt kann sich die Daten dann entweder später ansehen oder die Untersuchungsergebnisse sogar live verfolgen. Hier kann er sogar über das Tablet eine Videoübertragung einleiten und direkt mit den Patienten sprechen“, sagt Armin Pscherer von der Koordinierungsstelle Telemedizin Baden-Württemberg (KTBW).

Diagnostik im eigenen Zuhause soll eine schnellere Behandlung ermöglichen

Auch werde gerade an einem Diagnostikgerät gearbeitet, welches Infektions- oder Wunddiagnostik vor Ort betreiben könne. Statt also erst einen Abstrich zum Beispiel von einer Wunde zu nehmen, diese dann ins Labor zu schicken und erst einige Tage später das Ergebnis zu erhalten, könne man so direkt bestimmen, mit welchem Erreger man es zu tun hat, und schneller entscheiden, mit welchen Medikamenten man darauf am besten reagiert. Auch gibt es in den Telemedizinrucksäcken bereits ein Gerät, mit dem die Lungenfunktion geprüft werden könne, berichtet Pscherer. „Das ist gerade in den vergangenen zwei Jahren sehr wichtig geworden“, meint er. Geeignet seien solche Rucksäcke besonders in ländlichen Regionen. Hier breche die Hausarztversorgung immer mehr ein, Hausbesuche vom Arzt sind schon lange nicht mehr selbstverständlich.

Die Telemedizinrucksäcke sind aber nur eine von vielen Möglichkeiten, wie die Gesundheitsversorgung digitaler werden kann. Das zeigt der Blick in den Digital Health Truck. Auch dabei sind verschiedene Smartwatches, die die eigene Aktivität und den Puls messen können, sowie VR-Brillen, die in verschiedensten Bereichen eingesetzt werden können. „Ein Anwendungsbereich liegt bei immobilen Patienten oder Demenzkranken“, berichtet Pscherer. Wenn diese die Brillen aufsetzen, werden sie quasi in eine andere Situation versetzt. Je nachdem, in welche Richtung sie blicken oder sich bewegen, ändert sich die Umgebung, die von der Brille gezeigt wird. „So kann man zum Beispiel einen Ausflug in den Zoo simulieren und den Alltag dieser Patienten abwechslungsreicher gestalten.“

VR-Brillen gegen Phobien

Außerdem können die VR-Brillen zum Beispiel bei der Nachsorge von Schlaganfallpatienten eingesetzt werden. Bestimmte Bewegungsabläufe können geübt und trainiert werden, zum Beispiel mit einer Simulation, in der man die Arme immer wieder über den Kopf heben muss, um möglichst viele Äpfel zu pflücken. „Gestaltet man solche Übungen spielerisch, bleiben die Leute eher dran.“ Auch in der Physiotherapie fänden solche VR-Brillen Einsatz. Aber auch bei psychischen Problemen sollen sich damit neue Therapiemöglichkeiten eröffnen, sagt Pscherer. So könne man sich bei gewissen Angststörungen virtuell an die beängstigende Situation herantasten.

Auch dabei hat der Digital Health Truck ein EKG für zu Hause. Es besteht lediglich aus einer kleinen Platte, auf die man seine Finger legt und die mit einem Rechner verbunden ist. Nach nur etwa 60 Sekunden werden die ersten Ergebnisse auf dem Bildschirm angezeigt. Aber das EKG zeigt die Herzfrequenz und den Rhythmus nicht nur in Zahlen an, sondern liefert auch eine erste Interpretation. In den Farben Grün, Gelb und Rot zeigt das Gerät Unregelmäßigkeiten an. Gibt es tatsächlich Probleme, können die Daten direkt dem eigenen Arzt gezeigt werden, der dann schnell eine erste Einschätzung treffen kann. Allerdings seien solche Geräte auch mit Vorsicht zu genießen, sagt auch Pscherer. So seien diese natürlich nicht so genau wie EKGs im Krankenhaus oder beim Arzt, man wolle Patientinnen und Patienten auch nicht verunsichern. „Da kommt es immer auch die einzelne Person an, ob das geeignet ist.“

Ohne eine gute Internetanbindung ist nur wenig möglich

In Aspach seien die Vertreter des KTBW auf interessierte und offene Ohren gestoßen, berichten sie. Andererseits seien viele der digitalen Helfer für Menschen ab einer gewissen Altersgruppe oft schwer zu verstehen. „Es fängt ja schon damit an, dass viele Begriffe auf Englisch sind“, sagt Florian Burg von der KTBW. Auch die Bedienung, zum Beispiel über Smartphones, stellt ältere Menschen vor eine große Hürde. Vermehrt will die KTBW darauf aufmerksam machen, welche digitalen Möglichkeiten es in der Gesundheitsversorgung bereits gibt. Ein ähnliches Ziel verfolgt auch der Diakonieverein Aspach. „Wir können nicht davon ausgehen, dass die Versorgung auch in Zukunft so bleibt, wie sie aktuell ist“, sagt Vorsitzender Jürgen Wuthe. Irgendwann komme man um Telemedizin vielleicht nicht mehr herum. „Und dafür müssen wir die Leute jetzt schon mitnehmen.“ Der Diakonieverein veranstaltet dafür bereits eine Vortragsreihe zu dem Thema.

Es habe sich aber auch herausgestellt, dass viele digitale Anwendungen zwar sinnvoll, aber ohne konkrete Ansprechpartner für ältere Menschen kaum nutzbar seien. Deshalb soll in Aspach eine Beratungsstelle rund um das Thema digitale Gesundheit eingerichtet werden. Allerdings gibt er noch einen weiteren Punkt zu bedenken: „Für all das braucht man natürlich eine Anbindung an stabiles Internet.“ Und das sei im ländlichen Raum eben nicht immer der Fall.

Koordinierungsstelle Telemedizin

KTBW Die KTBW Baden-Württemberg ist der Ansprechpartner für Belange der Telemedizin und digitalen Medizin im Land.

Ziele Die KTBW fungiert als Katalysator für digitalmedizinische Projekte und innovative Ansätze in der Gesundheitsversorgung. Sie unterstützt dabei, diese in die alltägliche medizinische Versorgung zu integrieren.

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Erstellt:
6. Februar 2023, 06:00 Uhr

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