Große Freude in der türkischen Community

Mit Cem Özdemir könnte erstmals ein türkischstämmiger Politiker Ministerpräsident in Deutschland werden.

Von Erdem Gökalp

Stuttgart - Nach dem Wahlerfolg der Grünen und ihres Spitzenkandidaten Cem Özdemir drücken Menschen aus der türkischen Gemeinschaft ihre Freude aus. Cem Özdemir selbst ist das Kind von Gastarbeitern. Er könnte der erste Ministerpräsident mit einem türkischen Migrationshintergrund werden.

Nach Meinung des Geschäftsführers des Deutsch-Türkischen-Forums (DTF), Kerim Arpad, leiste Özdemir Pionierarbeit in Deutschland. „Er hat ja nie eine große Sache aus seinem türkischen Hintergrund gemacht. Gerade weil er immer betont, dass er sich in gleichem Maße auch als Schwabe sieht“, sagt Arpad über den Politiker. Er kennt ihn schon seit vielen Jahren, Özdemir gehört zudem seit 15 Jahren dem Kuratorium des DTF an.

Der Grünen-Politiker habe sich in seiner ganzen politischen Laufbahn für Themen wie Diversität und die Akzeptanz von Minderheiten eingesetzt. Arpad rechnet daher damit, dass diese Themen auch weiterhin wichtig sein werden. „Das ist ein wichtiges Zeichen, gerade in den schwierigen Zeiten, in denen wir uns befinden“, sagt er. Ohnehin sei die politische Landschaft in Baden-Württemberg bekannt für ihre Vorbilder für die migrantische Gemeinschaft. Beispielsweise mit der Landtagspräsidentin Muhterem Aras und dem Finanzminister Danyal Bayaz.

Auch Gökay Sofuoğlu, Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGBW) hat in einer öffentlichen Mitteilung Özdemir zum Wahlsieg gratuliert. Özdemirs Wahlsieg sei ein historischer Schritt zu mehr politischer Repräsentation. Man weise aber auch darauf hin, dass Özdemirs Wahl leider noch eine große Ausnahme der Regel darstelle.

„Seine Migrationsgeschichte allein sagt nichts über seine politischen Qualitäten oder Inhalte aus. Mit seinem Sieg sind wir als Gesellschaft aber einen Schritt weiter in der politischen Repräsentation der Bevölkerung, wie sie tatsächlich existiert“, sagt Sofuoğlu. „Fast 40 Prozent der Menschen in Baden-Württemberg haben eine Migrationsgeschichte, aber nur zwölf Prozent sitzen im Parlament“, sagt er weiter. Daher sei Özdemirs Wahlsieg zwar historisch, aber eine große Ausnahme.

Gökcen Sara Tamer-Uzun ist Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Sie bildet Lehrkräfte für den Islamischen Religionsunterricht aus. Laut der Pädagogin sei die große Errungenschaft, dass Özdemir nicht wegen seiner Herkunft gewählt wurde. „Er wurde vielmehr gewählt, weil man ihm Kompetenz und Führungskraft zutraut“, sagt sie. Die Ernennung eines Ministers mit türkischer Migrationsgeschichte erfülle zudem viele Menschen mit Migrationsbiografie – vor allem mit türkischer und auch viele Musliminnen und Muslime – mit einem gewissen Stolz.

„Es ist ein starkes Zeichen dafür, wie weit unsere Gesellschaft gekommen ist und dass Zugehörigkeit heute selbstverständlich gelebt werden kann“, sagt sie weiter. Viele hofften nun auf eine politische Führung, die diese Vielfalt aktiv nutze, um die Menschen im Land noch enger zusammenzuführen.

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Erstellt:
9. März 2026, 22:06 Uhr
Aktualisiert:
9. März 2026, 23:57 Uhr

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