Im Notfall kommt Hilfe immer schneller

Die Rettungswagen und Notärzte profitieren von ausgeweiteten Präsenzzeiten und neuen Standorten im Rems-Murr-Kreis. Anfang des Jahres hat die Johanniter-Unfall-Hilfe eine zusätzliche Rettungswache in Aspach in Betrieb genommen.

Fabian Lindinger (links) und Patrick Webel rücken seit Jahresbeginn zur Notfallrettung in der Region aus der neuen Johanniter-Rettungswache in Aspach aus. Foto: Beatrice Weingart

Fabian Lindinger (links) und Patrick Webel rücken seit Jahresbeginn zur Notfallrettung in der Region aus der neuen Johanniter-Rettungswache in Aspach aus. Foto: Beatrice Weingart

Von Matthias Nothstein

BACKNANG/ASPACH. Für die Bevölkerung im Raum Backnang hat sich die Notfallrettung – die seit Jahren nicht die gesetzlichen Vorgaben erfüllt – seit Anfang des Jahres wieder ein Stück weit verbessert. Der Grund: Die Johanniter-Unfall-Hilfe hat in der Talstraße in Aspach eine zusätzliche Rettungswache in Betrieb genommen. Von dort startet ein Rettungswagen mit zwei Besatzungsmitgliedern an 365 Tagen im Jahr, und das rund um die Uhr. Standortleiter Philipp Lautner zieht nach 100 Tagen Bilanz: „Seit Inbetriebnahme fanden über 300 Einsätze in der Region statt. Und jeden Monat kommen mehr Einsätze dazu. Innerhalb von drei Monaten hat sich die Einsatzzahl verdoppelt.“

Die neue Rettungswache wird sich vermutlich positiv auf die sogenannte Hilfsfrist auswirken. Diese ist im Rettungsdienstgesetz für den bodengebundenen Rettungsdienst eindeutig geregelt und besagt bislang, dass nach zehn bis höchstens 15 Minuten nach Eingang des Notrufs ein Helfer vor Ort sein muss. Sobald die maximal tolerierte Zeitspanne von 15 Minuten in 95 Prozent aller Notfälle eingehalten werden kann, sind die Verantwortlichen bislang zufrieden.

Der Rems-Murr-Kreis hat all die Jahre dieses Ziel nicht erreicht. Was unter anderem daran liegt, dass es sich bei ihm um einen großen Flächenlandkreis handelt. Lautner: „Wir müssen hier große Distanzen abdecken, was, auch neben der Witterung und örtlichen Begebenheiten, die Einsatzzeiten beeinflusst.“ Im Vergleich zu anderen Johanniter-Rettungswachen in angrenzenden Regionen seien die Einsatzzeiten an diesem Standort deutlich länger, so der 34-jährige Notfallsanitäter.

Die Bürger im nördlichen Teil des Rems-Murr-Kreises haben sich von jeher in Notfällen benachteiligt gefühlt. Und dies nicht erst seit der Schließung des Backnanger Kreiskrankenhauses im Jahr 2014, seither aber ganz besonders. Im Gegenzug wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Erweiterungen und Änderungen beim Rettungsdienst vorgenommen, um die Hilfsfristen künftig einhalten zu können. Die Maßnahmen (siehe unten) resultieren aus einem Gutachten, das der Bereichsausschuss für den Rettungsdienst im Januar 2018 in Auftrag gegeben hatte und das im August 2018 vorgestellt und letztlich auch beschlossen wurde.

Im laufenden Jahr werden die Hilfsfristen erstmals eingehalten.

Durch die Verbesserungen wurde die Hilfsfristforderung bei den Rettungswagen im Jahr 2021 mit einem Wert von 96,01 Prozent erstmals eingehalten. Das stellt eine deutliche Verbesserung dar. Doch es gibt einen Wermutstropfen: Die Hilfsfrist muss auch von den Notärzten eingehalten werden. Und bei diesen klafft noch eine Lücke, sie kommen derzeit erst in 93,66 Prozent innerhalb der geforderten Zeit beim Patienten an. Das Landratsamt sieht jedoch bei den Notarztfristen „eine positive Tendenz“, auch wenn die bisherigen Maßnahmen noch nicht ganz zum Ziel geführt haben, zumindest nicht nachhaltig.

Der Landkreis wacht als Rechtsaufsicht des Bereichsausschusses über die Einhaltung der Hilfsfristen und unterstützt den Bereichsausschuss für den Rettungsdienst fachlich durch die Stabsstelle Brand- und Katastrophenschutz bei der Umsetzung von Maßnahmen. Bei den regelmäßigen Arbeitstreffen mit den Hilfsorganisationen, die die Rettungswachen betreiben, sowie den Kostenträgern und den Kliniken werden aktuelle Themen erörtert.

Auf Initiative des Landkreises wurde mit Vertretern der Akteure des Bereichsausschusses die Arbeitsgruppe Hilfsfrist ins Leben gerufen. Diese hat sich zwischenzeitlich zu einem wichtigen Instrument des Bereichsausschusses entwickelt, in dem die Fachebene Strategien entwickelt, die dann dem Ausschuss zum Beschluss vorgelegt werden.

Um die notärztliche Hilfsfrist weiter zu verbessern, gab es im Dezember 2020 und April 2021 erneute Arbeitstreffen dieser Arbeitsgruppe. Hierbei wurden die Ursachen für die Nichteinhaltung der betreffenden Einsätze analysiert. Unter anderem war ein Ergebnis, dass für eine belastbare Beurteilung zwölf Monate betrachtet werden müssen, und zwar ab dem Zeitpunkt der vollständigen Umsetzung aller Optimierungen. Bislang sind es drei Monate. Dass es im Moment für 2021 noch zu Schwankungen der Hilfsfrist kommt, sei normal.

Ein Grund für die Änderung war auch die ständige Zunahme der Einsätze. So konnte laut Landratsamt „die Hilfsfrist des Rettungsdiensts insbesondere im nordöstlichen Rems-Murr-Kreis nicht mehr erreicht werden“. Die Firma Berasys erhielt im Januar 2018 vom Bereichsausschuss den Auftrag für ein Strukturgutachten. Deren Empfehlungen wurden im August 2018 vollumfänglich beschlossen und bis zum 1. Januar dieses Jahres komplett umgesetzt. Dazu waren viele Gespräche mit den Hilfsorganisationen samt der technischen und personellen Umsetzung nötig. Hierzu mussten neue Standorte gebaut beziehungsweise ertüchtigt werden.

Notarztstandort in Murrhardt mit optimalen Bedingungen.

Für den neuen Notarztstandort in Murrhardt stellte der Rems-Murr-Kreis Räume im Winterdienststützpunkt des Straßenbetriebsdiensts in Murrhardt zur Verfügung. In nur drei Monaten wurden eine ehemalige Betriebshofverwalterwohnung und ein Abteil der Großfahrzeughalle vom Straßenbauamt des Landkreises zusammen mit dem DRK-Ortsverein Murrhardt zu einem modernen Notarztstandort mit optimalen Bedingungen umgebaut.

Bei der Umsetzung der Standorte der Rettungswachen in Waiblingen (ASB) und in Aspach (Johanniter) wurde die jeweilige Hilfsorganisation intensiv von den Fachämtern des Landkreises unterstützt. Die Kosten werden durch die Kostenträger (gesetzliche Krankenkassen) getragen. Die entsprechenden Transportentgelte werden jährlich zwischen den Leistungsträgern (Arbeiter-SamariterBund, Deutsches Rotes Kreuz, Johanniter-Unfall-Hilfe und Malteser Hilfsdienst) und den Kostenträgern neu verhandelt.

Der Bereichsausschuss für den Rettungsdienst ist nach dem Rettungsdienstgesetz für jeden Rettungsdienstbereich (in der Regel entspricht der Rettungsdienstbereich dem Landkreis) zu bilden. Der Bereichsausschuss besteht aus der gleichen Anzahl an stimmberechtigten Mitgliedern der Kostenträger (gesetzliche Krankenkassen) und der Leistungsträger (ASB, DRK, JUH und MHD). Der Landkreis wacht als Rechtsaufsicht über den Bereichsausschuss.

Für den Rettungsdienst eine zentrale Rolle spielt auch die Integrierte Leitstelle (ILS) in Waiblingen. Diese wird vom Landkreis und dem DRK-Kreisverband Rems-Murr in gemeinsamer Trägerschaft betrieben. Bei der Suche nach einem geeigneten Baugrundstück für den Neubau der DRK-Kreisgeschäftsstelle, der Rettungswache des DRK und eines Neubaus der ILS konnte der Landkreis im vergangen Jahr zusammen mit der Stadt Waiblingen eine sehr gute Lösung auf einer Fläche in der Beinsteiner Straße in Waiblingen ermöglichen. Bei der Neukonzeptionierung der ILS in den kommenden Jahren investieren der Landkreis und die Krankenkassen je zur Hälfte in modernste Technik und in eine Optimierung der Arbeitsbedingungen und -abläufe und damit in die bestmögliche rettungsdienstliche Versorgung der Bürger im Landkreis.

Der Aspacher Standort ist neu auf der Karte der Rettungswachen im Rems-Murr-Kreis. Karte: Landratsamt Rems-Murr-Kreis

Der Aspacher Standort ist neu auf der Karte der Rettungswachen im Rems-Murr-Kreis. Karte: Landratsamt Rems-Murr-Kreis

Die Hilfsfristen werden durch die Änderungen stetig verbessert

Die Rettungswagen konnten die gesetzlichen Forderungen bei den Hilfsfristen, spätestens 15 Minuten nach der Alarmierung vor Ort zu sein, wie folgt einhalten:

2017: 92,53 Prozent

2018: 93,38 Prozent

2019: 93,72 Prozent

2020: 94,93 Prozent

2021 (Aufrechnung bis April): 96,01 Prozent

Die Werte für die Notärzte:

2017: 92,45 Prozent

2018: 91,35 Prozent

2019: 92,48 Prozent

2020: 93,79 Prozent

2021 (Aufrechnung bis April): 93,66 Prozent

Auf der Grundlage des Gutachtens des Bereichsausschusses wurden im Jahr 2018 folgende Maßnahmen festgelegt und bis heute umgesetzt:

Erweiterung des Rettungswagens Malteser Hilfsdienst in Sulzbach an der Murr vom Tagdienst auf den Rund-um-die-Uhr-Betrieb zum 1. Mai 2019.

Die Neuinstallation eines Rettungswagens in Schorndorf. Dieser wird seit 14. Oktober 2019 von der Johanniter-Unfall-Hilfe im Tagesdienst betrieben und wurde zum 1. Juli 2020 auf den Betrieb rund um die Uhr umgestellt.

Umzug des Notarzts von Althütte nach Murrhardt in die neue Notarztwache, erledigt zum 1. November 2019.

Inbetriebnahme eines Notarztstandorts rund um die Uhr in Welzheim zum 1. November 2019. Dieser Notarzt fuhr bis zum 30. März 2020 von Althütte aus und konnte dann einen Neubau in Welzheim beziehen.

Erweiterung des Notarzts am Rems-Murr-Klinikum Winnenden vom Tagdienst in den Rund-um-die-Uhr-Betrieb, umgesetzt zum 1. Oktober 2019. Der Standort wird gemeinsam vom Deutschen Roten Kreuz und dem Malteser Hilfsdienst betrieben.

Neuinstallation eines Rettungswagens im Bereich Winnenden. Umsetzung durch den Malteser Hilfsdienst im Tagesdienst zum 1. Februar 2020 und in den Rund-um-die-Uhr-Betrieb ab 1. Dezember 2020.

Neuinstallation eines Rettungswagens im Rund-um-die-Uhr-Betrieb im Bereich Waiblingen. Dieser wurde vom Arbeiter-Samariter-Bund am 1. November 2020 in Dienst genommen.

Neuinstallation eines Rettungswagens im Bereich Backnang. Dieser wird durch die Johanniter-Unfall-Hilfe am Standort Aspach seit 1. Januar 2021 rund um die Uhr betrieben.

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Erstellt:
28. Mai 2021, 06:00 Uhr

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