Parteitag in Hannover

Grüne verabschieden sich von der Homöopathie

Auf ihrem Parteitag haben die Grünen sich gegen Homöopathie als Kassenleistung ausgesprochen. Die Entscheidung kommt überraschend – und zu einem ungünstigen Zeitpunkt.

Die Grünen stimmten gegen den bislang bestehenden Kompromissvorschlag.

© Moritz Frankenberg/dpa

Die Grünen stimmten gegen den bislang bestehenden Kompromissvorschlag.

Von Rebekka Wiese

Wie diese Abstimmung ausgeht, kann man schon ahnen, als Cedrik Schamberger seinen ersten Applaus bekommt. Schamberger ist Pharmazeut und er ist Grüner aus dem Berliner Kreisverband Tempelhof-Schöneberg. „Es geht nicht darum Überzeugungen abzuwerten“, sagt Schamberger am Freitagabend vor seiner Partei. „Aber die Frage ist, wofür die Solidargemeinschaft zahlt, und das sollte das sein, was nachweislich wirkt.“ Der Saal jubelt.

Am Freitagabend haben sich die Grünen auf ihrem Bundesparteitag in Hannover dafür ausgesprochen, dass gesetzliche Krankenkassen homöopathische Behandlungen und Präparate nicht mehr erstatten sollten. Die Entscheidung kam überraschend – auch wenn Homöopathie für die Partei schon lange nicht mehr die Bedeutung hatte wie über viele Jahre zuvor. Und trotzdem: Über lange Zeit war Homöopathie zentral mit der Identität der Grünen verbunden. Dass das vorbei ist, haben die Grünen mit dem Beschluss offiziell gemacht.

Grüne entscheiden sich gegen Kompromiss

„Die Solidargemeinschaft soll nicht für Therapien aufkommen, deren Wirksamkeit über den Placeboeffekt hinaus wissenschaftlich nicht belegt ist“, steht in dem Beschluss, für den sich die Grünen nun entschieden. Der Bundesvorstand der Partei hatte dazu einen Gegenvorschlag eingereicht. Er wollte den Kompromiss durchsetzen, auf den sich die Grünen 2020 schon mal geeinigt hatten. Der sah im Wesentlichen vor, dass die gesetzlichen Krankenkassen solidarische Wahltarife für homöopathische Leistungen anbieten sollten, für die sich Versicherte freiwillig entscheiden können.

Doch der Kompromiss, an dem der Bundesvorstand gern festgehalten hätte, reichte den Delegierten auf dem Parteitag nicht mehr. „Die vorgeschlagenen Wahltarife sind unrealistisch“, sagte Schamberger in seiner Rede und warnte vor zusätzlicher Bürokratie.

Grüne: „Jeder entscheidet über seinen Körper“

Für den Bundesvorstand versuchte Manuela Rottmann, Schatzmeisterin der Partei und ehemalige Bundestagsabgeordnete, den Kompromiss zu verteidigen. Sie sprach über die Krise im Gesundheitssystem und sagte schließlich: „Ich weiß nicht, ob es das wert ist, das Thema von 2020 nochmal aufzumachen.“ Und sie betonte: „Jeder entscheidet über seinen Körper, das akzeptieren wir.“

Doch sie konnte sich nicht durchsetzen. Mit großer Mehrheit lehnten die Delegierten den Kompromissvorschlag ab. Bei der anschließenden Debatte über den Antrag traten auch Befürworter von Homöopathie vor die Partei. Zum Beispiel der Arzt Yatin Shah, der erklärte, dass er selbst integrativ arbeite. „Ich bin einigermaßen entsetzt über die Debatte“, sagte Shah und verwies auf Metastudien. Doch die Mehrheit der Delegierten konnte er nicht überzeugen.

Ein Problem in Baden-Württemberg

Für den Bundesvorstand der Grünen ist die Entscheidung eine kleine Niederlage. Und vor allem ein strategisches Problem: Denn gerade in Baden-Württemberg dürften sich viele ihrer Wähler über die neue Ausrichtung der Partei in der Frage ärgern – und dort wird ja schon im März der neue Landtag gewählt. Auch wichtige Unternehmen aus der Branche sitzen am Land.

Man kann davon ausgehen, dass der Bundesvorstand auch deshalb gern an dem Kompromissvorschlag festgehalten hätte. Zumal das Thema auch in anderen Ländern bewegt, wie auch der Homöopathie-Befürworter Shah in seiner Rede betonte. Er sprach von einem „verheerenden Signal“. Doch die Mehrheit der Delegierten ließ sich davon nicht überzeugen.

Unter den Befürworterinnen des Antrags war auch die Bundestagsabgeordnete Paula Piechotta, die ebenfalls Ärztin ist. Sie kenne diese Debatte schon seit 2019, sagte sie. „Und heute können wir sie schließen.“ Sie habe keine Kraft mehr, den Kompromissvorschlag zu verteidigen. Auch dafür gab es lauten Applaus. Die Grünen haben sich mit diesem Abend endgültig von den Globuli verabschiedet.

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Erstellt:
28. November 2025, 23:16 Uhr

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