IBA-Quartier: Jetzt geht’s um die Details

Ende April wurden die Sieger des städtebaulichen Wettbewerbs für das Quartier Backnang West gekürt. Doch schon jetzt ist klar: Nicht alles, was sich die Planer aus Berlin und Hamburg ausgedacht haben, wird sich auch umsetzen lassen.

Die freie Fläche beim Juze wird heute als Parkplatz genutzt. Bis in sechs Jahren soll an dieser Stelle ein Park mit direktem Zugang zur Murr entstehen.Foto: IBA 27/Tobias Schiller

© IBA’27 / Tobias Schiller

Die freie Fläche beim Juze wird heute als Parkplatz genutzt. Bis in sechs Jahren soll an dieser Stelle ein Park mit direktem Zugang zur Murr entstehen.Foto: IBA 27/Tobias Schiller

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Die Präsentation des Siegerentwurfs war zwar ein Meilenstein, doch die eigentliche Arbeit beginnt erst jetzt. Denn wie so oft steckt der Teufel im Detail. Wir geben einen Überblick über die wichtigsten Fragen, die noch geklärt werden müssen.

Hochwasserschutz: Der Siegerentwurf der Büros Teleinternetcafé (Berlin) und Treibhaus (Hamburg) hat das Ziel, die Murr aus ihrem Versteck zu holen und zum Mittelpunkt des neuen Quartiers zu machen. Aus städtebaulicher Sicht ein wünschenswertes Ziel, das allerdings mit dem Hochwasserschutz kollidiert. Denn um ein verheerendes Hochwasser wie vor zehn Jahren zu verhindern, gibt es ein Schutzkonzept, das nach einem sogenannten Planfeststellungsverfahren auch schon rechtsverbindlich gilt. Demnach müsste die Murr auf dem IBA-Gelände eigentlich durch Mauern, Wälle und Spundwände abgeschirmt werden. Die Planer wollen das genaue Gegenteil. Dieser Widerspruch sei aber keineswegs unlösbar, versichert der Leiter des Stadtplanungsamtes, Tobias Großmann. So könne zum Beispiel ein erhöht liegender Boulevard dieselbe Funktion erfüllen wie eine Schutzmauer. Am Ende wird die Stadt allerdings nachweisen müssen, dass die neue Planung genauso effektiv vor Hochwasser schützt wie die bisherige – und ein Planfeststellungsverfahren dauert in der Regel mehrere Jahre. Großmann hofft, dass es in diesem Fall schneller geht, denn wenn man 2027 etwas Vorzeigbares präsentieren will, darf man nicht mehr viel Zeit verlieren.

Parklandschaft: Die Pläne des Berliner Büros sehen zwei parkartige Grünanlagen vor: die eine am Ende der Wilhelmstraße in der Nähe des Juze, die andere in der Flussbiegung auf Höhe der ehemaligen Lederwerke Backnang. Dort hatten die Planer sogar daran gedacht, eine Bademöglichkeit in der Murr zu schaffen. Die Stadtverwaltung sieht diese Pläne aber nicht uneingeschränkt positiv: „Es gilt, die richtige Mischung zu finden“, erklärt Tobias Großmann. Würde man den gesamten Flussbereich öffentlich zugänglich machen, könnten ökologisch wertvolle Bereiche vermüllt und zerstört werden. Großmann hält es deshalb für sinnvoll, auch geschützte Bereiche zu definieren, in denen sich Flora und Fauna ungestört entwickeln können.

Verkehrserschließung: Eine zentrale Frage lautet: Wie kommen Bewohner und Beschäftigte in das neue Stadtquartier? Bislang gibt es nur eine Zufahrt in das Gebiet: Sie führt über die Wilhelmstraße und die Fabrikstraße. Die Planer schlagen vor, den hinteren Teil des Areals über eine neue Brücke in der Verlängerung der Schlachthofstraße zu erschließen. Das hätte auch den Vorteil, dass keine Autos durch den Park fahren müssten, der zwischen dem Kaelble-Areal und der ehemaligen Lederfabrik geplant ist. Dieser würde dann ganz den Fußgängern und Radfahrern gehören. Die Stadt will sich bei diesem Thema allerdings noch nicht festlegen und alternative Varianten durchspielen. Wohl auch deshalb, weil die Grundstücke, die für den Brückenschlag benötigt würden, gar nicht in städtischer Hand sind. Momentan befindet sich dort der Aldi-Parkplatz.

Hochhäuser: Die Frage, wie hoch im Westen der Stadt gebaut werden soll, beschäftigte Backnang schon lange vor dem IBA-Wettbewerb. So hatte Ex-Riva-Chef Hermann Püttmer, der ein Faible für Hochhäuser hat, bereits vor vier Jahren Pläne für ein bis zu 100 Meter hohes Gebäude auf dem Kaelble-Areal präsentiert. Ganz so hoch hinaus wollen die Planer vom Büro Teleinternetcafé zwar nicht, aber auch deren Entwurf enthält insgesamt drei Gebäude mit jeweils knapp 50 Meter Höhe. Dass alle drei gebaut werden, ist aber unwahrscheinlich. Vor allem im hinteren Bereich wäre ein solches Hochhaus aus Sicht der Stadtverwaltung fehl am Platz, auch weil es den Bewohnern der Schöntaler Höhe die Aussicht verstellen würde. „Wir glauben, es wird eher auf ein oder zwei höhere Gebäude hinauslaufen“, sagt Tobias Großmann. Alle anderen Gebäude im IBA-Quartier sollen höchstens vier Stockwerke haben.

Zeitplan: Auch wenn das Quartier für die IBA 2027 entwickelt wird, wäre es utopisch zu glauben, dass ein 17 Hektar großes Gebiet innerhalb von sechs Jahren neu bebaut werden kann. „Wir gehen davon aus, dass uns dieses Thema über die nächsten 15 bis 20 Jahre beschäftigen wird“, erklärt Tobias Großmann. Trotzdem will Backnang bei der Internationalen Bauausstellung natürlich schon etwas vorzeigen können. Gemeinsam mit den Grundstückseigentümern will die Stadt deshalb nach einzelnen Bausteinen suchen, die sich bis dahin umsetzen lassen und die sozusagen exemplarisch für die weitere Entwicklung des Quartiers stehen. Bereits in den Jahren 2023 und 2025 finden sogenannte IBA-Festivals statt, bei denen den Gästen ein Vorgeschmack auf das Großereignis gegeben werden soll. Auch dafür will man sich in Backnang etwas einfallen lassen. Tobias Großmann denkt an temporäre Installationen und vielleicht lasse sich bis dahin auch schon ein gelungenes Beispiel für die neue Nutzung eines alten Industriegebäudes präsentieren.

Das sagt der Gemeinderat: Die Stadträte, von denen einige auch im Preisgericht vertreten waren, bewerten die Pläne für das IBA-Quartier sehr positiv: „Der Siegerentwurf war nicht der spektakulärste, aber derjenige, der sich am besten umsetzen lässt“, lobte Rolf Hettich (CDU). Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Willy Härtner sprach von einer „sehr gelungenen Grundlage“. Härtner begrüßt vor allem, dass die Natur wieder mehr Raum bekommen soll. Bedenken äußerten einige Stadträte beim Thema Erschließung. Heinz Franke (SPD) warnte vor einem „exponentiellen Anstieg des Verkehrs“ beim Famfutur, wenn dort künftig die Zufahrt zum neuen Quartier sein sollte. In dem Familienzentrum ist unter anderem eine fünfgruppige Kindertagesstätte untergebracht. Willy Härtner hat Sorgen, dass das Gebiet von der Innenstadt abgehängt werden könnte. Gerhard Ketterer (CDU) mahnte, die Interessen der Firma Tesat nicht zu vergessen. Diese brauche nicht nur Parkplätze für ihre Mitarbeiter, sondern auch Flächen für eine mögliche Erweiterung in der Zukunft.

Ein Video mit dem Modell des Siegerentwurfs ist im Internet abrufbar

unter https://tinyurl.com/dnyyf752

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Erstellt:
3. Juli 2021, 06:00 Uhr

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