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Heimatgeschichte und Schauerliteratur

Unter dem Titel „Im Wald sind nicht nur Räuber!“ veranstaltet der Kreisjugendring in Zusammenarbeit mit dem Verein Schwäbisch-Fränkischer Wald an einem idyllischen Ort hinter Bruch Lesungen, die es in sich haben.

An ihrem mit Grablichtern und Tierschädeln geschmückten Lesetisch schickte sich Schauspielerin Leslie Roehm an, die Besucher das Fürchten zu lehren. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

An ihrem mit Grablichtern und Tierschädeln geschmückten Lesetisch schickte sich Schauspielerin Leslie Roehm an, die Besucher das Fürchten zu lehren. Foto: A. Becher

Von Carmen Warstat

WEISSACH IM TAL. Ein Spaziergang mit viel geschichtlichem Wissen und eine Grusellesung inmitten eines Waldidylls – die erste Veranstaltung in der Reihe des Kreisjugendrings fand bei idealem Wetter statt und richtete sich an eine etwa 20-köpfige Gruppe von Zuhörern. Bei einem kleinen Spaziergang gab Naturparkführerin Petra Klinger einen kurzen Abriss über die ersten Besiedlungen in der Region: „Bis ins 9. Jahrhundert hinein war hier alles nur Wald.“ Erst dann erfolgten die ersten Niederlassungen, die eine drastische Dezimierung des Baum- beziehungsweise Buschbestands mit sich brachten, brauchte man doch für die Hütten und für das Vieh sowie für die Glashütten und Köhlereien sehr viel Holz und Platz. Der Dreißigjährige Krieg raffte zwei Drittel der Bürger dahin, sodass Unterweissach danach nur noch 51 Einwohner hatte.

Petra Klinger erzählte nun auf der Grundlage der Jubiläumsschrift „750 Jahre Heutensbach“ des Archivars Erich Bauer (1995) über Stefan Laib, den „Ausbrecherkönig“, der, 1702 geboren und als Dieb berühmt-berüchtigt, der Gefangenschaft immer wieder entkommen konnte und dessen Todesurteil 1727 auf dem Galgenberg (der befand sich beim alten Wasserturm) in Backnang vollstreckt wurde. Kupferkessel und Strohstühle, schöne Stoffe und anderes soll dieser Laib gestohlen haben und im Übrigen sehr bösartig gewesen sein. Petra Klinger wusste nach eigenem Bekunden „Historisches und Halbwahrheiten“ über ihn zu berichten, bevor der Spaziergang fortgesetzt wurde.

Leslie Roehm liest Kurzgeschichten von Poe und Bierce.

Auf einer idyllischen Lichtung wurde die Gruppe bereits von der Schauspielerin Leslie Roehm erwartet. Sie hatte einen Lesetisch aufgebaut und gar unheimlich dekoriert, denn sie würde ihre Zuhörer „das Gruseln lehren“. Mitgebracht hatte Leslie Roehm Geschichten von Edgar Allan Poe und Ambrose Bierce, zwei Meistern der Schauerliteratur. Poes Erzählung „Das schwatzende Herz“ machte den Anfang, und die Schauspielerin beeindruckte mit lebendiger Vortragskunst, die spannungsgeladene dynamische Stimmführung etwa mit grausigem Kichern und Ächzen vereinte, denn ja: „Es war das Grauen.“ So wie die Erzählerin in dieser Geschichte von einem verräterischen Herzen erschauerte auch der Zuhörer bis ins Mark.

In einem kurzen biografischen Exkurs räumte Roehm mit manchen Klischees über Poe auf und resümierte, mit seiner Faszination für Grauen, Schrecken und Morbides habe der Autor die Kehrseite des amerikanischen Traums verkörpert.

Die Texte von Ambrose Bierce hingegen entzögen sich der Deutung vollständig. Von ihm las Roehm „Die nächtlichen Geschehnisse in der Schlucht des toten Mannes“, eine meisterhafte Kurzgeschichte, in der die Herdplatte mit dem Schweif eines Wolfs gefegt wird, ein Kojote heiser bellt und die Handlung erwartungsgemäß nicht weniger schauererregend daherkommt. „Manchmal ist ein Raum zu klein“ heißt eine weitere Geschichte dieses Autors. Sie entführt ins Urwaldleben einer Frau, der „die Gabe des Humors fehlte“, und ihres Mannes. Hochspannend die Handlung, zutiefst verstörend das Ende. Leslie Roehm hatte eingangs „eine Zugabe zum Abgewöhnen“ versprochen und sagte nun: „Die letzte – okay.“ Es handelte sich noch einmal um einen Text von Poe, der hierin den „Geist des Eigensinns“, die „Gier der Seele, sich selbst zu quälen“ thematisierte. „Die schwarze Katze“ ist eine psychologische Geschichte um „böse Gedanken“, der es an Brutalität nicht mangelt, schon gar nicht an düsterer Fantasie.

Die Veranstaltungsreihe des Kreisjugendrings wird im Rahmen des Projekts „Partnerschaft für Demokratie Weissacher Tal und Althütte“ von Angelika Roth und Melanie Rautscher mitorganisiert und im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert. Wer in der Abendstimmung des Schwäbischen Waldes eintauchen möchte in die schaurigen Welten der Literatur, hat dazu noch einmal am 25. Juli um 17 Uhr Gelegenheit. Weitere Lesungen finden im September und Oktober bei der Hägelesklinge in Kaisersbach statt und handeln „Von armen Teufeln oder wie man eine Hexe wird“. Nähere Informationen werden rechtzeitig unter www.die-naturparkfuehrer.de und www.jugendarbeit-rm.de bereitgestellt.

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Erstellt:
14. Juli 2020, 06:00 Uhr

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