„Ich tue alles, um Autofahren zu vermeiden“

Familien aus Backnang und Umgebung sammeln Erfahrung mit Fahrradanhänger und Lastenfahrrad. Angesichts des Klimawandels wollen sie einen kleinen Beitrag zum Umweltschutz leisten. Zudem nimmt man beim Radfahren die Umwelt viel besser wahr.

Mitunter lassen sich auch alle drei Jungs der Familie Lüngen von Mutter Corinna kutschieren, obwohl Noah und Milo, zwölf und zehn Jahre alt, längst selbst fahren könnten. Der Jüngste, Momo, fünf Jahre alt, hat noch etwas Zeit. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Mitunter lassen sich auch alle drei Jungs der Familie Lüngen von Mutter Corinna kutschieren, obwohl Noah und Milo, zwölf und zehn Jahre alt, längst selbst fahren könnten. Der Jüngste, Momo, fünf Jahre alt, hat noch etwas Zeit. Foto: A. Becher

Von Hans-Christoph Werner

BACKNANG. Wer mit Corinna Lüngen über Fahrradfahren spricht, der kommt nach dem Gespräch zumindest auf den Gedanken: Da könnte was dran sein. Und wer die dreifache Mutter mitten im Autoverkehr auf der Blumenstraße erlebt, wie unbeirrt und voller Daseinsfreude sie mit ihrem dreirädrigen Lastenfahrrad den Anstieg leichtfüßig bewältigt, der wird ihr zumindest Respekt zollen. Es ist ein Hollandfahrrad, das die Backnanger Familie besitzt. In den Niederlanden hat Corinna Lüngen es zum ersten Mal gesehen. Es war Liebe auf den ersten Blick. „Ich fand’s einfach schön“, sagt die 42-Jährige. Zwar mussten die Lüngens etwas Mühe aufwenden, um das Rad in Deutschland zu bekommen. Aber schließlich ist es gelungen. Der Händler brachte es persönlich vorbei. Es hat freilich seinen Preis.

Anders als sonstige Lastenräder hat das Gefährt der Lüngens zwei Vorderräder, dort, wo auch der Transportkorb sitzt. Bis zu 100 Kilogramm lassen sich damit transportieren. Um solche Transportkapazitäten zu bewältigen, hat das Fahrrad einen unterstützenden Elektromotor. „Ich versuch, alles, was Kurzstrecken angeht, mit dem Rad zu machen“, sagt Corinna Lüngen. Die Familie besitzt das Lastenrad erst eineinhalb Jahre. Noch immer hält sich die Begeisterung. „Es ist einfach schön“, sagt Corinna Lüngen über ihre Fahrten. Wobei man dazusagen muss, dass sich die Sozialpädagogin gerne draußen aufhält. Regelmäßig geht sie joggen. Dann will der Familienhund ausgeführt sein. Beruflich ist sie im Waldkindergarten Winnenden tätig. „Natur tut gut“, sagt die Backnangerin. Zu diesem Erfahrungsfeld passte das Lastenrad einfach. „Es macht Spaß, da drauf zu sitzen“, sagt die leidenschaftliche Radlerin. Und das im Vergleich zum Auto langsame Tempo der Fahrten lässt Raum, die Dinge intensiv wahrzunehmen: Sonnenstrahlen, Gerüche, Farben, die bei Pkw-Fahrten viel zu schnell vorbeihuschen. Dazu, so Lüngen, spürt man sich selbst. Denn ein E-Lastenbike fährt nicht von selbst. Man muss treten. Auch von Verantwortung spricht sie: „Wir haben Verantwortung für die Zukunft, für unsere Kinder.“ Das Beispiel der Mutter hat bereits auf die älteren Söhne Noah und Milo abgefärbt. Diese sind selbst gerne mit Rädern unterwegs.

Die Reaktionen der Zeitgenossen sind überwiegend positiv.

Mit dem breiten Lastenrad sind Corinna Lüngen die Radwege verwehrt. Sie muss sich zwischen die Autos einreihen. Auch wenn sie vielen Autofahrern zu langsam ist, überwiegend erhalte sie positive Reaktionen. Leute würden ihr zuwinken oder sie demonstrativ mit nach oben gerecktem Daumen grüßen.

Es sind fast drei Kilometer von der Haustür der Familie Sälzle in Oberschöntal bis in die Innenstadt von Backnang. Drei Routen kann man nehmen, um zu Fuß oder mit dem Fahrrad von Backnang nach Oberschöntal zu kommen. Am Ende der „Unteren Au“ zweigt ein steil ansteigender Weg ab. Es ist der kürzeste. Man erreicht Oberschöntal in der Konstanzer Straße. „Man kommt superschnell in die Stadt,“ sagt Sebastian Sälzle über den Gebrauch des Fahrrads, „man kann mit dem Auto mithalten und hat vor allem keine Parkplatzsuche.“ Die Sälzles nehmen gern, auch als ganze Familie, das Fahrrad. Auch um der Umwelt willen. Am häufigsten fällt diese Aufgabe Simone Sälzle zu. Und sie muss dabei Emil (7), Michel (6), Anni (4) und Heiner (2) mitnehmen. Emil und Michel fahren schon selbst Fahrrad. Anni und Heiner nehmen Platz im Fahrradanhänger. Was Letzteren angeht, haben die Sälzles nicht gespart. Sie haben sich vor Jahren für ein schwedisches Modell entschieden. Anschaffungskosten um die 1000 Euro. Er lässt sich mit wenigen Handgriffen auch zum Kinderwagen umbauen. Dazu hat der Anhänger viel Stauraum. Denn wenn man mit den Kindern in die Stadt fährt, muss auch noch Platz für die Einkäufe sein. Das bedeutet aber auch, dass Simone Sälzle (34) mit ihrem Fahrrad (kein E-Bike) einiges zu ziehen hat. Aus dem Murrtal muss man wieder auf die Höhe kommen. Simone Sälzle gibt zu, dass sie und die Kinder da manchmal schieben.

Die Eltern Sälzle haben, bevor sie Familie wurden, viel Sport getrieben. Als Emil auf die Welt kam, hatte sich Simone Sälzle das Sprunggelenk gebrochen. Mit Joggen war nichts. Da hat sie das Fahrrad entdeckt. Und dann haben die Sälzles diese Erfahrung beibehalten. Wochenende oder Urlaub, immer ist das Rad dabei. Und wurde so auch für die Kinder selbstverständlich. „Wir packen auch schon steile Buckel,“ sagt Emil stolz. Die Sälzles haben ein Auto. Aber, so Vater Sebastian, „wir wollen es weniger benutzen“.

Während des Studiums in Passau hat sie alle Wege mit dem Rad gemacht. Und als sie dann eine erste Stelle in Berlin hatte, war auch dort dies ihr bevorzugtes Fortbewegungsmittel. „Ich bin nicht gewohnt, nicht mit dem Fahrrad zu fahren“, sagt Malin Ludwig aus Burgstetten. Mittlerweile hat die 37-Jährige eine Stelle in Ditzingen. Von Burgstall aus kombiniert sie S-Bahn und Fahrrad. Malin Ludwig besitzt ein Faltrad mit Elektromotor.

Als vor zwei Jahren nun Tochter Eva auf die Welt kam, war klar, dass auch mit Kind die Wege mit dem Fahrrad zu machen sein müssten. Seit Eva sitzen kann, tut es ein mittelpreisiger Fahrradanhänger. Ganz aufs Auto verzichten können Malin Ludwig und ihr Lebensgefährte freilich nicht. Aber auch für dieses gilt: So wenig wie möglich benutzen. Zumal ein E-Auto ihnen zu teuer ist.

Bei den Alltagsfahrten wird der Kinderanhänger auch manchmal zweckentfremdet. Malin Ludwig hat am Ortsrand von Burgstall ein kleines Feld. So dient der Kinderfahrradanhänger dann dem Transport von Selbstgeerntetem. Mutter und Tochter fahren auch nach Backnang zum Einkauf. „Ich find’s praktischer“, sagt Malin Ludwig. „Ich tue alles, um eine Autofahrt zu vermeiden.“ Die Motivation für solches Tun liegt für Malin Ludwig auf der Hand. „Wer mit offenen Augen durch die Welt geht“, so sagt sie, „weiß, dass es höchste Zeit ist.“ Angesichts des Klimawandels sollte jeder Erdenbürger einen Beitrag leisten. „Es ist das Mindeste, was ich tun kann. Und dies sollte eigentlich der Normalfall sein.“

Bei der Heimfahrt von Backnang muss die Burgstallerin zwei Steigungen bewältigen, den Anstieg vor Erbstetten und dann den anderen vor Burgstall. Über den Schweiß und die Anstrengung, den diese Fahrtroute kostet, spricht Malin Ludwig nicht. „Man muss überzeugt sein,“ sagt sie, „um das durchzuziehen.“ Sie ist es.

Stefanie Baumann ist der Meinung, man muss nicht alles mit dem Auto machen. Bewegung tut gut. Und die Kinder im Fahrradanhänger bekommen mehr von der Umgebung mit. Foto: privat

Stefanie Baumann ist der Meinung, man muss nicht alles mit dem Auto machen. Bewegung tut gut. Und die Kinder im Fahrradanhänger bekommen mehr von der Umgebung mit. Foto: privat

Nochmals Oberschöntal. Auch die Reinhardts sind passionierte Radfahrer. Jan Reinhardt hat ein Mountainbike, Jeanette Reinhardt ein E-Bike. Und dazu, seit die zweijährige Tochter Emma auf der Welt ist, einen Fahrradanhänger. Jeanette Reinhardt (27) hält einen Anhänger für vorteilhafter als einen Kindersitz am Fahrrad. Denn um dann noch etwas zu transportieren, muss sie einen Rucksack mitnehmen. Und den hat dann die Tochter immer vor dem Gesicht. Wenn Jeanette Reinhardt ihre Tochter in den Markuskindergarten bringt, geschieht das natürlich mit dem Fahrradanhänger. Emma mag das, auf diese Weise umherkutschiert zu werden. Von den bekannten Wegen von Oberschöntal nach Backnang meidet Jeanette Reinhardt die Steilstrecke hinunter zum Bundesstraßenviadukt. Gerade das Steilstück ist von einem kleinen Wäldchen umgeben. Hier ist der Weg gern feucht. Pflanzenmaterial liegt herum. Bei einer Fahrt stürzte Jeanette Reinhardt, zog sich Abschürfungen zu. Glücklicherweise blieb beim Sturz der Anhänger stehen. Emma kam mit dem Schrecken davon. Für Jeanette Reinhardt ist die Benutzung des Fahrrads aus drei Gründen gut. Mit der Bewegung tut man etwas für sich selbst. Zum anderen schont man damit die Umwelt. Und schließlich spart die Fahrradfahrt auch Geld.

Die Topografie der Stadt ist gewöhnungsbedürftig.

Auch Stefanie Baumann (41) und Stefan Müller sind viel Fahrrad gefahren, als sie schon ein Paar, aber noch keine Familie waren. Das heißt, die Fahrradleidenschaft reicht noch weiter zurück. Auch die Väter von beiden waren oft mit zwei Rädern unterwegs. Und für Stefanie Baumann gab es für den Weg ins Ulmer Gymnasium nur eines: mit dem Fahrrad an der Donau entlang. Als sich Tochter Annika ansagte, stand der Fahrradanhänger ganz oben auf der Einkaufsliste. Ein Einsitzer mit zusätzlicher Hängematte, sodass auch Babys mitgenommen werden können. „Geld durfte bei der Anschaffung keine Rolle spielen“, sagt Stefan Müller. Etwa 900 Euro hat das Paar investiert. „Es hat sich gelohnt“, sagt Stefanie Baumann. „Die Kinder schlafen wunderbar drin.“ Häufig war der Fahrradanhänger im Einsatz. Denn die Wochenendlieblingsbeschäftigung der Familie war, kleine Touren zu unternehmen. So 40 bis 50 Kilometer waren drin. Wenn die Kinder älter werden, dulden sie keine stundenlangen Fahrten mehr. Dann wird eben öfter angehalten und etwas Auslauf gewährt.

Seit einem guten Jahr wohnt die Familie Baumann-Müller in Backnang. Die Topografie der Stadt ist gewöhnungsbedürftig. Noch schaffen es die Eltern mit normalen Fahrrädern. Manchmal auch um den Preis dessen, dass man die längere Strecke, aber den sanfteren Anstieg wählt. Wenn die Mutter langsamer wird, kann es durchaus sein, dass sie die Tochter anfeuert. „Backnang hält fit“, sagt Stefanie Baumann. Mittlerweile fährt Annika (8) selbst mit dem Rad, während ihr Bruder Eric (5) gerne auf einem sogenannten Trailer selbst mitstrampelt. Gern hat die Familie, als der Radanhänger noch im Einsatz war, Wege abseits der viel befahrenen Hauptverkehrsstraßen gewählt. Denn im Anhänger sitzen die Kinder dann auf Höhe der Autoauspuffanlagen. Und das muss nicht sein.

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Erstellt:
26. September 2020, 16:00 Uhr

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