Im Keller waren Gefängniszellen

Blick in das Archiv von Peter Wolf: Das historische Rathaus am Marktplatz ist eines der Wahrzeichen der Stadt. Doch nicht immer diente das stattliche Fachwerkhaus ausschließlich Verwaltungszwecken.

Der Marktplatz und das angeschnittene Rathaus mit den Renaissancekonsolen (rechts) um 1915. Repros: P. Wolf

Der Marktplatz und das angeschnittene Rathaus mit den Renaissancekonsolen (rechts) um 1915. Repros: P. Wolf

Von Claudia Ackermann

BACKNANG. Das Rathaus wurde zwischen 1599 und 1601 nach Plänen des württembergischen Landesbaumeisters Georg Beer, dem Architekten des Stuttgarter Lusthauses, errichtet. Ursprünglich muss man sich das Erdgeschoss als offene Halle vorstellen, worauf noch die großen Bogenfenster hinweisen, informiert das Backnang-Lexikon. Aus diesen Jahren stammen die Renaissancekonsolen mit Köpfen. Besonders hervorzuheben sind die aufwendigen Eckkonsolen. Das Erdgeschoss wurde ursprünglich als Markthalle genutzt. Im ersten Stock fanden Tuchmärkte und Tanzveranstaltungen statt. Nur das zweite Geschoss war unterteilt und wies die beiden Ratsstuben auf. Das erste Dachgeschoss diente als Kornboden.

Im Keller befanden sich zwei Gefängniszellen. Die untere Zelle war für „Malefikanten“ (Kapitalverbrecher) während der Untersuchungszeit, heißt es im Backnang-Lexikon weiter. In die obere Zelle wurden Bürger eingesperrt, die sich kleinerer Vergehen schuldig gemacht hatten. Allerdings war die untere Zelle nur durch die obere zu erreichen, sodass die Bürger, die oben eine Ordnungswidrigkeit absaßen, mit den Schwerverbrechern unten gewissermaßen in einer Zelle waren. Dies führte zu zahlreichen Beschwerden. Da im Rathaus zudem kein gesonderter Raum für die Folter vorhanden war, die manchmal bei Vernehmungen angewandt wurde, beauftragte die Stadt 1616 Landesbaumeister Heinrich Schickhardt, ein neues Gefängnis neben dem Oberen Tor (heute Marktstraße 38) zu erstellen. Früher dienten Gefängnisse nicht in erster Linie der Strafe, sondern der Verhinderung der Flucht des Delinquenten während der Zeit der Untersuchung. Die eigentlichen Strafen bestanden dann auch nicht in der Haft, sondern in Ehrenstrafen wie der Prangerstellung, Landesverweisung und Körperstrafen wie Auspeitschung, Brandmarkung und Verstümmelung bis hin zur Todesstrafe. Hinrichtungen wurden in Backnang auf dem „Galgenberg“ Richtung Maubach und auf der Bleichwiese vollstreckt.

Stadtbrand 1693 zerstörte das Rathaus fast vollständig.

Beim Stadtbrand von 1693 wurde das Rathaus bis auf den steinernen Erdgeschosssockel und die darunterliegenden Keller zerstört. Jedoch war der große Keller mit Schlamm vollgelaufen und konnte erst 1712/13 davon befreit werden. Der Wiederaufbau des Rathauses erfolgte in den Jahren 1716/17. Über dem steinernen Erdgeschoss mit großen Bogenöffnungen erheben sich zwei Fachwerkgeschosse und der über drei Geschosse reichende Dachstuhl. Das Fachwerk ist reichhaltig gegliedert. Besonders die Felder unter den Fenstern im zweiten Stock weisen verschiedene Zierformen auf. Noch aus dem frühen 18. Jahrhundert stammt die Inschrift über der Tür zur großen Ratsstube: „Bey 1 f Straff soll sich Keyner vor die dühren stellen“. Diese Inschrift aus der Zeit der Nichtöffentlichkeit der Ratssitzungen wandte sich gegen Lauscher an der Tür. Ein Foto in Peter Wolfs Archiv zeigt das Rathaus mit dem Zierfachwerk vom Stadtturm aus aufgenommen in den 1960er Jahren. 2009/10 kam es zu einer Generalsanierung des historischen Rathauses, wobei unter anderem der Braunton des Fachwerks durch einen Rotton ersetzt wurde. Im historischen Rathaus sind heute ein Teil der Stadtverwaltung und der Amtssitz des Oberbürgermeisters untergebracht.

Vom Stadtturm aus ist das Foto in den 1960er-Jahren entstanden.

Vom Stadtturm aus ist das Foto in den 1960er-Jahren entstanden.

Früher wurde die Fläche zwischen der ehemaligen Oberen Apotheke, dem Rathaus und der markanten Treppenanlage zur Stiftskirche als Marktplatz bezeichnen. Aber auch der Teil, der heute „Am Rathaus“ heißt und den der Gänsebrunnen ziert, hieß zunächst Schweinemarkt, dann Marktplatz. Heute gilt letztere Bezeichnung nur noch für den oberen Bereich. Das Rathaus und der Marktplatz mit dem hoch darüber ragenden Stadtturm waren immer beliebte Motive für Postkarten wie bei einer Ansichtskarte, die um 1915 entstanden ist. Kinder haben sich für den Fotografen aufgestellt. Deutlich zu erkennen sind die Renaissancekonsolen am angeschnittenen Rathaus rechts im Bild. Das Kriegerdenkmal, das heute über der Mauer zum ehemaligen Turmschulhaus (heute Städtische Galerie) thront, wurde erst 1924 als Stiftung des Lederfabrikanten Fritz Schweizer aufgestellt. Während der Zeit des Nationalsozialismus kam es im März 1933 zu einer Umbenennung des Marktplatzes in „Adolf-Hitler-Platz“, informiert Helmut Bomm in seinem Büchlein „Was Straßenschilder erzählen“. Dies wurde im September 1945 rückgängig gemacht und der Marktplatz erhielt wieder seinen alten Namen.

Das Wachthäuschen auf dem Marktplatz 1892, ein Jahr vor dem Abbruch.

Das Wachthäuschen auf dem Marktplatz 1892, ein Jahr vor dem Abbruch.

Auf dem Marktplatz am schrägen Aufgang zum Oelberg stand früher ein Wachthäuschen, das schon im 16. Jahrhundert belegt ist. Ob dieses Gebäude 1693 brannte, ist nicht bekannt, heißt es im Stadtkataster. Auf jeden Fall wird von einem abermaligen Neubau in den 1750er Jahren berichtet. Während die Bürgermeisterrechnung des Rechnungsjahres 1759/60 den Zweck als Wachtstube für zeitweilig in der Stadt befindliche Truppenteile sowie als Brotlaube definiert, berichtet die aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts stammende Stadtbeschreibung von der Hauptwache auf dem Markt und davon separat, aber ebenfalls auf dem Markt gelegenen Brotbänken. In Peter Wolfs Archiv befindet sich ein Foto des Wachthäuschens von 1892, bevor das kleine Gebäude 1893 abgerissen wurde.

Daneben, unter dem Gewölbe der Kirchstaffel, ist seit 1727 ein Fließbrunnen bezeugt, der sich in ein vier Meter tiefes Löschwasserbecken ergoss. Nach dem Bau der modernen Wasserleitung 1877 wurde der Brunnen aufgelassen und die Grube mit Sand ausgefüllt. Den heutigen Zierbrunnen stiftete 1912 der Backnanger Verschönerungsverein, ein Vorgänger des Heimat- und Kunstvereins. Dafür füllte man den Beckengrund zwei Meter hoch auf und fügte einen Trog an das Becken an. Das „Wassermännle“ oder „Brunnenmännle“ ist eine Jugendstilarbeit von Kunstbildhauer Emil Kiemlen aus Stuttgart. Im Backnang-Lexikon wird sie als „Wassermann mit Ammonit“ bezeichnet. „Halb Mensch, halb Schneck“ beschreibt die Stadtchronik die Figur.

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Erstellt:
28. Dezember 2020, 06:00 Uhr

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