Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Im Einsatz für die Demokratie

Schüler gehören zu den wichtigsten Adressaten der Fachstelle für Demokratieförderung und Rechtsextremismusprävention. Seit Mitte März sind die Schulen jedoch für Externe geschlossen. Clara Berger muss Jugendliche deshalb auf andere Art aufsuchen.

Steht wegen der Coronapandemie vor ungeahnten Herausforderungen: Clara Berger, die neue Leiterin der Fachstelle für Demokratieförderung und Rechtsextremismusprävention (Derex). Durch den Lockdown sind viele Kurse ausgefallen. Angebote wurden ins Internet verlagert. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Steht wegen der Coronapandemie vor ungeahnten Herausforderungen: Clara Berger, die neue Leiterin der Fachstelle für Demokratieförderung und Rechtsextremismusprävention (Derex). Durch den Lockdown sind viele Kurse ausgefallen. Angebote wurden ins Internet verlagert. Foto: A. Becher

Von Armin Fechter

BACKNANG. Als Clara Berger Mitte Januar ihre Arbeit in der Fachstelle aufnahm, war Corona fern und die Welt noch in Ordnung. Die neue Stelleninhaberin mit einem Bachelor im Bereich der Kultur- und Geschichtswissenschaften hatte sogar das Glück, dass sie noch sechs Wochen lang gemeinsam mit ihrer Vorgängerin Sonja Eitel-Großhans arbeiten konnte. Das ist in der Kreisverwaltung sonst nicht üblich, frei gewordene Stellen bleiben – was letztendlich auch Kosten spart – meist eine Zeit unbesetzt. In diesem Fall allerdings sprach sich Jugendamtsleiter Holger Gläss für einen nahtlosen Übergang aus, und Landrat Richard Sigel stimmte dem zu. Dies auch mit Rückendeckung aus den Kreistagsfraktionen. Was viel darüber sagt, welche Bedeutung der Stelle zugemessen wird.

Dank dieser Konstellation aber lernte Clara Berger die laufenden Projekte aus erster Hand kennen, konnte sich mit der pädagogischen Arbeit vertraut machen und umso leichter persönliche Kontakte knüpfen. Denn gut vernetzt zu sein ist auf diesem Posten unabdingbar, wie Berger und Gläss unterstreichen.

„Ich finde politische Bildungsarbeit spannend.“

Dass die Absolventin der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg nach dem Abschluss ausgerechnet beim Rems-Murr-Kreis gelandet ist, hat mit dem speziellen Profil der Stelle zu tun. „Ich finde politische Bildungsarbeit spannend“, bekennt Berger, die während des Studiums schon als freie Mitarbeiterin für die Landeszentrale für politische Bildung tätig war. Allerdings fehlte ihr zuletzt die Nähe zu den Menschen. „Ich war ein bisschen im Elfenbeinturm“, erinnert sie sich an die Semester zwischen Hörsaal und Seminararbeiten, als die Theorie ganz oben stand. „Geködert“ hat sie aber nicht nur die Aufgabe, sondern auch die Nähe zu Stuttgart, wo sie aufgewachsen ist, und zugleich die Arbeitsumgebung, die den ländlichen Raum mit einschließt. Das gefällt, wenn sie etwa von Backnang aus, wo sie in der Außenstelle des Landratsamts ihr Büro hat, zu Workshops oder Besprechungen hinausfährt.

Doch dann kam mit dem Lockdown im März eine Zäsur, wie sie krasser nicht hätte ausfallen können. Von einem Tag auf den anderen waren alle Planungen für Besuche an Schulen, für Kurse und Projekte Makulatur. Nur ein einziger Workshop – in Weinstadt für Lehramtsanwärter – konnte noch unter Bergers Leitung stattfinden. Die Fachstelle Derex sei, so Gläss, mit am stärksten von der Pandemie betroffen. „Wir setzen immer auf Partizipation“, macht er die Bedeutung der direkten Beteiligung deutlich.

In der radikal veränderten Situation stellte sich die junge Kraft für die Coronahotline des Landratsamts zur Verfügung, wo dringend Hilfe gebraucht wurde. Gleichzeitig begann Berger – als Alternative zu den ausgefallenen Kursen –, eine Materialsammlung für Lehrkräfte zusammenzustellen und Online-Workshops anzubieten. Da ging es dann inhaltlich um Themen wie Radikalisierung und Verschwörungstheorien. Dies auch vor dem aktuellen Hintergrund, dass Jugendliche gerade in Zeiten des Lockdowns vermehrt im Internet unterwegs sind, zumal wenn sie nicht in feste Strukturen von Vereinen oder Kirchen eingebunden sind. Dabei laufen sie dann Gefahr, kruden Mythen aufzusitzen wie etwa der Vorstellung, dass das Coronavirus nur eine Erfindung von Microsoftgründer Bill Gates sei. Und dann bewegen sie sich permanent auf dieser Schiene, ein Zirkel, in dem sich die Beteiligten fortwährend in ihrer Denke bestätigen. Die Forschung spricht hier auch von einer Echokammer, in die sich die Leute zurückziehen und in der die eigene Meinung – und eben auch Hetze und Hass – beständig widerhallt.

In den Online-Workshops, die ab Ende Mai anliefen, wurde dann beispielsweise ein Argumentationstraining für ehrenamtliche Kräfte angeboten – in Zusammenarbeit beispielsweise mit dem Murrhardter Verein „Vielfalt tut gut“ und dem Kreisjugendring. Angesprochen waren unterschiedlichste Interessengruppen, vom THW bis zu den Landfrauen. Es ging dabei um die Frage: Wie reagiere ich auf extremistische Äußerungen? Mit eingebunden in die Workshops wurden zudem über das Kreisjugendreferat auch Fachkräfte aus der Jugendarbeit.

Was allerdings infolge der Coronapandemie komplett flachfiel – flachfallen musste –, war der direkte Kontakt mit Jugendlichen vor Ort in den Schulen. Im Moment ist auch nicht absehbar, wie es damit weitergehen kann. Denn auch nach den Sommerferien wird es vorerst keinen Unterricht wie vor dem Lockdown geben. Die Frage, wann und wie sich unter diesen Umständen für Externe wieder Möglichkeiten eröffnen, bleibt offen. „Die Schulen haben gerade ganz andere Baustellen“, weiß Gläss aus seinen Kontakten mit Sabine Hagenmüller-Gehring, der Leiterin des Staatlichen Schulamts Backnang.

Deshalb muss Clara Berger neue Wege suchen, wie sie Zugang zu den jungen Menschen findet. Stichwort: aufsuchende Jugendarbeit – rausgehen an die Orte, an denen Jugendliche zusammenkommen. Dass Jugendhäuser und Jugendtreffs jetzt sukzessive wieder öffnen, kommt ihr dabei entgegen. Das seien Orte, an denen man viel erreichen könne – trotz Social Distancing.

Darüber hinaus will Berger mehr auf digitalen Wegen agieren. Geplant ist unter anderem ein neuer Account auf Instagram neben dem offiziellen, über den der Landkreis bereits verfügt. Der zusätzliche Kanal richtet sich speziell an Jugendliche; die Derex-Fachstelle ist im Redaktionsteam mit dabei. Ziel ist es, mit jungen Leuten in Kontakt zu treten und Anknüpfungspunkte für Informationen zu schaffen. Ideen dazu gibt es schon einige. So könnten zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober Stimmen aus dem sächsischen Partnerlandkreis Meißen eingefangen werden, die sich zum Thema Demokratie äußern. Ähnliches ließe sich auch innerhalb der Grenzen des Rems-Murr-Kreises zum Themenkomplex Demokratie – Krisen – Extremismus anvisieren.

Daneben steht Clara Berger auch beratend bereit, wenn etwa Lehrkräfte aus Schulen oder pädagogische Fachkräfte aus Jugendhäusern vorhaben, Rassismus als Thema aufzuarbeiten. Zudem ist sie an vielen Aktionen und Programmen beteiligt, beispielsweise bei der Jugendkulturwoche „Bunt statt braun“ in Waiblingen mit großem Bandfestival, die vom Herbst ins kommende Frühjahr verlegt wurde, und bei der Partnerschaft für Demokratie Rems-Murr (www.pfd-rems-murr.de).

Hinter der Debatten-Arena steht noch ein Fragezeichen.

Darüber hinaus hat der Landkreis ein Projekt zur Demokratieförderung ausgerufen. Es soll in unterschiedlichen Formaten Themen wie Meinungsfreiheit, Gewalt und Streit in der Demokratie angehen und damit der Hetze im Netz und zunehmenden Übergriffen auf Politiker entgegenwirken. Als Medium soll dabei das Internet in den Fokus gerückt werden. Angedacht ist unter anderem eine Debatten-Arena ähnlich der Aktion „Deutschland spricht“. Allerdings stehen, so Gläss, dahinter noch Fragezeichen, weil unklar ist, ob die Coronaentwicklung den Austausch zwischen Jugendlichen und Kommunalpolitikern zulässt.

Unabhängig davon bereitet sich Clara Berger auf ein Seminar mit jungen Leuten vor, die ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren. Dieses soll im Herbst in Präsenzform stattfinden. In Vorbereitung ist ferner in Kooperation zwischen der Derex-Stelle und der Fachstelle Sozialraumorientierung und Jugendbeteiligung (Soja) eine Aktion in Backnang zum Internationalen Tag der Demokratie, der immer am 15. September begangen wird. Motto: „Demokratie – ich bin dabei!“ Wobei auch hier „alles mit angezogener Handbremse zu planen ist“, wie Gläss und Berger mit Blick auf Corona sagen.

Die Fachstelle Demokratieförderung und Rechtsextremismusprävention (Derex) ist Teil des Kreisjugendamts, Kinder- und Jugendförderung, und hat ihren Sitz in der Außenstelle des Landratsamts in Backnang, Erbstetter Straße 58. Fachstellenleiterin Clara Berger ist erreichbar unter Telefon 07191/895-4458 oder 0159/04409757, E-Mail c.berger@rems-murr-kreis.de.

Zum Artikel

Erstellt:
27. August 2020, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!

Stadt & Kreis

Ökopunkte für die Zukunft

Eine gemeindeeigene Obstwiese in Weissach im Tal wird vom neuen Pächter gezielt ausgemagert und so artenreicher gestaltet. Dieextensivere Nutzung als Jungrind- und Ponyweide erlaubt es, dass auch langsam wachsende Kräuter gedeihen.

Stadt & Kreis

„Meine Frau hat mich immer unterstützt“

Dankbar und zufrieden verabschiedet sich das Pfarrerehepaar Falk nach 14 Jahren im Rahmen eines Gottesdienstes am Sonntag von der Gemeinde Althütte. Nach vielen Stationen in ganz Württemberg finden die Eheleute jetzt ein neues Zuhause in Backnang.