Immer der Nase nach

Im Wildpark Pforzheim lernen Hunde und ihre Herrchen, wie man Vermisste oder Verschüttete aufspürt

Jeder Mensch hinterlässt eine individuelle Duftspur. Suchhunde folgen ihr im Wildpark Pforzheim. Mehr als die Tiere müssen die Hundeführer lernen, Hinweise richtig zu deuten.

Pforzheim „Such, Kira, such“, befiehlt Michael Hagen seiner sechsjährigen Hündin. Kira ist ein Beauceron, ein Flachlandhirtenhund aus Frankreich, und ausgebildeter Mantrailer. Kaum hat sie ihre Spürnase in die Tüte mit dem Tuch getaucht und den Suchbefehl gehört, rennt sie auch schon los. Denn seit mehreren Jahren geht sie zusammen mit ihrem Herrchen immer wieder zum Training für Suchhunde oder spürt in der Rettungshundestaffel Enzkreis e.V. Vermisste auf. Heute zeigt sie ihr Können mit dem Rüden Don und zahlreichen anderen Artgenossen im Wildpark, der im Jubiläumsjahr besonders viele Veranstaltungen bietet.

Gerade hat sich Pauline ein Versteck gesucht. Eigentlich ist die Fünfjährige zum Rehefüttern nach Pforzheim gekommen. Doch die Hunde sind ihr gleich aufgefallen. Bevor Michael Hagen Kira den Suchbefehl gegeben hat, hatte sich das Mädchen ihr Gesicht mit einem Tuch abgewischt, um kurz darauf zu verschwinden. Die Hautpartikel helfen Kira nun, die Spur aufzunehmen. Sie eilt an einer langen Leine den Waldweg entlang und Michael Hagen muss schauen, dass er Schritt hält. In seiner neongelben Warnweste und mit der eifrigen Hündin voraus, erregt er die Aufmerksamkeit der zahlreichen Besucher. Sie schauen dem Mensch-Tier-Team hinterher und einige folgen neugierig. Erwachsene, rennende Kinder und die Tiere des Parks mit ihren Düften interessieren Kira nicht, es ist nicht ihr Geruch, dem sie folgt.

Kiras schwarze Rute wedelt hin und her – ihr seidiges Fell glänzt in der Sonne. Die bräunliche Schnauze hält sie schnuppernd über dem Boden. Erst als sich der Weg kreuzt, wird der Spürhund langsamer. Er schnuppert konzentriert an den Büschen und Sträuchern. Kurz biegt Kira nach rechts ab, um sofort wieder umzukehren. „Wahrscheinlich seid ihr von dort gekommen“, mutmaßt der Hundeführer zu Recht. Kira hat das gleich gemerkt, denn ihr feines Riechorgan unterscheidet zwischen alten und neuen Düften. Die Riechschleimhaut von Hunden, die in der knöchernen Nasenmuschel sitzt, ist um ein 15-Faches größer als die der Menschen. Zudem ist die Riechschwelle bei Hunden viel niedriger. Sie reagieren bereits auf ein Molekül, die kleinste Einheit einer chemischen Verbindung.

Kira jedenfalls bereitet die Spurensuche kein Problem und konzentriert folgt sie Paulines Geruch. Zielsicher steuert sie jetzt auf eine Hecke zu. Ein kleiner Durchgang führt Richtung Naturbildungsstätte. Tatsächlich wartet Pauline schon gespannt an der Holzhütte und schaut ganz erschreckt, als Kira bellt. Michael Hagen beruhigt und erklärt: „Kira hat eine Zusatzausbildung als Flächensuchhund. Sie zeigt auch durch Bellen an, wenn sie eine Person gefunden hat.“ Pauline belohnt die Hündin mit Futter.

Aike Kremser, Inhaber und Hundeausbilder beim Geruchsjäger, Such- und Zughundezentrum Pforzheim, erklärt: „Flächensuchhunde suchen in einem begrenzten Gebiet, beispielsweise einem Erdbebengebiet, nach Verschütteten.“ Diese Hunde arbeiten dann ohne individuelle Duftprobe und wittern den Geruch lebender Personen. Hat das Tier etwas gefunden, bellt es beispielsweise – so wie Kira kurz zuvor. Die aufgeweckte Hündin hat gleich zwei Ausbildungen, zum Flächensuchhund und als Mantrailer.

Beim Mantrailing nimmt Kira, wie heute im Wildpark, den individuellen Geruch einer einzigen Person auf. Das kurze Schnuppern am Tuch reicht ihr, um Paulines Spur durch den Park zu folgen. Denn ein Mensch verliert beim Gehen ständig kleinste Geruchspartikel. „Mantrailer können auch einer Spur auf Asphalt oder durch Wasser folgen – auch noch Tage später“, erklärt Aike Kremser, der in seinem Zentrum Hunde mit ihren Haltern ausbildet: „Die Hunde wissen oft schnell, was sie zu tun haben. Es ist für sie natürliches Verhalten. Der Hundeführer muss allerdings erst lernen, die Zeichen seines Tiers zu deuten.“ Kremser zeigt auf einen weißen Hund namens Don, der gerade nach einem Jungen sucht und erläutert: „Indem der Hund, wie Don, quer zum Weg läuft, gibt er seinem Frauchen zu verstehen, dass diese Richtung nicht zum Vermissten führt.“ Darauf führt die Hundeführerin Don zurück zur Wegekreuzung.

Die Ausbildung mit den Hunden ist zeitintensiv und dauert meist zwei bis drei Jahre. Denn im Ernstfall geht es um das Leben einer vermissten Person. Die Kurse müssen selber bezahlt werden und der Einsatz, beispielsweise bei einer Rettungshundestaffel, erfolgt ehrenamtlich. Zweimal jährlich kommen Kira, Don und die anderen Hunde auch in den Tierpark. „Das bürgerschaftliche, ehrenamtliche Engagement, beispielsweise beim Hundespürtag, hat maßgeblich in den letzten Jahrzehnten zur Entwicklung und dem Erfolg des Wildparks beigetragen“, ist Carsten Schwarz, Leiter des Wildparks, überzeugt. Seit rund 15 Jahren setzt sich der Förster für diesen besonderen Ort ein – Lebensraum für bedrohte Tiere, aber auch Naherholung und Freizeiteinrichtung.

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Erstellt:
8. Februar 2019, 03:14 Uhr

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