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Handarbeit nach historischem Vorbild

An der Mörikeschule werden zurzeit die drei historischen Dachreiter saniert. Sie sitzen in 27 Metern Höhe. Der Hochbauamtsleiter Andreas Stier erläutert die laufenden Arbeiten.

Zurzeit erscheint die Mörikeschule in ungewohntem Gewand: Sie ist zur Sanierung eingerüstet. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Zurzeit erscheint die Mörikeschule in ungewohntem Gewand: Sie ist zur Sanierung eingerüstet. Foto: A. Becher

Von Heidrun Gehrke

BACKNANG. Umhüllt von einem Gerüst ist die architektonisch außergewöhnliche Schule derzeit anzuschauen. Während Schüler und Lehrer ausgeschwirrt sind in die Ferien und alles ruhig ist, sind am höchsten Punkt des Jugendstilgebäudes die Handwerker rege. Anlass sind die drei Türmchen, „Dachreiter“ genannt. Den weithin sichtbaren Wahrzeichen geht es an die Sparren und ans Blech: Die Holztragwerke benötigen frisches Holz und die auf den Dachreitern sitzende Kugel und Spitze bekommen neue Blechverkleidungen verpasst.

Einige Minuten schraubt man sich die Metalltreppen dachwärts, bevor das Podest erreicht ist. Hier ist Zimmerermeister Thomas Frodermann schon seit den frühen Morgenstunden mit einem ganz bestimmten Teil des Holztragwerks beschäftigt: mit dem Kaiserstiel, dem obersten Holzkonstrukt auf dem Turmdach. Hier laufen sämtliche Hölzer einer Turmdachkonstruktion zusammen. Zudem sitzt auf dem Balken die metallene Spitze – hier die Turmzier aus einer Kugel und der dünn auslaufenden Spitze. Durch seine Lage im Dach sei er von innen nur schwer zugänglich, erläutert Hauptbauamtsleiter Andreas Stier. Zum Schutz ist der Holzkern mit Blech verkleidet – zu sehen ist der Kaiserstiel darum für den Nicht-Handwerker normalerweise nicht. Jetzt während der Bauarbeiten ragt die Holzspitze nackt empor.

Zimmermannshammer, Handsäge und Stoßaxt kommen zum Einsatz.

An manchen Stellen lässt sich von der Straße aus ein knapper Blick erhaschen, doch die Details sehen nur die Handwerker, die den tragenden Holzbalken in der Mache haben. „Er wird von oben bis zum gesunden Holz zurückgeschnitten und durch ein neues Holz der gleichen Holzart ersetzt“, erklärt der Zimmerermeister die Vorgänge, für die er ganz traditionell zu Zimmermannshammer, Handsäge und Stoßaxt greift. „Der Einbau und die Anpassarbeiten am alten Dachstuhl bleiben reine Handarbeit“, sagt er. Erfahrung im Umgang mit historischen Holzkonstruktionen sei wichtig, da auf moderne Verbindungsmittel verzichtet werden müsse. „Die Konstruktion wird nach historischem Vorbild wieder hergestellt“, so Frodermann, der die Arbeiten dreimal verrichten darf: Alle drei Dachreiter waren durch eingetretene Feuchtigkeit beschädigt, nun werden sie erneuert.

Der Kaiserstiel ist einer von mehreren Teilen einer größeren baulichen Erneuerung. Mängel gilt es auch an den Blechverkleidungen der Dachreiter, an der Dachschalung und am Holztragwerk zu beheben. Beim Kaiserstiel war lediglich der obere Teil faulig und morsch, darum müsse er nicht abgebaut werden, so Andreas Stier. „Für seinen Erhalt reicht es, neue Holzstücke einzufügen.“ Anders die Fichtenholzverschalungen der Dachreiter: Sie wurden bereits komplett durch Lärchenholz ersetzt. Das Haus wurde zwischen 1903 und 1906 erbaut.

Der Zahn der Zeit hatte an den Sparren genagt, die die Form der architektonisch prägnant aus dem Stadtbild herausragenden Türmchen gestalten; auch deren Verblechungen müssen komplett erneuert werden.

Nachdem die Zimmerer fertig waren, sind seit dieser Woche Flaschner das Gerüst hochgekraxelt. Sie bringen neue Blechverkleidungen an den Dachreitern an und setzen dem Gebäude wieder seine Turmzier auf – auch sie seit Jahrzehnten Wind und Wetter ausgesetzt und nicht mehr ganz frisch. Was der Rost angenagt hat, wird in Kupfer neu nachgebaut. Das fertige Ergebnis nach Abschluss der Baumaßnahme, mit der laut Stier im Dezember zu rechnen sei, ist ein komplett neu eingedeckter Dachschaft. „Die Dachreiter werden hinterher kupferfarben glänzen“, kündigt Andreas Stier an. Notwendig wurde der bauliche Schritt, weil sich immer wieder Blechteile vom Dach gelöst hatten. „Wir sind eine Schule, da darf nichts runterfallen“, so Stier. Zudem sei für den Erhalt eines Bauwerks nun einmal das Dach entscheidend.

Am höchsten Punkt des Westturms vergleicht Hochbauamtsleiter Andreas Stier bei den Arbeiten am Kaiserstiel das Vorher mit dem Nachher.Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Am höchsten Punkt des Westturms vergleicht Hochbauamtsleiter Andreas Stier bei den Arbeiten am Kaiserstiel das Vorher mit dem Nachher.Foto: A. Becher

Keine Förderung seitens des Denkmalschutzamts

Die Kosten der Baumaßnahme belaufen sich nach Auskunft von Hochbauamtsleiter Andreas Stier auf 540000 Euro. Er weist darauf hin, dass es sich um eine Erneuerung handelt, nicht um eine Sanierung im Sinne einer Instandsetzung des bestehenden Materials, denn dafür sei der Zustand zu schlecht gewesen. Die Unterscheidung erkläre, warum es keine Förderung seitens des Denkmalschutzamts gibt. „Das Gesamtgebäude steht aber unter Denkmalschutz, daher muss jede Maßnahme mit dem Landesamt für Denkmalschutz in Esslingen abgestimmt werden“, so Stier. Unabhängig davon der Anteil des Zuschusses aus dem Schulhaus-Sanierungsprogramm: Dieser belaufe sich für die Sanierung der drei Dachreiter auf rund 200000 Euro.

Insgesamt werden an der Mörikeschule in den Jahren 2019 bis 2023 aus diesem Förderprogramm Sanierungsmaßnahmen mit einem Kostenvolumen von rund 3,1 Millionen Euro mit insgesamt über 1,23 Millionen Euro gefördert. Vorgesehen sind Klassenraumsanierung, LED-Beleuchtung, Brandschutz und Fenstererneuerung.

Die Dachreiter am Hauptportal einschließlich der Turmzier auf dem Kopf liegen in knapp 31 Metern Höhe. Die beiden Dachreiter auf den Kopfbauten seitlich sind Zwillinge, der dominante Dachreiter auf dem Mittelbau hat als einziger eine Zeigeruhr. Verbaut ist eine Digitalhauptuhr Omega DIS, die sowohl das Ziffernblatt auf dem Dachreiter als auch die Nebenuhren im Schulgebäude steuert. Da es sich um eine Funkuhr handelt, stellt sie automatisch von Sommer- auf Winterzeit und umgekehrt um. Der Pausengong kann ebenfalls über die Uhr gesteuert werden.

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Erstellt:
28. August 2020, 06:00 Uhr

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Das Gebäude ist völlig ausgebrannt. Foto: B. Beytekin
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