Hauptsache in Sicherheit

Seit die Taliban im August die Kontrolle über Afghanistan an sich gerissen haben, sind afghanische Ortskräfte – Menschen, die für die deutsche Armee gearbeitet haben – in ihrer Heimat akut gefährdet. Einige haben in Deutschland Zuflucht gefunden, manche von ihnen in Backnang.

20 Jahre war die Bundeswehr in Afghanistan aktiv. Bei ihrer Arbeit hatte sie Unterstützung von vielen Afghanen. Foto: Adobe Stock/t. kœhler

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20 Jahre war die Bundeswehr in Afghanistan aktiv. Bei ihrer Arbeit hatte sie Unterstützung von vielen Afghanen. Foto: Adobe Stock/t. kœhler

Von Melanie Maier

Backnang. Dass er bereits im April mit seiner Familie von Afghanistan nach Deutschland ausreisen konnte – zwei Erwachsene, sechs Kinder, zusammen in einem Flugzeug –, dafür ist Deniz Akram (Name geändert) dankbar. Auch wenn es anstrengend war, die Visa für alle zu besorgen. Auch wenn das Leben in Deutschland nicht so einfach für ihn ist wie das vor ein paar Jahren in Afghanistan. Hauptsache, draußen aus dem Land, in dem seit August die Taliban die Kontrolle haben. Hauptsache, in Sicherheit.

Deniz Akram sitzt auf dem braunen Sofa in seinem Wohnzimmer in einer Backnanger Umlandgemeinde und erzählt, wie es dazu gekommen ist, dass er heute hier ist. Sein 14-jähriger Sohn hört ihm von der anderen Seite des Raums aus zu, die dreijährigen Zwillingsmädchen kommen immer wieder herein, um sich Mandeln, Pistazien und Bonbons aus den zwei großen Schalen auf dem gläsernen Couchtisch zu nehmen und auf Vaters Schoß zu klettern. „Das sind voll die Papa-Mädels“, sagt Jochen Schneider vom Verein Kubus. Er unterstützt die Familie etwa bei der Vereinbarung von Arztterminen oder bei Behördengängen. Neben ihm auf der Couch sitzt Mohadese Sulaymany, die das Gespräch übersetzt. Die 19-Jährige kam vor sechs Jahren selbst als Geflüchtete mit ihrer Familie nach Backnang. Inzwischen besucht sie die 12. Klasse eines Ludwigsburger Gymnasiums. Deniz Akrams Deutschkurs hat erst im September angefangen. „Er war lang zum Nichtstun verurteilt“, so Jochen Schneider. Nicht einfach für einen Mann, der in seiner Heimat ein selbstbestimmtes Leben führte.

18 Jahre lang arbeitete der heute 41-Jährige für die Bundeswehr

Hätte er die Wahl gehabt, sagt Deniz Akram, er wäre in Afghanistan geblieben. Doch er hatte die Wahl nicht. 18 Jahre lang arbeitete der heute 41-jährige Afghane für die deutsche Armee. Während der ersten fünf Jahre zeigte er Soldatinnen und Soldaten, die im Camp Marmal, nahe der Stadt Masar-e-Scharif im Norden Afghanistans, stationiert waren, welche Wege in der Gegend sicher waren und welche nicht. Deniz Akram war in einem Dorf in der Nähe aufgewachsen. Er kannte sich gut aus.

Später war er für das Waffenlager zuständig. Eine verantwortungsvolle Position mit mehreren Untergebenen. Deniz Akram war zufrieden. Bis Waffen aus dem Lager fehlten, wahrscheinlich für die Taliban entwendet. Deniz Akram fand heraus, wer sie genommen hatte, gab die Information an die deutschen Soldaten weiter. Doch von da an fürchtete er um sein Leben. Seine ehemaligen Kollegen bedrohten ihn. Seine deutschen Vorgesetzten rieten ihm dazu auszureisen. Unterstützung für dieses Vorhaben bekam er von ihnen jedoch nicht. Nur eine Abfindung. Davon musste er die Visa und die Ausreise bezahlen.

Mit dem Taxi fuhr die Familie zweimal zum deutschen Konsulat nach Pakistan. Einmal, um Fingerabdrücke für die Visa abzugeben, und einmal, um die Dokumente abzuholen. Die Fahrt in das Land südlich von Afghanistan dauerte 19 Stunden, von 5 Uhr morgens bis Mitternacht. An der Grenze weinten die Kinder so lange, bis der diensthabende Soldat von einer Bestechung absah. Die Visa in Kabul zu beantragen war nicht möglich. „In Afghanistan auf dem Landweg zu reisen, ist das Gefährlichste, was man tun kann“, sagt Jochen Schneider.

Am 6. April kamen Deniz Akram, seine Frau und ihre sechs Kinder in Deutschland an. Im Flugzeug, das war zu dem Zeitpunkt noch problemlos möglich. Zwei Wochen lang wurde die achtköpfige Familie in einer Flüchtlingsunterkunft in Kirchberg an der Murr untergebracht. Ende April bekamen sie eine Wohnung nahe Backnang zugeteilt. In einem in die Jahre gekommenen Haus an einer Hauptstraße, mit kleinen Fenstern, rissigen Tapeten und Teppichboden im Wohnzimmer. Kein Makler-Vorzeigeobjekt, aber ein sicherer Hafen. Mit Heizung und mit Internet. Das ist wichtig für Deniz Akram, denn nur so kann er Kontakt halten zu seiner Familie. Er hat sieben Brüder und fünf Schwestern, aber nur mit einem Bruder tauscht er sich aus. Von ihm erfährt er von den übrigen Geschwistern, die in einer Berggegend ohne Handyempfang leben.

Am liebsten würde er diesen Bruder und dessen Familie zu sich nach Deutschland holen. Denn der Bruder arbeitete für ein Subunternehmen der Bundeswehr. Grund genug, um sich vor den Taliban in Acht zu nehmen. Ihnen vertraut Deniz Akram nicht. Er zieht sein Handy aus der Hosentasche, zeigt ein Video von einem Mann, der mit Stöcken geschlagen wird. „Er hat selbst einmal für die Taliban gearbeitet. Aber dann hat er etwas gegen sie gesagt“, erklärt er. Es sei momentan nicht sicher, in Afghanistan zu leben. Jeder, der nicht für die Taliban sei, werde umgebracht. „Man weiß nicht, was morgen passieren wird.“ Mit dieser Angst müsse man leben. Dass die Taliban nach dem Abzug der internationalen Streitkräfte so schnell die Macht ergreifen würden, damit hätte Deniz Akram nicht gerechnet. Präsident Aschraf Ghani habe das Land verkauft, mutmaßt er. „Wie sonst kann man ein so großes Land in zwei Tagen verlieren?“

Wäre er geblieben, er wüsste nicht, ob er überlebt hätte, sagt der ehemalige Bundeswehrmitarbeiter. Wahrscheinlich wäre er geflohen. „Ich hätte mich für ein sicheres Land entscheiden müssen“, sagt er. So wie viele seiner ehemaligen Kollegen. Einige gingen wie er nach Deutschland, andere in die Nachbarländer, nach Iran oder Pakistan. Mit den meisten hat er keinen Kontakt mehr.

Jochen Schneider vom Verein Kubus hat viel zu tun mit Menschen, die aktuell noch in Afghanistan sind, sich vor den Taliban verstecken. „Die haben Visa, sitzen aber in Kabul und kommen nicht raus“, erklärt er. Kubus-Mitarbeiter haben bei verschiedenen Behörden versucht, etwas für die Menschen zu erreichen. „Aber das ist wie ein Kampf gegen Windmühlen“, sagt er. „Wir kriegen entweder keine Antwort oder nur solche E-Mails, in denen steht ‚Ihre E-Mail ist angekommen‘.“ Er findet es beschämend, dass den Ortskräften und ihren Familien nicht geholfen wird: „Diese Menschen haben ihr Leben riskiert für das unserer Soldaten.“

Jochen Schneider (rechts) vom Verein Kubus unterstützt Deniz Akram und seine Familie bei der Bewältigung des neuen Alltags, etwa bei der Vereinbarung von Arztterminen. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Jochen Schneider (rechts) vom Verein Kubus unterstützt Deniz Akram und seine Familie bei der Bewältigung des neuen Alltags, etwa bei der Vereinbarung von Arztterminen. Foto: A. Becher

Der Afghanistaneinsatz

Auslöser Die Anschläge von Al Kaida in den USA am 11. September 2001 lösten den US-geführten Militäreinsatz in Afghanistan aus, an dem sich auch Deutschland innerhalb der Nato-Schutztruppe Isaf beteiligte.

Einsatzende Am 1. Mai dieses Jahres begann der Abzug internationaler Truppen aus Afghanistan. Am 29. Juni wurden die letzten deutschen Soldaten ausgeflogen.

Machtübernahme Am 15. August rissen die Taliban die Kontrolle über Afghanistan an sich. Präsident Aschraf Ghani floh ins Ausland. In den folgenden Tagen spielten sich dramatische Szenen am Flughafen in Kabul ab, weil Einheimische aus dem Land fliehen wollten. Bis zum 26. August evakuierte die Bundeswehr rund 5300 Deutsche und Ortskräfte. Tausende Menschen blieben zurück, sie fürchten seither um ihr Leben.

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Erstellt:
17. November 2021, 06:00 Uhr

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