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Hightech für Knochen und Raumfahrt

Familienunternehmen Der Maschinenbauer Wittenstein bringt mit anderen Firmen die neuesten Technologien auf den Markt

Antriebe - Der Maschinenbauer Wittenstein stellt Antriebe her, die man in Robotern, in der Medizintechnik oder in der Orthopädie findet. Die Gewinne, die das Familienunternehmen erzielt, werden meist wieder investiert.

Igersheim Der Weg nach Igersheim führt durch ländliche Idylle. Die Straße schlängelt sich durch Wiesen und Wälder. Bildstöcke stehen am Wegrand, mannshohe religiöse Kleindenkmäler aus Holz oder Stein. Madonnenländchen heißt der Landstrich. Die Romantische Straße verläuft hier. Rund 5500 Einwohner hat Igersheim im Taubertal. In der Gemeinde gibt es Handwerksbetriebe – und Wittenstein. Der Maschinenbauer und Hersteller von Getrieben ist der größte Arbeitgeber am Ort. Von den weltweit knapp 3000 Mitarbeitern des Familienunternehmens sind 1800 am Stammsitz beschäftigt. Auch auf dem Firmengelände der Wittensteins steht ein Bildstock – Tradition und Innovation treffen aufeinander.

Wittenstein setzt auf Hightech, die Kernkompetenz liegt in der mechatronischen Antriebstechnik. In Robotern, Werkzeugmaschinen, in der Medizintechnik sowie in der Luft- und Raumfahrt stecken Antriebe aus Igersheim. Wittenstein-Technik regelt etwa, dass sich zwölf LED-Großbildschirme mit hoher Dynamik zu ständig wechselnden Werbeflächen zusammenfügen. In der Orthopädie hat das Unternehmen eine Lösung, um Beine, die unterschiedlich lang sind, zu korrigieren. Das funktioniert mit einem langen Nagel, der mit einem winzigen Motor ausgestattet ist und dann in den Knochen eingelassen wird. Von außen kann man den Motor ansteuern – und den Nagel über einen längeren Zeitraum hinweg millimeterweise auseinanderziehen. „Innovationen sind unsere DNA“, sagt Anna-Katharina Wittenstein. Dies sind nicht nur schöne Worte, schließlich war eine neue Getriebegattung im vergangenen Jahr für den renommiertenDeutschen Zukunftspreis für Technik und Innovation, auch Preis des Bundespräsidenten betitelt, nominiert. Wittenstein hat als eines der ersten Unternehmen eine Schaufabrik für Industrie 4.0 aufgebaut. Vernetzung ist das große Thema geblieben.

Doch wie schafft es ein Familienunternehmen, das im gerade zu Ende gegangenen Geschäftsjahr mehr als 400 Millionen Euro umgesetzt hat, technologisch an der Spitze zu bleiben? Wo nimmt es die Ideen her? Und wie behauptet es sich gegen finanzstarke Konzerne? „Wir wissen, was der Kunde braucht“, antwortet Anna-Katharina Wittenstein selbstbewusst. „Gepaart mit unserer Kompetenz können wir erfolgreich Innovationen auf den Markt bringen“, fügt sie hinzu. Manfred Wittenstein, der heutige Aufsichtsratschef, spielt dabei eine entscheidende Rolle. „Mein Vater erkennt neue Themen – und pflanzt diese möglichst schnell bei Mitarbeitern, um sie zum Mitdenken anzuregen“, erläutert Wittenstein.

Innovation ist für sie zunächst ein Denk- und Einstellungsprozess. Und effizient ist diese Vorgehensweise zudem: „Wenn ich Kundenbedürfnisse zunächst vorausdenke, habe ich noch nicht viel Geld investiert.“ Die Idee müsse dabei immer wieder „geknetet werden, bis sie irgendwann in ein Produkt mündet“, sagt sie. Wittenstein kooperiert eng mit anderen Unternehmen. „Wir verstehen uns als offenes Netzwerkunternehmen“, erläutert die Diplom-Kauffrau. „Das kann man sich nicht im stillen Kämmerlein ausdenken.“ Partner der Igersheimer sind Maschinenbauer, Komponentenhersteller und Softwareunternehmen – in einem solchen Verbund wird die Lösung getestet und neue Ideen entwickelt. Und wenn die Lösung am Markt nicht ankommt? „Das gehört zu Innovationen“, sagt die 43-jährige Mutter dreier Kinder. Man müsse sich mit vielen Ideen auseinandersetzen, bis eine ein Markterfolg wird. „Wichtig ist, dass man aus Fehlern lernt.“ Und dass man frühzeitig die Reißleine zieht.Qualifizierte Mitarbeiter sind unerlässlich.Doch auch Wittenstein spürt die Engpässe am Arbeitsmarkt. „Wir sind noch recht gut unterwegs“, sagt Anna-Katharina Wittenstein. Aber man müsse auf der ganzen Klaviatur spielen.

Das Unternehmen arbeitet mit Hochschulen zusammen. Ein Pluspunkt sei die internationale Aufstellung des Unternehmens: „Wir haben schöne Standorte in Augsburg, München und Chicago“, so Wittenstein. Bei gewerblichen Mitarbeitern verzichtet man bei Bewerbungen auf ein Anschreiben – und lässt sie stattdessen zur Probe mitarbeiten. Weil auf dem Markt nicht immer die gewünschten Qualifikationen zu finden sind, wird die Weiterbildung verstärkt. Derzeit entsteht am Firmensitz eine Talent-Arena,in der Gewerbliche in Theorie und Praxis ausgebildet werden.

Sieben Prozent des Umsatzes investiert Wittenstein in Forschung und Entwicklung. Das sei überdurchschnittlich, sagt Wittenstein. Das Unternehmen stemmt das aus eigener Kraft. Wittenstein ist ein Familienunternehmen – und will es bleiben. „Wenn wir technologisch führend bleiben wollen, müssen wir uns fokussieren“, sagt Wittenstein. Obwohl man „technologischer Pionier“ war, habe man sich auch schon aus Bereichen zurückgezogen, erläutert sie. Dies sei passiert, weil etwa ein Konzern das Geschäft für sich entdeckt hat oder weil sich der Markt so schnell entwickelt hat, dass „wir bei der Finanzierung nicht mithalten“ konnten, so Wittenstein. So sind die Igersheimer zwar weiter im Geschäft mit der Elektromobilität drin, allerdings nur noch in Nischen. Wittenstein hat komplette elektrische Antriebsstränge für Hybrid- und E-Fahrzeuge entwickelt. Diese Technologie steckt etwa in Motorrädern oder in hybriden Schienenfahrzeugen, die einen Diesel- und Elektroantrieb haben.

Um alle Technologien zu stemmen, sind auch die sieben Gesellschafter gefordert. Es sind Familienmitglieder – Manfred Wittenstein und seine Geschwister sowie die Kinder. Der größte Teil der Gewinne bleibt in der Firma und fließt in Innovationen und Wachstum, sagt Anna-Katharina Wittenstein. Es gebe überhaupt erst seit wenigen Jahren Ausschüttungen. Es sei klar im Gesellschafterkreis kommuniziert: „Das Unternehmen dient nicht zur Finanzierung des persönlichen Lebensunterhalts. Da muss jeder auf eigenen Füßen stehen.“https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.deutscher-zukunftspreis-endspurt-der-tueftler.7612a56b-6673-4b6f-a8d7-b675f5e5f80f.htmlhttps://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.haenderingend-mechatroniker-gesucht-im-suedwesten-sind-technik-experten-knapp.049c4b05-5ff6-431e-b43e-da62a3c5f268.html

Wittenstein verzichtet bei Bewerbern auf Anschreiben

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Erstellt:
13. April 2019, 03:14 Uhr

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