AfD-Hochburg in Pforzheim
„Ich habe gewählt und fertig“ – Warum die AfD hier punktet
Im Südosten von Pforzheim hat die AfD wieder Spitzenwerte erzielt. Bis zu 70 Prozent. Ein Stimmungsbild vom Mixmarkt im Haidach.
© Eberhard Wein
Mixmarkt im Haidach: In dem Pforzheimer Stadtteil erzielt die AfD erneut Spitzenwerte.
Von Eberhard Wein
Im Mixmarkt im Haidach gibt es eingelegte Wassermelonen in riesigen Gläsern, Putenherzen aus der Frischetheke und das Süßgebäck Prjeniki Malyniki mit Bananengeschmack für 1,59 Euro. Die Laune bei der Kundschaft könnte an diesem Morgen besser sein. „AfD“ ruft ein Mann nur gereizt, als er nach seinem Kommentar zum Ergebnis der Landtagswahl gefragt wird. „Ich bin sehr zufrieden“, sagt ein anderer bitter. Gerade trägt er seine Einkäufe nach Hause. „Sollen sie doch alle auf die Schnauze fallen.“
Der Haidach ist längst bekannt im Land. Seit Jahren erzielt die AfD hier ihre höchsten Wahlergebnisse. Die Trabantenstadt im Osten von Pforzheim wurde in den 1960er Jahren erbaut, um Wohnraum für die Mittelschicht zu schaffen: größere Wohnblocks und kleinere Hochhäuser, dazwischen Grün und Parkplätze – eine ruhige Gegend, wenn nicht gerade ein Jugendlicher mit Motorroller und ohne Helm durch die Straßen fährt.
Der Mixmarkt bringt ein Stück alte Heimat
Seit den 1980er Jahren zogen vor allem Spätaussiedler aus der Sowjetunion hierher. Russisch ist für viele die Verkehrssprache, und die Waren aus dem Mixmarkt sind für die Menschen ein Stück alte Heimat, obwohl alles was kyrillische Buchstaben auf dem Etikett trägt, längst aus anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion angeliefert wird. Mit dem Angriff auf die Ukraine ist Russland als Warenlieferant ausgefallen.
Auch Alexander Kaiser kommt gerne hierher. Seit 30 Jahren wohnt er in einem Nachbarblock. Zuvor habe er in Kasachstan gelebt, ursprünglich stamme er von der Wolgau, sagt der 85-Jährige, der einer der wenigen Redseligen ist. „Wir sind Deutsche aus Russland, nicht Russlanddeutsche.“ Das ist ihm wichtig. Er habe die CDU gewählt. Doch die meisten seien hier für die AfD. „Ich verstehe nicht, warum die jungen Leute immer noch nach Russland schauen.“ Dabei hätten fast alle Arbeit. „Wir haben es doch einigermaßen gut.“
BIs zu 70 Prozent haben AfD gewählt
Auch diesmal steht der Haidach für ein AfD-Rekordergebnis. Bis zu 70 Prozent haben blau gewählt, den Wahlkreiskandidaten Alexsei Zimmer, Bruder der örtlichen AfD-Bundestagsabgeordneten und im Haidach aufgewachsen, wählten sogar ein paar mehr. Für das Pforzheimer Direktmandat hat es – anders als von vielen erwartet – trotzdem nicht gereicht. Das holte sich mit sicherem Abstand der CDU-Mann Andreas Renner.
Ja, gewählt habe sie, sagt eine Frau. „Und damit fertig.“ Sie glaube nicht, dass Wählen irgendetwas ändere. Und das Ergebnis sei sowieso manipuliert, deutet sie an. Gerade wartet die Deutsche aus Polen auf ihren Mann, der schnell zwei Flaschen Milch einer polnischen Marke im Mixmarkt besorgt.
Ausländer sind selten im Haidach
Mischa, Erza, Noor und Alina decken sich dort für die Mittagspause ein. Das russische Eis im Waffelbecher gilt bei den Schülern als willkommene Abwechslung zum Energy-Drink aus dem Netto. Alle vier sind 18, doch nur Alina hat gewählt. Die anderen drei gehören einer seltenen Spezies im Haidach an: Sie sind Ausländer. Obwohl man auf der Straße mehr Russisch als Deutsch hört, besitzen 94 Prozent der Bewohner die deutsche Staatsangehörigkeit. „Ich hätte vor allem der SPD mehr Stimmen gewünscht“, sagt Erza. Es sei ein komisches Gefühl, wenn so viele eine ausländerfeindliche Partei wählten.
Ein Bus der FDP sammelt Wahlplakate ein. Geworben hätten die anderen Parteien im Haidach schon, sagt Alexander Kaiser. Doch einen Wahlkampfstand habe er nur von der AfD gesehen. Dicht umringt sei er gewesen. „Das habe ich vom Balkon gesehen.“ Die AfD fahre auch ständig nach Russland. „Aber was soll das? Das ist doch verlorene Zeit.“
