Migration und Mutterschaft

„Ich hatte immer das Gefühl, ich muss mich mehr bemühen als andere“

Verändert Mutterschaft den Blick auf die eigene Migrationserfahrung? Betty Boras, Nachkommin der Banater Schwaben aus der Region Stuttgart, hat darüber einen Roman geschrieben.

Die Autorin Betty Boras, Nachkommin der Banater Schwaben, kam mit sechs Jahren aus Rumänien in die Region Stuttgart.

© FTGRF.de

Die Autorin Betty Boras, Nachkommin der Banater Schwaben, kam mit sechs Jahren aus Rumänien in die Region Stuttgart.

Von Eva-Maria Manz

Wann gehören wir dazu? Und wie prägend ist die eigene Herkunft? Betty Boras, geboren 1984, Lehrerin und Mutter, hat ein Buch geschrieben: In ihrem Debütroman setzt sie sich mit ihrer Identität als Nachkommin der Banater Schwaben auseinander. Im Alter von sechs Jahren kam Boras aus Rumänien in die Region Stuttgart, wo sie heute noch lebt. In „Das schönste aller Leben“ (hanserblau, 22 Euro) ist ihre Mutterschaft für die Protagonistin der Auslöser, um sich noch einmal neu mit ihrer Erfahrung von Migration auseinander zu setzen.

Frau Boras, blicken Sie wie die Figur in Ihrem Roman anders auf Ihre Migrationsgeschichte seit Sie Mutter sind?

Ja, bevor ich Mutter wurde, dachte ich, meine eigene Migrationsgeschichte hätte in meinem Leben nie eine besonders große Rolle gespielt. Als Banater Schwäbin war meine Muttersprache Deutsch. Ich fand mich hier in der Grundschule schnell ein, ging aufs Gymnasium, studierte und wurde Lehrerin. Erst als ich selbst Kinder bekam und sie beobachtete, merkte ich, was es für einen großen Unterschied macht, ob du hier geboren bist, und was es heißt, sich nicht immer anstrengen zu müssen, um dazuzugehören.

Sie mussten sich immer bemühen?

Ja, durchaus. Es waren auch die kleinen Dinge, der Dialekt, den wir zu Hause sprachen etwa, oder die Kleidung. In der Jugend kommt man in ein Alter, in dem das alles eine Rolle spielt. Ich hatte immer das Gefühl, ich musste mich mehr bemühen als meine Mitschüler, um als schön, schlau oder talentiert zu gelten. Ich wollte dazugehören. Dabei ist mir auch bewusst geworden, dass meine Eltern es noch schwerer hatten als ich.

Warum?

Sie sprechen den Banater Dialekt, der hier fremd klingt. Akzentfrei Rumänisch sprechen sie aber auch nicht. Sie haben folglich kein Land, in dem sie die Sprache perfekt beherrschen und bedingungslos dazu gehören. Die Identität als Nachkommin der Banater Schwaben ist insofern besonders kompliziert. Für mich war es eine Erleichterung, irgendwann zu erkennen, dass ich mich nicht immer entscheiden muss, was meine Identität angeht.

Wie kam die Einsicht, sich nicht entscheiden zu müssen?

Ob ich komplett Deutsche bin oder Banater Schwäbin, das muss ich nicht einmal fix beantworten und dann ist es in Stein gemeißelt. Man kann viele Kulturen in sich vereinen. Das habe ich auch durch mein Spanisch-Studium gemerkt, da kam noch etwas Drittes hinzu, das mich heute ausmacht. Und mein Mann hat eine Familie, die aus Kroatien stammt. Meine Kinder wachsen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen auf. Ich begreife das nicht als Defizit, sondern als ein Geschenk.

Ihre Protagonistin fühlt sich, als stünde sie in der Schuld der Vorfahren, etwas aus sich und ihrem Leben zu machen. Woher kommt dieses Gefühl, das viele mit Migrationserfahrung kennen?

Das habe ich mich auch gefragt, es war mit ein Auslöser für mein Schreiben. Über allem steht der Wunsch, dass alles von Generation zu Generation besser werden soll. Die Mühe, die Flucht und das Schuften sollen sich gelohnt haben. Die Kinder sollen das schönste aller Leben haben, so heißt ja auch mein Buch. Als Nachkommin hat man das Gefühl, keine Fehler machen zu dürfen. Man muss etwas aus seinem Leben machen. Rückschritte sind nicht vorgesehen. Darüber lohnt es sich, nachzudenken.

Mehr Infos

BuchBetty Boras: Das schönste aller Leben, Verlag hanserblau, 22 Euro, 240 Seiten.

Zum Artikel

Erstellt:
17. Februar 2026, 16:28 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen