Im Einsatz fernab der Heimat

Beamte aus dem Südwesten leisten in Krisengebieten polizeiliche Entwicklungsarbeit – Hohe Hürden beim Auswahlverfahren

Jahr für Jahr begibt sich eine zweistellige Zahl an Beamten der baden-württembergischen Polizei für einige Monate in internationale Missionen. Manche machen das immer wieder – was treibt sie dabei an?

Stuttgart Das Mädchen winselt und fleht immer wieder um Hilfe, als es von vier Männern festgehalten wird. Doch offensichtlich hört niemand die 14-Jährige. Abwechselnd fallen die Männer über die Jugendliche her, vergewaltigen sie. Besonders perfide: Die Männer filmen die minutenlange Tat. Das Video verschicken sie. Rasend schnell verbreitet es sich über soziale Netzwerke und den Nachrichtendienst Whatsapp. Die Szenen der Gruppenvergewaltigung erreichen auch die Polizei. Der Fall bewegt kurz ­danach, es ist Februar 2018, ganz Mali. Das Opfer allerdings meldet sich nicht.

Rainer Lienhard, 58 Jahre alt, ist zu diesem Zeitpunkt noch in Bamako, der Hauptstadt des westafrikanischen Landes. Der Kriminalbeamte aus Offenburg unterstützt seine malischen Kollegen, digitale Spuren zu sichern und zu analysieren. So gelingt ­ihnen nicht nur, das Opfer zu identifizieren und es ausfindig zu machen. Später überführen sie auch die vier verdächtigen Männer im Alter von 16 bis 25 Jahren. Für Lienhard ist dies ein schöner Erfolg in seinen letzten Tagen bei der UN-Mission in Mali.

Von Dezember 2016 bis März 2018 hat er als Leiter eines Teams aus überwiegend deutschen, niederländischen und tunesischen Kollegen im Rahmen der UN-Stabilisierungsmission die einheimischen Sicherheitskräfte geschult: die Kripo, die Anti-Terror-Einheit und die Grenzpolizei. Es geht vor allem darum, sie alle im Kampf gegen die Islamisten zu beraten und zu unterstützen. Und weil die für ihre Propaganda immer ­öfter das Internet nutzen, steht für die malischen Einheiten auch die digitale Forensik auf dem Unterrichtsplan, also das Sichern und Auswerten von Spuren nach möglichen Straftaten im Internet. „Das war unter anderem meine Aufgabe“, sagt Lienhard.

Dass er überhaupt nach Mali gehen konnte, liegt an einem Beschluss der Innenministerkonferenz aus dem Jahr 1994. Seither ­beteiligen sich auch die Polizeien der Länder an internationalen Friedensmissionen der Vereinten Nationen, der Europäischen Union oder der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Sie tun dies vor allem, um in fragilen Krisen­gebieten der Welt den Aufbau einer rechtsstaatlichen Polizei zu begleiten und zu unterstützen.

Aus Baden-Württemberg lassen sich pro Jahr 20 bis 30 Polizeibeamte für mehrere Monate entsenden. Ihre Arbeit sei ein „aktiver und nachhaltiger Beitrag zur Reduzierung der Fluchtursachen“ und damit auch des Migrationsdrucks, sagt Landesinnen­minister Thomas Strobl (CDU). Und nicht nur das: Durch die gewonnenen persön­lichen und polizeilichen internationalen ­Erfahrungen würden sie zudem zur Weiterentwicklung der Landespolizei beitragen.

In den landesinternen Pool für die Auslandsverwendung aufgenommen zu werden ist allerdings gar nicht so einfach. Abenteuerlust, Mut und Offenheit für Neues allein reichen nicht aus. Die Kandidatinnen und Kandidaten müssen detailliert darlegen, warum ausgerechnet sie für eine internationale Mission geeignet sind. Sie müssen einen Sprach- und einen Sporttest absolvieren, sich ärztlich untersuchen lassen und ein psychologisches Gespräch bestehen. Nur wenn sie alle Voraussetzungen mitbringen, geht es mit dem Auswahlverfahren für eine Mission und eine Stelle weiter.

Bei Anke Lutz, einer 42 Jahre alten Polizeioberkommissarin vom Revier in Stuttgart-Bad Cannstatt, ist der erfolgreiche Bewerbungsprozess noch gar nicht so lange her. Bei ihrer Premiere als sogenannte Auslandsverwenderin landete sie in Pristina, der Hauptstadt des Kosovo. Von August 2017 bis August 2018 war die gebürtige Pfälzerin zuständig für die Sicherheit der europäischen Mission inklusive aller Gebäude und Mitarbeiter. So achtete sie zum Beispiel darauf, dass die Gelände und Gebäude den Vorgaben entsprechend gesichert sind, und organisierte Fortbildungen und Evakuierungsübungen für die Mitarbeiter.

Es habe dann tatsächlich mehrere Zwischenfälle gegeben, aber man sei gut darauf vorbereitet gewesen, sagt Lutz. Evakuiert werden musste indes nie. Und so fasst sie das Jahr im Kosovo als „große Bereicherung“ zusammen. Was sie positiv überrascht habe, sei das Zusammengehörigkeitsgefühl unter den vielen unterschiedlichen Nationalitäten gewesen. „Die gegenseitige Unterstützung war extrem, das war eine sehr tolle Erfahrung“, sagt Lutz. Auch Lienhard erzählt von Freundschaften mit Polizisten aus anderen Ländern, die in Missionen entstanden sind und bis heute halten. Er hat inzwischen vier Missionseinsätze fernab der Heimat hinter sich. Im Jahr 2001 ging er das erste Mal, damals als Ermittler für organisierte Kriminalität, in den Kosovo. Es folgten weitere ­Aufenthalte 2003 im Kosovo, 2007/2008 in Afghanistan und zuletzt eben in Mali.

Für den Gang ins Ausland gibt es zwar eine finanzielle Zulage. Sie variiert je nach Land, Gefährdung und Art der Unterbringung. Aber eines stellt Lienhard klar: „Wegen des Geldes allein macht man es nicht. Man muss der Typ dazu sein und braucht eine gewisse Abenteuerlust und Flexibilität.“ Was ihn an einem längeren Aufenthalt in einer Mission besonders reizt? Wenn man in einem Land lebe und arbeite, komme man in Kontakt mit der Zivilbevölkerung und erhalte Einblicke in die anderen Kulturen, die noch einmal ganz andere seien als in einem Urlaub, sagt er.

Der Einsatz in Krisengebieten ist freilich nicht ohne Risiko. Lienhard hatte immer wieder Glück. Wie zum Beispiel am 14. Januar 2008: Eigentlich hätte er damals mit Kollegen bereits in der Lobby des Luxushotels Serena in Kabul sitzen sollen, als vier Selbstmordattentäter der terroristischen Taliban dort das Feuer eröffneten und einer von ihnen sich in die Luft sprengte. Acht Menschen wurden getötet. Doch weil die afghanischen Gastgeber in der Polizeiakademie zum Abschluss des Tages, wie üblich – als Geste der Gastfreundschaft –, noch Tee für alle zubereiteten, verspätete sich der kleine Tross um den Kripo-Mann aus Offenburg. Als er am Hotel ankam, war der Anschlag bereits passiert. „Wir hatten schlicht Glück, dass wir zur rechten Zeit noch am falschen Ort waren“, sagt er. Später habe man nur noch vom „life saving tea“ gesprochen, vom lebensrettenden Tee.

Anschläge wie dieser lassen den Beamten nicht kalt, sie bleiben im Gedächtnis haften. „Klar kommt man da ins Grübeln“, gibt Lienhard zu. Aber: „Die positiven Erinnerungen nehmen den deutlich größeren Raum ein.“ Deshalb hat er sich immer wieder entschieden, sich erneut ins Ausland entsenden zu lassen. Lienhard ist damit keine Ausnahme. Viele Polizisten, die in Missionen waren, packt das berufliche Fernweh, sie werden zu Wiederholungstätern. In Baden-Württemberg gilt: die Wartezeit bis zur nächsten Mission muss immer mindestens so lange sein wie der vorige Auslandseinsatz.

Auch Anke Lutz ist auf den Geschmack gekommen. Sie ist schon wieder drin im Pool für eine weitere Mission. Wohin es als Nächstes geht, hat sie noch nicht entschieden. Nach wie vor stehe sie mit ihrem Chef im Kosovo in Kontakt. Aber auch andere Länder würden sie reizen – vielleicht sogar Mali.

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Erstellt:
12. März 2019, 03:04 Uhr

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