Deutschlands Kirchen verlieren weiter Mitglieder
Hallo, ist da noch wer?
Die katholische Kirche hierzulande hat rund 19,2 Millionen Mitglieder, die evangelische etwa 17,4 Millionen. Beide Kirchen büßen erneut Mitglieder ein. Wenn das so weitergeht, werden Gotteshäuser in Deutschland in wenigen Jahrzehnten nur noch Museen sein.
© Imago/Sven Simon
Was ist, wenn niemand mehr diese Botschaft hören will? Wenn Glaube und Religion den meisten schlicht egal sind? Ist dann nicht nur Kirche, sondern auch Religion an sich erledigt?
Von Markus Brauer
Die beiden großen deutschen Kirchen werden weiter zur Ader gelassen. Erneut haben zahlreiche Menschen die katholische und evangelische Kirche in Deutschland verlassen.
Schwund bei Katholiken und Protestanten geht weiter
- Aus der katholischen Kirche traten im vergangenen Jahr 307.117 Menschen aus, wie am Montag (16. März) die Deutsche Bischofskonferenz in Bonn nach vorläufigen Zahlen mitteilte.
- Im Jahr 2024 hatten noch 321.659 Personen ihre Kirche verlassen.
- Im vergangenen Jahr traten 2269 Menschen in die katholische Kirche ein (2024: 1.839), 5443 Personen wurden wieder aufgenommen (2024: 4743).
- Demnach hat die katholische Kirche rund 19,2 Millionen Mitglieder, das sind 23 Prozent der Gesamtbevölkerung. Den bisherigen Höchstwert an Austritten verzeichnete die Statistik für das Jahr 2022. Damals verließen mehr als 520.000 Katholiken ihre Glaubensgemeinschaft.
- Innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gehörten im vergangenen Jahr nach vorläufigen Angaben rund 17,4 Millionen Menschen einer der 20 Landeskirchen an. Das sind 3,2 Prozent weniger als im Vorjahr, wie die EKD in Hannover mitteilte.
- Als Gründe nannten die Protestanten vor allem Kirchenaustritte und Sterbefälle. Im Jahr 2025 traten demnach rund 350.000 Menschen aus der Kirche aus – ähnlich viele wie im Jahr zuvor.
- Zugleich traten rund 120.000 Menschen neu in die evangelische Kirche ein oder wurden getauft.
Die Zahlen belegen die Fakten
Sind Kirchen und Glaube im freien Fall begriffen? Diese Zahlen belegen die seit langem bekannten und nicht zu leugnenden Fakten: Die Kirchenbindung in Deutschland erodiert, das Gemeindeleben erlahmt, das christliche Profil der Gesellschaft verblasst. Und das in einem Ausmaß und Tempo, wie es selbst notorische Pessimisten kaum für möglich gehalten hätten.
Es war schon immer ein Irrtum zu glauben, dass die Standfesten bleiben und nur die „Karteileichen“ gehen würden. Es gibt kein „Gesundschrumpfen“, die Spreu trennt sich nicht vom Weizen. Stattdessen ist es so, wie der Theologe Karl Rahner schon in den 1970er Jahren unumwundenfeststellte: Der Glaube verdunstet – und mit ihr die Kirche.
Oder wie Thomas Schüller, der katholische Kirchenrechtler aus Münster, es formuliert: „Die katholische Kirche stirbt einen quälenden Tod vor den Augen der gesellschaftlichen Öffentlichkeit.“
Glaube Light und religiöse Sehnsucht
Ist damit Religion an sich erledigt? Ist Gott tot, wie der Philosoph Friedrich Nietzsche prägnant formulierte? Der Trend geht eindeutig nicht zum Atheismus, sondern zur religiösen Individualisierung und Popularisierung von Spiritualität – zum „Glauben Light“.
Dass es in der Gesellschaft eine religiöse Sehnsucht und eine Suche nach Gott gibt, ist unbestritten. Doch diese Sehnsucht ist mehr Ausdruck einer vagen, individualistisch geprägten Gefühlsreligion als eines klaren Bekenntnisses zu bestimmten religiösen Überlieferungen.
An den Kirchen geht dieser Trend weitgehend vorbei. Selbst für viele engagierte Christen hat der kirchliche Glaubens- und Moralkodex immer weniger praktische Bedeutung.
Patchwork-Identität und spiritueller Flickenteppich
Glaube heute: Das ist eine Art Patchwork-Identität. Die neue Religiosität ist pluraler, individueller und pragmatischer. Sie gleicht einem spirituellen Flickenteppich: Wie im Supermarkt wählt man sich aus den Sinnangeboten aus, was gefällt und trendy ist. Ein bisschen Bergpredigt, ein paar Schnipsel Buddhismus, gewürzt mit indianischen Zitaten, dazu Salbungsvolles vom Dalai Lama und von Greta Thunberg. Fertig ist die „religiöse Multikultisuppe“.
Hinzu kommt: Die fortschreitende Digitalisierung der Welt lässt das unüberschaubare Angebot an Wissen, News und Sinnentwürfen pandemisch anwachsen.
Was den Trend zur religiösen Vermischung und zur spirituellen Bastelmentalität weiter massiv verstärkt. Gemäß dem Motto: „Erlaubt ist, was gefällt“ wird in der postmodernen Zivilisation alles munter gemixt und vermengt, geschüttelt, gerührt.
Alles ist erlaubt und pseudo-religiös formbar
Die Grenzen zwischen Sakralem und Profanem, Tradition und Selbstfabrizierten verschwimmen vollends. So kann man jedem Lebensbereich, jedem Trend – ob Klima- und Ökoaktivismus, Gendern, Politik, Zukunftsangst, Ethik oder Konsum – einen pseudo-religiösen Sinn- und Transzendenzbezug überstülpen.
Auch das stimmt: Immer mehr Menschen erhoffen sich von der Religion Halt und Zuspruch angesichts des rasanten Wandels in der Welt „In Zeiten schneller politischer wie sozialer Veränderungen gewinnen religiöse Lebensentwürfe hohe Faszinationskraft“, so der Theologe Friedrich Wilhelm Graf.
Postchristliche Religiosität
Mit einem klaren kirchlich verfassten, gemeinschaftlich gelebten, kultisch geprägten, praktisch konkretisierten und sozial engagierten Glauben hat diese postchristliche Religiosität nur noch wenig zu tun.
Ihr Protagonist ist der „spirituelle Wanderer“, der mit religiösen Traditionen recht locker umgeht, wie der Religionswissenschaftler Christoph Bochinger feststellt. „Man fühlt sich nicht mal als Suchender, sondern man fühlt sich eher als Finder, als jemand, der zusammenzieht, was jetzt für sein persönliches Leben im Moment wichtig ist.“ Die Kirchen haben dabei keinen festen Platz mehr.
„Auch Götter sterben, wenn niemand mehr an sie glaubt“
Doch was ist, wenn niemand mehr diese Botschaft hören will? Wenn Glaube und Religion den meisten schlicht egal sind? Ist dann nicht nur Kirche, sondern auch Religion an sich erledigt? „Auch Götter sterben, wenn niemand mehr an sie glaubt“ sagte einmal der französische Philosoph und Dramatiker Jean-Paul Sartre (1905-1980).
Der in Stuttgart geborene Sozialphilosoph Marx Horkheimer (1895-1973) prognostizierte bereits vor 56 Jahren in einem legendären Interview „Auf das Andere hoffen“ mit dem „Spiegel“: „Man wird das Theologische abschaffen. Damit verschwindet das, was wir ‚Sinn‘ nennen, aus der Welt. Zwar wird Geschäftigkeit herrschen, aber eigentlich sinnlose. Eines Tages wird man auch Philosophie als eine Kinderangelegenheit der Menschheit betrachten.“ (mit KNA/dpa-Agenturmaterial)
