Kriminalfall in Australien
„Ich bin nicht länger ihr Opfer“: Überlebender vergibt Pilz-Mörderin
Eine Frau tötete im Jahr 2023 drei Menschen in Australien mit einem vergifteten Pilzgericht. Das vierte Opfer überlebt – und will keinen Groll gegen sie hegen.

© Imago/AAP/JAMES ROSS
Erin Patterson (re.) im Gericht: Sie servierte das tödliche Mahl, das drei Menschen das Leben kostete.
Von Barbara Barkhausen/Jelena Maier
Sie tötete seine Frau und zwei weitere Verwandte mit einem giftigen Pilzgericht – und doch vergibt er ihr: Im spektakulären Giftmordprozess von Melbourne sprach Pastor Ian Wilkinson Erin Patterson Vergebung aus und forderte sie zum Geständnis auf.
Australien blickt seit Monaten auf einen der spektakulärsten Kriminalfälle der jüngeren Geschichte. Im Mittelpunkt steht die 50-jährige Erin Patterson aus dem Bundesstaat Victoria, die mit einem Pilzgericht ihre Schwiegereltern und eine weitere Verwandte tötete.
Nun hat das einzige überlebende Opfer, der Theologe und Pastor Ian Wilkinson, der Frau öffentlich vergeben. Und sie zugleich eindringlich aufgefordert, endlich ein Geständnis abzulegen.
Pilz-Mörderin vergiftete drei Menschen
„Welcher Wahnsinn kann einen Menschen dazu bringen, zu glauben, dass Mord eine Lösung für seine Probleme sein könnte. Noch dazu, wenn es sich um Menschen handelt, die ihr nur mit guten Absichten begegnet sind?“, sagte Wilkinson am Montag (25. August) im Supreme Court von Melbourne.
Seine Frau Heather war im Juli 2023 nach einem gemeinsamen Mittagessen gestorben, ebenso ihre Schwester Gail und deren Ehemann Don Patterson. Nur Wilkinson überlebte – nach einer dramatischen Lebertransplantation.
Beef Wellington wurde zum Verhängnis
Das Tatgericht war ein klassisches Beef Wellington – Rinderfilet, umhüllt von Blätterteig und Pilzen. Erin Patterson hatte es in ihrem Haus im ländlichen Leongatha, rund 130 Kilometer östlich von Melbourne, serviert.
Drei der Gäste starben innerhalb weniger Tage an einer Vergiftung mit dem hochgiftigen Knollenblätterpilz. Patterson selbst kam zwar ins Krankenhaus, wurde aber bald wieder entlassen.
Kein klares Motiv
Im Juli dieses Jahres befand ein Geschworenengericht die Australierin des dreifachen Mordes und des versuchten Mordes an Ian Wilkinson für schuldig. Ein klares Motiv wurde nie festgestellt – weder ein Erbe noch eine Affäre, auch kein offenkundiger Konflikt.
Gerade diese Leerstelle nährte Spekulationen und machte den Fall zum Dauerbrenner in den Medien. „Der Fall erinnerte in seiner Dramaturgie an ein Shakespeare-Stück: mehrere Todesfälle innerhalb einer Familie, eine Vergiftung, eine weibliche Hauptfigur“, schrieb die australische Kriminologin Xanthe Mallett.
Überlebender will nicht länger Opfer sein – und vergibt
Im Gerichtssaal schilderte Wilkinson den Verlust seiner Frau Heather, die er als „mitfühlend, intelligent, mutig, witzig“ beschrieb.
„Sie war eine wunderbare Ehefrau, wir hatten 44 Jahre lang eine sehr enge Ehe. Heather war voller Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Sanftmut, Treue und Selbstbeherrschung.“ Und er fügte hinzu: „Ich bin nicht länger Erin Pattersons Opfer.“
Pastor: Täterin soll Gefängniszeit nutzen
Trotz seines eigenen Schmerzes bot er der Täterin Vergebung an: „Erin hat tiefen Schmerz und Trauer in mein Leben und in das Leben anderer gebracht,“ erklärte er. „Was den mir zugefügten Schaden betrifft, biete ich Erin Vergebung an.“ Allerdings habe er keine Macht oder Verantwortung, den Schaden zu vergeben, der anderen zugefügt worden sei.
Er forderte Patterson zugleich auf, ihre Haftzeit sinnvoll zu nutzen. „Ich ermutige Erin, mein Angebot der Vergebung für den mir angetanen Schaden mit vollem Geständnis und Reue anzunehmen.“
Er hege keinen Groll gegen sie. Sein Gebet für sie sei, dass sie ihre Zeit im Gefängnis weiser nutze, um ein besserer Mensch zu werden. „Ich bin nicht länger Erin Pattersons Opfer. Sie ist zum Opfer meiner Güte geworden.“ Während Wilkinson sprach, kämpfte Patterson gegen die Tränen.
Tödliches Pilzgericht war sorgfältig geplant
Auch die Tochter der Wilkinsons, Ruth Dubois, schilderte im Gerichtssaal die Folgen der Tat: „Am 29. Juli 2023 wurden vier Generationen unserer Familie – von Neugeborenen bis zu 99-Jährigen, unzählige Freunde und die weitere Gemeinschaft – dazu verdammt, dieses unvorstellbare Grauen ein Leben lang mit sich zu tragen.“
Sie zeigte sich fassungslos darüber, dass Patterson das tödliche Mahl so sorgfältig geplant habe. „Es gab viele Gelegenheiten in diesem Prozess, in denen sie hätte aufhören, ehrlich sein, den Ärzten helfen können. Doch stattdessen hat sie sich auf jedem Schritt des Weges dafür entschieden, weiterzumachen“, berichtete Dubois.
„Unterhaltung für die Massen“
Besonders „widerwärtig“ sei gewesen, dass die Familientragödie als „Unterhaltung für die Massen“ gedient habe.
Auch Pattersons Ex-Mann Simon, der an jenem Mittag nicht anwesend war, meldete sich in einer schriftlichen Erklärung. Seine entfremdete Frau habe den gemeinsamen Kindern die Großeltern „geraubt“. Scharf kritisierte er zudem das Verhalten der Medien, die sein Haus belagert hätten.
Ein Prozess, der Australien fesselte
Der Fall Patterson hatte sich zu einem nationalen Schauprozess entwickelt, der die Öffentlichkeit in Australien wie kaum ein anderer Kriminalfall in Atem hielt. Zuschauer pilgerten zum Gericht, um jeden Verhandlungstag live mitzuerleben. In Cafés nahe des Gerichts bildeten sich lose Gemeinschaften von Prozessbeobachtern. Medien berichteten über „Gerichtstouristen“.
In sozialen Netzwerken wurden selbst winzige Details seziert: Warum Pattersons Teller eine andere Farbe hatte als die ihrer Gäste. Welche Küchengewohnheiten sie pflegte. Wie sie sich im Zeugenstand verhielt.
Nun steht für die 50-Jährige nur noch das Strafmaß aus. Ihr droht lebenslange Haft.