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Immer das Idealbeinmaß im Blick

Die Arwa-Strumpfwerke nahmen nach der Neugründung in Backnang vor 70 Jahren eine kometenhafte Entwicklung

Vor 70 Jahren fiel in Backnang der Startschuss für ein großes Unternehmen der Modebranche: Die legendären Arwa-Strumpfwerke nahmen ihren Betrieb auf. Der Start der Feinstrumpfwirkerei erfolgte mit zwölf Cotton-Maschinen und einer 20-köpfigen Belegschaft. Bis 1960 blieb Backnang Sitz des Unternehmens, das bereits 1949 ein Werk in Unterrot aufbaute und rasch expandierte.

Kettlerinnen nähten die Strümpfe an Ferse und Spitze zusammen. Fotos: Stadtarchiv Gaildorf

© Stadtarchiv Gaildorf

Kettlerinnen nähten die Strümpfe an Ferse und Spitze zusammen. Fotos: Stadtarchiv Gaildorf

Von Armin Fechter

BACKNANG/GAILDORF. Einen Einblick in den kometenhaften Werdegang der Firma gibt das neu erschienene Buch „Arwa – Geschichten aus dem Strumpfimperium“. Es enthält Berichte von Zeitzeugen und ergänzt die 2014 herausgekommene Dokumentation „Arwa – Aufstieg und Fall eines Strumpfimperiums“. Beide Bücher wurden von einem Autorenteam um die Gaildorfer Stadtarchivarin Heike Krause erarbeitet. Ohne deren Engagement würde die spannende Geschichte des in den 70er-Jahren untergegangenen Unternehmens weiterhin in den Archiven schlummern. Dabei war Arwa immerhin einer der größten Strumpfwarenhersteller in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts; die Marke Arwa galt sogar als ein Symbol des deutschen Wirtschaftswunders.

„Arwa in Backnang und später in Unterrot spielt in meinen Gedanken heute noch eine große Rolle“, berichtet Ruth Sohlleder, geboren in der Obermühle bei Oberrot, in dem neuen Buch. Sie arbeitete 1950 bis 1953 als Kettlerin in Unterrot: „Wir kettelten die Spitzen vorne zusammen, denn erst nach dieser Arbeit konnten die Näherinnen die lange Naht zusammennähen, die die ganze Beinlänge hinten zieren musste.“ Verglichen mit ihrer vorherigen Tätigkeit als Mädchen für alles in einem Café in Murrhardt sagt Ruth Sohlleder: „Es war etwas ganz Besonderes: Wir hatten Arbeit und verdienten gutes Geld; außerdem hatten wir einen guten Chef, der ein Herz für seine Arbeiter hatte.“ Damit spielt sie unter anderem auf die Kantine an, in der ungeahnte kulinarische Köstlichkeiten zu haben waren – so auch der erste Fleischsalat, den Ruth Sohlleder zu sehen bekam.

„Doch das Größte, was wir kennenlernten, waren zwei große Weihnachtsfeiern.“ Neben den Geschenken, darunter zwei Paar Arwa-Strümpfe, gab es eine Showeinlage mit der Sängerin Gitta Lind. „Und dann kam ein blutjunger Mann auf die Bühne und sang Lieder aus seiner Schweizer Heimat und von den Mädchen in der Schweiz und ihrem besonderen Reiz. Es war der Vico Torriani, der später ein großes Idol wurde.“

Vorgeschichte des Unternehmens reicht bis ins Jahr 1891 zurück

Als das spätere glanzvolle Unternehmen 1948/49 in Backnang aus der Taufe gehoben wurde, handelte es sich allerdings nicht um eine komplette Neugründung: Die Vorgeschichte von Arwa reicht bis ins Jahr 1891 zurück, als August Robert Wieland mit drei Teilhabern in Auerbach im Erzgebirge eine Strumpfwirkerei aufzog. Die kleine Fabrik nahm einen raschen Aufschwung und beschäftigte bald 50 Arbeitskräfte. 1898 wurde Wieland alleiniger Inhaber der A. Robert Wieland Strumpfwaren-Fabriken.

Es sollte aber noch bis 1926 dauern, bis das Unternehmen seinen fast mystischen Namen Arwa erhielt. Das Wort war aus den Initialen des Inhabers und des Firmensitzes, Auerbach, gebildet. Um diese Zeit hatte Arwa bereits mehrere Hundert Mitarbeiter – und wuchs weiter. 1927 richtete Wieland in Chemnitz ein Zweigwerk ein, 1939 wurde das „zwangsarisierte“ Textilsyndikat Chemnitz erworben. Nach dem Tod des Firmengründers 1940 übernahm dessen Enkel Hans Thierfelder zusammen mit seiner Mutter die Leitung des 1200 Mitarbeiter zählenden Unternehmens.

Nach Kriegsende, 1946, wurde die Arwa enteignet und später unter dem Namen Esda (Erzgebirgische Spezial-Damenstrümpfe Auerbach) als volkseigener Betrieb weitergeführt. Thierfelder setzte sich nun nach Westberlin ab. In den USA kaufte er 1948 gebrauchte deutsche Cotton-Maschinen. Sie bildeten den Grundstock für die Neugründung des Unternehmens in Backnang im Dezember 1948. Anfang 1949 begann in leer stehenden Räumen der Lederfabrik Fritz Häuser die Produktion, und an Pfingsten 1949 wurden die ersten Strümpfe aus halbsynthetischer Kunstseide mit aus Perlon verstärkter Ferse und Spitze ausgeliefert. Die Monatsproduktion betrug um diese Zeit über 10000 Paar.

Rasch wurde klar, dass die räumlichen Möglichkeiten in Backnang begrenzt waren. Als Standort für eine große Produktionsstätte bot sich die damals noch selbstständige Gemeinde Unterrot im östlichen Teil des Landkreises Backnang, heute ein Stadtteil von Gaildorf, an. Die Ansiedlung erfolgte zu komfortablen Konditionen: Gewerbesteuerfreiheit bis Ende 1951 und hälftige Gewerbesteuer bis 1953. Bereits im Herbst 1949 ging das neue Werk in Betrieb. Dazu entstand eine ganze Siedlung: Arwatal-Unterrot.

Von da an ging es in atemberaubendem Tempo bergauf: 1950 produzierten 350 Mitarbeiter im Monat 72000 Paar. Ab 1951 entstanden neue Betriebsstandorte in Bischofswiesen bei Berchtesgaden, in Parys in Südafrika und in Berlin-Tempelhof. 1951 begann auch der Export, zunächst in zehn Länder. 1952 bestand die Belegschaft aus 1450 Mitarbeitern, die monatlich zwischen 700000 und 800000 Strümpfe produzierten – etwa 20 Prozent der gesamten westdeutschen Strumpfproduktion.

Der größte Werbeclou gelang mit der Wahl der Beinkönigin

Für den Kampf um Käuferinnen holte sich die Arwa-Führung eine kreative Werbeabteilung ins Haus, die alle Register zog und nicht nur auf stylishe Plakate setzte. Größen aus Film und Fernsehen wie Willy Birgel, Olga Tschechowa und Lil Dagover wurden als Werbeträger gewonnen. Der geschickteste Zug glückte aber mit der Wahl der Beinkönigin 1951. In Tageszeitungen und Zeitschriften erschien, wie Stadtarchivarin Heike Krause schildert, zunächst der Aufruf: Wer hat die schönsten Beine? Der Wettbewerb, der auf riesige Resonanz stieß, diente zugleich als groß angelegte Marktanalyse, um das „Normalbeinmaß“ zu ermitteln und sodann passgenauere Strümpfe herstellen zu können. Gleichzeitig ging es aber auch um das „Idealbeinmaß“. Zur Jury gehörte die amtierende Miss Germany Susanne Erichsen, die später in den USA als Mannequin Karriere machte und zum Inbegriff des deutschen Fräuleinwunders wurde. Die Endauswahl geriet zu einem gigantischen Medienspektakel. Dass die Werbemasche funktionierte, zeigten Kundbefragungen: 1950 kannten 50 Prozent der Deutschen Arwa, 1951 waren es dagegen 96 Prozent.

Der Höhenflug geriet aber in Turbulenzen: Ab Mitte 1956 tobte ein heftiger Preiskampf. Neue Vorlieben, neue Materialien und der rasante Preisverfall setzten der Strumpfindustrie zu. Der Plan, in den USA ein weiteres Werk zu errichten, wurde wegen der Krise fallen gelassen. 1960 wurde der Sitz des Unternehmens von Backnang nach Bischofswiesen verlegt. 1971 wurde die Arwa an die Hudson-Gruppe verkauft, und die Produktion wurde 1973 eingestellt.

Die Marke sprach für sich: Text war bei der Arwa-Werbung nicht mehr nötig.

© Stadtarchiv Gaildorf

Die Marke sprach für sich: Text war bei der Arwa-Werbung nicht mehr nötig.

Info
Bücher über Arwa

Das Autorenteam der beiden Arwa-Bücher besteht aus Falk Drechsel, Mitarbeiter der Universitätsbibliothek Chemnitz und Ururenkel des Firmengründers, Heike Krause, Stadtarchivarin in Gaildorf, und Klaus Michael Oßwald, Journalist.

Der aktuelle Titel „Arwa – Geschichten aus dem Strumpfimperium“ wurde herausgegeben von der Stadt Gaildorf, 2018 (ISBN978-3-96049-044-9, 18 Euro).

Der erste Band „Arwa – Aufstieg und Fall eines Strumpfimperiums“, herausgegeben von der Stadt Gaildorf, 2014 (18 Euro) liegt bereits in zweiter Auflage vor.

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Erstellt:
10. Januar 2019, 06:00 Uhr

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