„Ich habe Hoffnung, dass es wieder anders wird“

Stimmen aus der Region zur Wahl in den USA.

„Ich habe Hoffnung, dass es wieder anders wird“

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Von Lorena Greppo

und Steffen Grün

BACKNANG. Gerichtliche Auseinandersetzungen und juristische Scharmützel seien in den kommenden Wochen in den USA zu erwarten, sagt der Bundestagsabgeordnete Norbert Barthle (CDU). „Es bleibt eine spannende Angelegenheit.“ Da der Anteil der Briefwähler bei dieser Wahl besonders hoch ist, sei erst am Wochenende mit einem Ergebnis zu rechnen. Einen direkten Einfluss auf die Politik werde die zu erwartende Hängepartie nicht haben, doch: „Die Unsicherheit schlägt sich in den wirtschaftlichen Beziehungen nieder“, weiß Barthle. Die vergangenen vier Jahre unter Präsident Trump hätten eine kritische Phase in den politischen Beziehungen zu Deutschland bedeutet. Die Abneigung, die Trump Deutschland gegenüber an den Tag gelegt hat, befindet der CDU-Bundestagsabgeordnete als erschreckend. „Die Nord-Atlantik-Brücke muss tragfähig sein“, sagt er. Auch wenn von Joe Biden, sollte er Präsident werden, keine drastische Wende im politischen Kurs zu erwarten sei, werde mit ihm dennoch die Hoffnung verbunden, dass sich die diplomatischen Beziehungen entspannen, so Barthle. Er hat Joe Biden – damals Vizepräsident unter Barack Obama – während der Olympischen Spiele in Vancouver 2010 zufällig in einem Restaurant in Whistler getroffen und kurzerhand um ein Gespräch gebeten. Dieses habe dann auch etwa eine Viertelstunde gedauert. Barthles Eindruck: „Er ist ein sehr angenehmer, sympathischer Mensch. Ich hoffe, dass sich das auch in seiner Politik widerspiegelt.“

Während der Olympischen Winterspiele 2010 haben Norbert Barthle (Mitte) und Martin Ebster (links), Tourismusdirektor von St. Anton, den damaligen US-Vizepräsidenten Joe Biden zufällig in Whistler getroffen. Foto: privat

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Während der Olympischen Winterspiele 2010 haben Norbert Barthle (Mitte) und Martin Ebster (links), Tourismusdirektor von St. Anton, den damaligen US-Vizepräsidenten Joe Biden zufällig in Whistler getroffen. Foto: privat

Die hohe Wahlbeteiligung in den USA zeige, „wie stark polarisiert und mobilisiert wurde – von beiden Seiten“, so der Bundestagsabgeordnete Christian Lange (SPD). Auch er befürchtet eine wochenlange Hängepartie, bis wirklich alle Stimmen ausgezählt sind, und erinnert an ähnliche Verhältnisse im Jahr 2000. Obwohl es schlussendlich auf die Wahlmänner ankommt, zähle jede Stimme. Da ihm klar war, dass es „ganz eng wird“, sei er in der Wahlnacht auch nicht aufgeblieben, so Lange. „Ich war auch am nächsten Morgen nicht erstaunt.“ Als Vorstandsmitglied des Vereins Atlantik-Brücke, der sich für die deutsch-amerikanische Freundschaft einsetzt, hat Christian Lange die Entwicklungen in den USA besonders im Blick. „Die Beziehung beider Länder hat sich völlig verändert“, sagt er. Der Ton sei rauer geworden, die Aggressivität habe ein neues Niveau erreicht und unter Trump hätten die USA nicht mehr so sehr multilaterale Ansätze verfolgt, sondern versucht, einzelne Deals auszuhandeln. Der „unkalkulierbare Kurs“ der Regierung unter Trump habe dazu geführt, dass die USA an Gewicht in der Weltpolitik verloren hätten – zugunsten anderer Staaten wie Russland oder China. „Als überzeugter Transatlantiker sehe ich das mit großer Sorge“, so Lange. Sollte Biden der neue Präsident werden, werde sich zumindest an Ton und Verhandlungsansatz etwas bessern, ist Lange überzeugt. Denn auch er erwartet wenig Veränderungen, was politische Inhalte angeht.

Mit dem Blick eines Deutschen, der in der US-Hauptstadt Washington in Luft- und Raumfahrttechnik promovierte und im Dezember für eine Professur am renommierten Georgia Institute of Technology in Atlanta wieder in die Vereinigten Staaten zieht, beobachtet Jürgen Rauleder den Wahlkrimi um die Präsidentschaft. Der 36-Jährige, der aus Kleinaspach stammt und dessen Eltern noch dort wohnen, drückt Joe Biden die Daumen. Dasselbe gilt für seine in Kalifornien aufgewachsene Frau, die neben dem amerikanischen auch einen französischen Pass besitzt und mexikanische Wurzeln hat. Anders als 2016, als Donald Trump zur Überraschung aller Demoskopen gegen Hillary Clinton gewann, „habe ich die Wahlnacht sowie die Zeit danach aber nicht andauernd verfolgt. Ich habe damals daraus gelernt, dass sich aufgrund des Wahlsystems bis zum letzten Moment alles ändern kann“, erklärt Rauleder und fügt mit gequältem Lächeln hinzu: „Und auch danach.“ Er vermutet, dass es sich noch eine Weile hinzieht, bis alles klar ist, weil es in dem einen oder anderen Bundesstaat zu Neuauszählungen kommen könnte.

Jürgen Rauleder tritt bald seine Professur im US-amerikanischen Atlanta an und verfolgt die Wahlen daher mit großem Interesse. Foto: privat

Jürgen Rauleder tritt bald seine Professur im US-amerikanischen Atlanta an und verfolgt die Wahlen daher mit großem Interesse. Foto: privat

„Ich glaube nicht, dass es bürgerkriegsähnliche Zustände geben wird, aber Unruhen durchaus“, sagt der aktuelle Wahl-Münchner. Für den anstehenden Umzug nach Atlanta sei es ein „ungünstiger Zeitpunkt – wegen der Coronasituation und der politischen Lage“, räumt Rauleder ein. Eine erneute Verschiebung kommt nicht infrage, denn vor der Pandemie war schon der Sommer angepeilt gewesen. „Wir gehen mit etwas mulmigem Gefühl, weil alles nicht so funktioniert wie in normalen Zeiten“, betont der Schwabe, dem zudem die Spaltung der US-Gesellschaft Sorgen macht. Beim Bier mit Freunden, Bekannten oder Kollegen diskutiere man lieber nicht über Politik, „weil es sonst schnell zu unangenehmen Situationen kommen kann. Es sei denn, man weiß vorher, wie die anderen ticken.“ Das führe aber dazu, „dass sich alle nur noch in ihrer Blase bewegen und kein konstruktiver Diskurs entsteht“. Diese Gräben habe es schon gegeben, als er von 2009 bis 2014 zum ersten Mal in den USA lebte, „aber Trump reißt sie noch tiefer auf. Ich habe die Hoffnung, dass es wieder anders wird, glaube aber nicht, dass es kurz- bis mittelfristig möglich ist.“ Egal, wer im Oval Office sitzt. Jürgen Rauleder wird die Entwicklung vor Ort beobachten.

„Für die ganze Welt ist die Wahl des US-Präsidenten von großer Bedeutung“, ist sich IHK-Bezirkskammerpräsident Claus Paal im Klaren. Er habe deshalb Wahlkampf und Wahl intensiv verfolgt. Mit den Kollegen seines Joint Ventures in den Vereinigten Staaten habe er sich intensiv ausgetauscht. Dass etwa die Hälfte der amerikanischen Bevölkerung jemanden wählt, dessen Politikstil von Polemisierung, Polarisierung und Unwahrheiten geprägt ist, findet der Unternehmer äußerst bedenklich. Insofern macht er keinen Hehl daraus: „Ich hoffe, dass Biden das Rennen macht.“ Er stehe für Überlegtheit, Ruhe und den Grundkonsens eines guten Umgangs miteinander. Trumps Methode hingegen – das Recht des Stärkeren – sei nicht für Friedenszeiten geeignet. „So eine Politik darf keinen Erfolg haben“, sagt Paal. Gerade die Wirtschaft brauche Berechenbarkeit und Klarheit. Immerhin könne man sagen, dass Trump „in den letzten vier Jahren hauptsächlich Sprüche geklopft und wenig verändert hat“, findet der IHK-Bezirkskammerpräsident und nennt die Automobilindustrie. Gegen diese hat Trump zwar viel gewettert, allerdings sichere diese unheimlich viele Arbeitsplätze in den USA – „völlig unlogische Äußerungen“, die der Präsident da von sich gebe. Zwar seien Zölle verändert worden, „aber nicht in unseren Branchen“. Auch wenn es womöglich noch länger dauert, bis ein amtliches Endergebnis vorliegt und eventuelle juristische Anfechtungen beigelegt sind, sei das für die hiesigen Unternehmen nicht von größter Bedeutung: „Den Absatz unserer Produkte in den USA wird so eine Hängepartie nicht beeinflussen.“ Allerdings würden wohl manche Investoren derzeit abwarten, wie sich die Situation entwickelt – das wirke sich zuungunsten der amerikanischen Wirtschaft aus.

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Erstellt:
6. November 2020, 06:00 Uhr

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