Spitzenkandidaten im Gespräch

„Ich bin ins Grübeln gekommen“– das sagen unsere Leser und Leserinnen

Am Mittwochabend stellten sich sechs Spitzenkandidaten bei der Podiumsdiskussion unserer Zeitung den wichtigsten Fragen vor der Landtagswahl. Konnten sie das Publikum überzeugen?

Bei der Podiumsdiskussion der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten konnten sich die Leserinnen und Leser einen Eindruck verschaffen.

© Lichtgut/Leif Piechowski

Bei der Podiumsdiskussion der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten konnten sich die Leserinnen und Leser einen Eindruck verschaffen.

Von Frederik Herrmann und Laura Wallenfels

Nach 15 Jahren geht in Baden-Württemberg eine politische Ära zu Ende: Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) tritt nicht mehr an. Sein Abschied eröffnet den Wettstreit um die Nachfolge – mit prominenten Bewerbern. Manuel Hagel (CDU) und Cem Özdemir (Grüne) machen bereits Schlagzeilen, doch auch weitere Kandidatinnen und Kandidaten bringen sich in Stellung. Bei der Podiumsdiskussion der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten kamen die Spitzenkandidaten von CDU, Grünen, AfD, FDP, SPD und eine Spitzenkandidatin der Linken zusammen. Wer setzte die Akzente, wer überraschte, und wer konnte die Gäste im Raum überzeugen? Die Stimmen des Abends:

Dr. Christian Fischer: Wirtschaft muss an die erste Stelle

„Es wurde deutlich, dass alle Parteien erkannt haben, dass die Wirtschaft jetzt an erster Stelle stehen muss. Nur bei der Linken-Kandidatin habe ich das ein wenig vermisst. Auch hätte ich mir gewünscht, dass die Kandidaten mehr Vorschläge bringen, wie es mehr Neugründungen geben kann und wie gute Rahmenbedingungen für Start-Ups aussehen können. Ich setzte mich schon lange mit den verschiedenen Positionen der Parteien auseinander, was ich wählen werde, steht demnach schon fest.“

Dr. Gabriele König: Mehr Repräsentation für Frauen in der Politik

„Besonders wichtig war für mich das Thema des kostenfreien Kita-Jahres, weil Bildung die Grundlage für die Zukunft unseres Landes ist. Es geht nicht um absolute Chancengleichheit, die wird es nie geben, sondern um Chancengerechtigkeit. Kinder müssen früh erleben, dass Bildung etwas Positives ist, und dazu gehört auch, spielerisch die Sprache zu lernen. Das entlastet später die Schulen und gibt allen Kindern bessere Startbedingungen – unabhängig vom Geldbeutel der Eltern.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie wertvoll dieses zusätzliche Kita-Jahr ist. Was mir an dem Abend allerdings gefehlt hat, war eine stärkere Auseinandersetzung mit Frauenthemen und der Unterrepräsentation von Frauen in der Politik. Gemischte Teams bringen nachweislich bessere Ergebnisse, und das sollte sich auch in den politischen Strukturen widerspiegeln.“

Wolfgang Lindermayr: Meine Meinung hat sich gefestigt

„Der Abend hat im Grunde genau das bestätigt, was man im Vorfeld schon wusste. Die Kandidaten haben die Positionen vertreten, die man von ihnen erwartet hat. Wirkliche neue Erkenntnisse gab es daher nicht – was aber nicht negativ ist, sondern meine vorherige Meinung eher gefestigt hat.

Insgesamt lag der Fokus erwartungsgemäß auf den beiden Spitzenkandidaten von Grün und Schwarz. Özdemir ist ein sehr eloquenter, rhetorisch erfahrener Profi mit hoher Präsenz, was eher seiner Persönlichkeit als der Partei geschuldet ist. Der jüngere Gegenkandidat konnte diesen Erfahrungshintergrund naturgemäß noch nicht haben, hat sich dafür aber solide und überzeugend präsentiert. Unterm Strich hat mir kein Thema gefehlt, und der Abend hat meine Einschätzung zur Wahl klar bestätigt.“

Roland Lochmann: Wirklich ändern tut sich nichts

„Ich bin nicht wegen der politischen Argumente gekommen, sondern um zu sehen, wie die Kandidaten menschlich sind und wie sie miteinander umgehen. Welche Standpunkte sie vertreten, kann man überall nachlesen“, sagt Roland Lochmann. „Am Ende erzählen Politiker immer wieder das Gleiche, und wirklich ändern tut sich nichts. Wen ich wählen soll, weiß ich deshalb nicht. Von der einen Partei will ich diesen Standpunkt, von der anderen einen anderen – das geht aber nicht. Letztlich wählt man immer auch eine Hälfte mit, die man eigentlich gar nicht will.“

Auch Vincent Engl zeigt sich etwas ernüchtert: „Ich bin sehr unvoreingenommen und ohne große Erwartungen gekommen. Besonders wichtig ist für mich die Wirtschaft, weil ich in der Automobilindustrie arbeite. Das war zwar gleich zu Beginn Thema, aber konkrete Lösungsansätze habe ich kaum gehört – viele Floskeln, wenig Substanz. Insgesamt empfinde ich das als sehr ermüdend.“

Achim Elsaesser: Wo will die Afd den Atommüll entsorgen?

„Ich habe schon immer grün gewählt. Neben Özdemir, fand ich aber auch Hagel und Stoch sehr überzeugend. Mit einer CDU-geführten Koalition mit den Grünen könnte ich wahrscheinlich auch gut leben. Es wurde viel über Energie gesprochen. Ich finde es gut, dass wir aus der Atomenergie ausgestiegen sind. Von Herrn Frohnmaier, der ja wieder einsteigen will, hätte ich gerne erfahren, wo er den Müll denn entsorgen möchte. Und die Aussage von Herrn Rülke von der FDP, mehr Länder zu sicheren Herkunftsländern zu erklären, fand ich mit Blick auf Syrien schwierig.“

Ursula Elsaesser: Ein kostenloses Kita Jahr finde ich gut

„Ich finde es gut, dass Özdemir und Hagel ein kostenloses letztes Kita Jahr gefordert haben, aber ich frage mich, wie sich da finanzieren lässt. Vielleicht mit weniger Prestigeprojekten. Aber ich bin beeindruckt davon, dass alle Kandidaten mit so großem Wissen aufgefahren sind.“

Anna Latuske: Ich bin ins Grübeln gekommen

„Mich hat überrascht, dass mich nichts überrascht hat. Die Herausforderung und Probleme aktuell sind so groß. Da reicht es nicht, die immer gleichen Rezepte wieder hervorzuholen. Da hätte ich mir etwas wirklich Neues gewünscht. Eigentlich steht meine Wahl schon fest. Jetzt bin ich doch ins Grübeln gekommen, mich hat Herr Stoch von der SPD heute sehr überzeugend.“

Joachim Stahl: Ich finde es gut, dass Herr Hagel den Herrn Frohnmaier so konfrontiert hat

„Den Özdemir fand ich schon sympathisch, der Herr Hagel und der Herr Stoch haben an Sympathie hinzugewonnen. Hagel hat Herrn Frohnmaier von der AfD sehr direkt angegangen, das fand ich gut. Einziger Punkt, wo ich dessen Meinung teile, ist, dass mehr Disziplin in der Schule wichtig wäre.“

Ursula Stahl: Der Herr Hagel hat mich überrascht

„Ich war überrascht davon, dass der Herr Hagel von der CDU so gut gepunktet hat. Er hat bei mir Sympathiepunkte gesammelt. Die Punkte, die aber auch Herr Özdemir zu Wirtschaft und Bildung gesetzt hat, fand ich ebenfalls überzeugend.“

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Erstellt:
28. Januar 2026, 23:22 Uhr
Aktualisiert:
28. Januar 2026, 23:31 Uhr

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