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Großes Brauhaus kommt jetzt doch nicht

Investor zieht wegen hoher Baupreise die Reißleine – Löwen-Areal in Backnang wird nicht neu gestaltet – Gaststättenpächter gesucht

Aus der schon sicher geglaubten Neugestaltung des Löwen-Areals mit einem großen Brauhaus wird nichts. „Wegen explodierender Baupreise“ hat Investor Jochen Stroh jetzt die Reißleine gezogen. Der geplante Abbruch von vier Gebäuden findet nicht statt. Diese werden im Bestand saniert. Die Stadt, die von dieser Nachricht überrascht wurde, macht nun die Gestaltung des Rathausplatzes vom Löwen-Pächter abhängig.

Die drei Gebäude Am Rathaus 6, 7 und 8 (Mitte) werden nicht abgerissen, sondern im Bestand saniert. Für die Einzelhandelsflächen im Erdgeschoss sucht der Investor neue Mieter. Für die Gaststätte Zum Löwen ist laut Bauherr noch eine kleine Brauhauslösung denkbar. Die Pläne der Stadt für die Rathausplatzgestaltung liegen nun allerdings erst mal auf Eis. Archivfoto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Die drei Gebäude Am Rathaus 6, 7 und 8 (Mitte) werden nicht abgerissen, sondern im Bestand saniert. Für die Einzelhandelsflächen im Erdgeschoss sucht der Investor neue Mieter. Für die Gaststätte Zum Löwen ist laut Bauherr noch eine kleine Brauhauslösung denkbar. Die Pläne der Stadt für die Rathausplatzgestaltung liegen nun allerdings erst mal auf Eis. Archivfoto: A. Becher

Von Florian Muhl

BACKNANG. Vor einem halben Jahr schien alles sicher zu sein. Das Löwen-Areal im Herzen Backnangs wird komplett neu überplant, ein großes Brauhaus etabliert sich gegenüber dem historischen Rathaus, der Rathausplatz wird terrassiert und bekommt ein ganz neues Gesicht. Sogar der Gänsebrunnen sollte dafür versetzt werden. „Das ist eine riesengroße Chance für unsere Altstadt“, freute sich noch im Mai Oberbürgermeister Frank Nopper, der das Brauhaus an Land gezogen hatte und das gastronomische Highlight wie sein eigenes Baby feierte.

Um das komplette Löwen-Quartier neu zu gestalten, hatte Augenoptikermeister Jochen Stroh als Investor, dem bereits die Nachbargebäude gehörten, auch das Traditionsgasthaus Löwen erworben (wir berichteten). Geplant war, die drei Gebäude zwischen Eisdiele Dolomiti und Gaststätte Löwen, Am Rathaus 6, 7 und 8, sowie das Gebäude neben dem Löwen, Marktstraße 20, abzureißen und neu aufzubauen. Neben Einzelhandelsflächen sollten auch elf neue Wohnungen entstehen, sechs davon für den sozialen Wohnungsbau.

Das Löwen-Gebäude selbst steht unter Denkmalschutz. In das Brauhauskonzept sollten der Löwen sowie die beiden benachbarten Gebäude am Rathausplatz miteinbezogen werden. Auf einer durchgehenden Etage sollten im Brauhaus 170 Sitzplätze entstehen und im Außenbereich weitere 100 bis 130. Um die Umgestaltung zu stemmen, wollte der Investor schon im Mai zwischen sechs und sieben Millionen Euro in die Hand nehmen. „Das Projekt stand nie auf der Kippe“, sagte Jochen Stroh vor einem halben Jahr. Doch jetzt sieht die Welt ganz anders aus. Mit der Mitteilung „Bauherr reduziert Baumaßnahme im Löwen-Areal wegen explodierender Baukosten“ überraschte Stroh unsere Zeitung wie die Verantwortlichen der Stadt gleichermaßen. „Der Bauherr nimmt deswegen Abstand von seinen ursprünglichen Planungen, weil sich in den letzten 18 Monaten die Baukosten von ursprünglich geplanten 3,1 Millionen auf nunmehr 7 Millionen Euro mehr als verdoppelt haben“, teilte der Investor mit. Auf Nachfrage konkretisierte Stroh seine erst wenige Tage alte Entscheidung: „Irgendwann kommt man mal an den Punkt, da rechnet es sich nicht mehr.“ Auch wenn er im Mai schon von hohen Investitionskosten ausgegangen ist, seien diese doch noch mal in die Höhe geschossen.

Ein weiterer Aspekt habe ihn dazu bewogen, kürzerzutreten: „Ich habe nicht einmal einen Generalunternehmer gefunden. Wir haben bestimmt zehn oder zwölf angeschrieben, und keiner will’s machen. Die haben entweder keine Zeit oder es ist denen zu aufwendig wegen der Topografie.“ Stroh, der in Backnang geboren und aufgewachsen ist und dessen Familie mit der Stadt verwurzelt ist, zog letztlich folgendes Fazit: „Ich bin gestartet bei 3,1 Millionen, wobei ein gewisser Puffer schon da war, aber wenn man mal bei 7 steht und dann schon abzusehen ist, dass das wahrscheinlich auch noch nicht das Ende der Fahnenstange ist, und ich auch noch nicht einmal jemanden finde, der das bauen will, dann muss ich irgendwann auch mal die Reißleine ziehen, bevor wir hier abbrechen und dann steht dann gar nichts mehr; das geht natürlich nicht.“

Dem Augenoptiker, der in Backnang zwei Fachgeschäfte betreibt und in Winnenden und in Sulzbach an der Murr zwei weitere, ist es nicht egal, wie sich seine Heimatstadt entwickelt. Im Gegenteil. Dem Immobilienbesitzer liegt Backnang am Herzen. „Backnang soll weiterhin attraktiv bleiben.“ Das Thema Brauhaus in Backnang sei noch nicht gestorben. Stroh ist optimistisch, dass diese Vision doch noch Realität werden könnte, wenn auch „in abgespeckter Form“.

Er ist weiterhin mit dem Pächter, der die „große Variante“ hätte übernehmen sollen, im Gespräch. „Die Löwen-Situation wird mit Sicherheit ein wenig umfangreicher als im seitherigen Löwen“, sagt Stroh. Der Bauherr denkt an die Verlagerung der Küche und des Kühlhauses in das Gebäude Marktstraße 20. Dann würde im Inneren des Gasthauses mehr Platz geschaffen werden. Was den Außenbereich angeht, hofft Stroh, dass die Stadt weiterhin daran interessiert ist, den Rathausplatz neu zu gestalten und so zu terrassieren, dass sich Tische und Stühle optimal stellen lassen würden. Die Änderungsschneiderei Nikoleta im ehemaligen Käseladen laufe so gut, dass der Wunsch der Betreiberin laut wurde, in den ersten Stock zu ziehen und sich damit zu vergrößern. So könnte der unten frei werdende Platz auch für die Gastronomie inklusive Außenbewirtschaftung genutzt werden.

„Die reduzierte Lösung ist
nur die zweitbeste Lösung“

Stroh bedauert selbst, dass er sich für diesen Rückzieher entschließen musste. Er hatte fest mit der Neuüberbauung des Areals gerechnet, hatte seinen Mietern wie dem Wäschehaus Speidel kündigen und für die fünf Wohnungsmieter eine Zwischenlösung suchen müssen. Letztere freuen sich, denn sie dürfen nun in ihren gewohnten vier Wänden wohnen bleiben.

Was die Einzelhandelsfläche betrifft, ist Stroh optimistisch, denn 25 Quadratmeter in bester Erdgeschosslage seien begehrt. Allerdings liegt dem Backnanger am Herzen, dass er auch „einen Mieter im hochwertigen Bereich“ findet.

„Die reduzierte Lösung ist zwar nur die zweitbeste Lösung, aber sie ist dann immer noch eine gute Lösung“, sagt Frank Nopper angesichts der neuen Lage. Der Oberbürgermeister ergänzt einschränkend: „...wenn es dem Bauherrn trotzdem gelingt, das Areal städtebaulich zu verbessern und vor allem auch für das modernisierte Traditionsgasthaus Zum Löwen und für die Einzelhandelsflächen attraktive Pächter zu gewinnen.“ Man müsse die Entscheidung, wie das Traditionsgasthaus weitergeführt wird, abwarten, sagt Nopper, und wörtlich: „Ich gehe per heute davon aus, dass auch die kleine Lösung Anlass für eine Umgestaltung des Platzes am Rathaus sein sollte.“

Die Stadt werde zunächst abwarten, wie das Löwen-Areal genutzt wird, also nicht nur das Gasthaus, sondern auch die restlichen Gewerbeflächen. Die Frage sei: „Wie werden die Einzelhandelsflächen genutzt und von wem werden sie genutzt?“, so der OB. Andererseits sei es auch kein Geheimnis, dass die Stadt „schon seit Langem der Überzeugung ist, dass der Platz einer Umgestaltung bedarf“. Zudem betont Nopper: „Die Modernisierung beziehungsweise Sanierung des Löwen-Areals ist nur der Anlass für die Umgestaltung des Rathausplatzes, und nicht die Ursache.“

Geplatzter Traum Von Kornelius Fritz Dass ein Investor seine Baupläne überdenkt und angesichts dramatisch gestiegener Baukosten erheblich abspeckt, ist sein gutes Recht. Schließlich ist es sein Geld, und niemand kann von Jochen Stroh erwarten, dass er eine Investition tätigt, die sich für ihn nicht rechnet. Das Löwen-Projekt war allerdings mehr als nur ein privates Bauvorhaben. Es war ein zentraler Baustein in der städtebaulichen Konzeption der Verwaltung. Vom Löwen-Quartier sollte ein Impuls für die gesamte Innenstadt ausgehen. Und es war das persönliche Lieblingsprojekt von Frank Nopper. Seit er den Brauhaus-Coup beim Neujahrsempfang 2017 stolz verkündet hatte, setzte der OB alle Hebel in Bewegung, um dieses Projekt zu ermöglichen. Um den Investor zu unterstützen, sollte der Rathausplatz neu gestaltet und für die Außengastronomie terrassiert werden. Ja sogar den Gänsebrunnen wollte man zu diesem Zweck versetzen. Da staunte mancher, was alles geht, wenn der OB etwas unbedingt will. Der Traum vom großen Brauhaus ist trotzdem geplatzt und man darf gespannt sein, was davon noch übrig bleibt. Dass Jochen Stroh einen Pächter findet, der auch in den bestehenden Räumen einen Gastronomiebetrieb weiterführt, ist eher unwahrscheinlich. Das hatte schon der frühere Löwen-Wirt Werner Lutz jahrelang vergeblich versucht. k.fritz@bkz.de Kommentar

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Erstellt:
23. Oktober 2018, 06:00 Uhr

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