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Großes Glück beim schweren Start

Die Zwillinge Romy und Nele Schaal aus Althütte sind als Frühchen im Winnender Rems-Murr-Klinikum auf die Welt gekommen. Trotz des schwierigen Starts sind die einstigen Sorgenkinder heute pumperlgsund. Nicht zuletzt dank der Hochleistungsmedizin.

Eine glückliche Familie mit gesunden Kindern, auch wenn das lange auf der Kippe stand: Christin und Christian Schaal mit den Zwillingen Romy (links) und Nele und der dreijährigen Mara im Garten ihres Hauses in Kallenberg. Sie sind dankbar für die Hilfen, die sie in Winnenden erhalten haben. Foto: T. Sellmaier

© Tobias Sellmaier

Eine glückliche Familie mit gesunden Kindern, auch wenn das lange auf der Kippe stand: Christin und Christian Schaal mit den Zwillingen Romy (links) und Nele und der dreijährigen Mara im Garten ihres Hauses in Kallenberg. Sie sind dankbar für die Hilfen, die sie in Winnenden erhalten haben. Foto: T. Sellmaier

Von Matthias Nothstein

BACKNANG. Christin und Christian Schaal hatten sich sehr gefreut, als klar war, dass ihre Tochter Mara (3) kein Einzelkind bleiben sollte. Und da die erste Schwangerschaft völlig komplikationslos verlaufen war, sorgten sich die beiden 34-Jährigen aus Kallenberg auch nicht besonders. Auch dann noch nicht, als es hieß, sie würden zweieiige Zwillinge bekommen. Doch dann, in der 23. Schwangerschaftswoche, deutete es sich an, dass die Schwangerschaft anders verlaufen würde als normal. Christin bekam starke Rücken- und Bauchschmerzen und konnte nicht mehr stehen oder sitzen, nur noch liegen. Die Hebamme schickte sie sofort ins Krankenhaus nach Winnenden. Doch die Ärzte dort konnten ihr in ihrem Fall nicht helfen. Denn sie hatten festgestellt, dass es sich entgegen der Aussage des Frauenarztes um eineiige Zwillinge handelte und dass der Nachwuchs am Zwillingstransfusionssyndrom (FFTS) leiden würde. Mit der Konsequenz, dass ein Fötus extrem unterversorgt und der andere überversorgt ist. Ohne sofortige Hilfe würden beide nicht überleben, so die Aussage der Ärzte.

Am selben Tag noch wurde die werdende Mutter mit einem Krankenwagen nach Mannheim verlegt und dort von Thomas Kohl operiert. Er ist der Leiter des Deutschen Zentrums für Fetalchirurgie und Schaal zufolge die Koryphäe in Deutschland auf diesem Gebiet. Über einen kleinen Schnitt im Bauch trennte der Arzt die Blutgefäße in der Plazenta. Christin Schaal erinnert sich mit Schauer an diese Zeit: „Dann hieß es hoffen und bangen.“ Die Wahrscheinlichkeit, dass das stärkere Kind überlebt, liegt in diesen Fällen bei 90 Prozent, das andere Kind hat eine Überlebenschance von 60 bis 70 Prozent.

Die nächsten Wochen waren nicht einfach für die Schwangere. „Ich musste mich schonen und durfte nicht heben, aber ich hatte doch noch ein anderes Wickelkind zu Hause.“ Gleichzeitig war nach der OP klar, dass sie ihre Kinder nicht bis zur 40. Woche austragen würde können. Angestrebt war, den Nachwuchs in der 34. Woche per Kaiserschnitt zu holen, „aber auch die 30. Woche wäre denkbar gewesen“.

Das Gewicht der Mädchen betrug 1141 beziehungsweise 1311 Gramm.

Doch es kam anders. In der 25. Woche suchte Schaal mit vorzeitigen Wehen wieder Hilfe in Winnenden und erhielt Wehenhemmer. Als dann auch noch die Fruchtblase platzte, war für die behandelnden Ärzte klar: „Wir müssen die Zwillinge holen.“

Beide Frühchen erblickten am 31. Mai 2019 mit 37,5 Zentimetern Körperlänge und Romy mit 1311 beziehungsweise Nele mit 1141 Gramm das Licht der Welt. Wobei das mit dem Licht vermutlich nicht stimmt. Sie erhielten sofort eine Binde vor die Augen, da diese noch zu empfindlich waren, und wurden in den Inkubatoren in Wärmedecken gesteckt.

Die Versorgung der Kinder forderte Christin Schaal alles ab, war sie doch durch den Kaiserschnitt sehr beeinträchtigt. Voll des Lobs ist sie über die Hilfe, die ihr in dieser Zeit zuteil wurde. Die Kinderkrankenschwestern legen sehr viel Wert darauf, dass die Eltern sich trauen, die Winzlinge auch selbst zu versorgen, und ermutigen sie, wo immer es geht. „Das ist auch nötig. Denn man fragt sich auch als erfahrene Mutter, was kann oder darf ich mit diesen Wesen anfangen, was nicht.“ Sehr gerne erinnert sie sich ans Kangarooing zurück, bei der ihr oder ihrem Mann die beiden Menschlein jeden Tag drei Stunden lang auf den nackten Oberkörper gelegt wurden, um so die Bindung zu fördern. Auch pumpte sie vom ersten Tag an Muttermilch ab, die den Kleinen gegeben wurde. Die Pflegekräfte haben der jungen Mutter viel Zuversicht und Sicherheit gegeben, beim Wickeln, beim Baden und der ganzen Versorgung. Immer wieder hörte Schaal: „Wir kriegen das hin.“ So kann diese heute offen und ehrlich sagen: „Wir haben uns in Winnenden sehr gut aufgehoben gefühlt.“

Das ist auch ein Verdienst des Bunten Kreises. Das sind Experten um Oberärztin Natalie Schwarzenberger, zwei Kinderkrankenschwestern, ein Seelsorger, ein Sozialarbeiter oder eine Stillberaterin. Letzterer hat es Schaal auch zu verdanken, dass sie später die Säuglinge im Tandem, also gleichzeitig stillen konnte. „Man kann sich jederzeit an diese Helfer wenden. Ich durfte auch zu jeder Tages- und Nachtzeit auf Station anrufen und fragen, wie es meinen Kindern geht.“

Dies war nötig, weil sich die dreifache Mutter schon eine Woche nach der Geburt wieder entlassen ließ. „Ich hatte ja noch ein Kind zu Hause, das mir auch unheimlich gefehlt hat.“ Erst knapp zwei Monate später durften die Zwillinge heim, die kräftigere Romy am 24. Juli, die zartere Nele, die lange noch Atemunterstützung benötigte, erst am 1. August. Für Schaal war die Zeit, in der die Familie zerrissen war, schwierig: „Ich bin an meine Grenzen gestoßen, jedem Kind gerecht zu werden.“ Eine große Hilfe und wunderschöne Erinnerung ist das Frühchentagebuch, das die Kinderkrankenschwestern aus der Sicht der Kinder geschrieben haben, oft nach Feierabend. „Das ist für uns ein richtiger Schatz, den wir mit nach Hause bekommen haben. Es ist sehr nett geschrieben und enthält viele Fotos.“ Unter diesen Fotos sind auch ganz besonders wertvolle. Üblicherweise waren nämlich die Gesichter der Kinder nicht komplett zu sehen. Die Augen waren anfangs zugeklebt, Schläuche verdeckten Mund und Nase. Während bestimmter Untersuchungen waren diese Störfaktoren entfernt, und das komplette Gesicht des Kindes konnte fotografiert werden. Schaal: „Wir hätten diese Chance zu fotografieren nicht gehabt.“

Heute sind die beiden Wonneproppen prächtig entwickelt. Schon bei der Klinikentlassung hatten sie 2570 und 2234 Gramm auf die Waage gebracht, aktuell sind es knapp neun Kilo. Mutter Schaal ist glücklich und erleichtert: „Wir hatten großes Glück. Obwohl der Darm der Winzlinge noch nicht völlig entwickelt war, haben sie keinen künstlichen Darmausgang benötigt. Auch an einer Bluttransfusion wegen der Atemprobleme sind wir knapp vorbeigeschrammt. Letztendlich konnten wir ohne Medikamente nach Hause entlassen werden.“ Inzwischen schlafen beide Kinder jede Nacht durch. Herz, was willst du mehr?

Hochleistungsmedizin

Das zertifizierte Perinatalzentrum der Rems-Murr-Klinik Winnenden bündelt ein umfassendes Leistungsspektrum der Geburts- und Kinderintensivmedizin in höchster Qualität.

Jedes Jahr werden in Deutschland 60000 Kinder vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche geboren und damit oft weit über drei Wochen früher als bei einer normalen Schwangerschaft von 40 Wochen.

Diese Frühchen brauchen oft eine anspruchsvolle Versorgung, damit sie keine bleibenden Beeinträchtigungen davontragen. Das zertifizierte Perinatalzentrum der höchsten Versorgungsstufe im Rems-Murr-Klinikum ist auf solche Fälle spezialisiert. Hier werden Schwangere mit erwarteten Frühgeborenen bei geschätztem Geburtsgewicht von unter 1250 Gramm oder unter der 29. Schwangerschaftswoche betreut.

Die moderne Medizin macht es heute möglich, dass auch Frühgeborene, die bei der Geburt unter 1000 Gramm wiegen, gut versorgt werden können. „Selbst Kinder, die mit extrem niedrigem Gewicht zur Welt kommen, haben sehr hohe Überlebenschancen, wenn sie in ein gut ausgestattetes Perinatalzentrum kommen“, so Professor Dr. Ralf Rauch, der Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin. „Mit unserer Versorgungsstufe können wir durchaus mit Unikliniken mithalten.“ Er ist gemeinsam mit dem Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe, Professor Dr. Hans-Joachim Strittmatter, Leiter des Perinatalzentrums.

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Erstellt:
12. September 2020, 11:30 Uhr

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