Immer mehr entdecken den Radsport

Vom Fahrradboom profitieren auch die Fahrradgeschäfte in Backnang und Umgebung. Kunden müssen sich bei der Bestellung ihres Traumrads vor allem in Geduld üben. Nur die Ersatzteilbeschaffung lahmt.

Hannes Schneider vom gleichnamigen Radsportgeschäft in Backnang spricht von einer großen Nachfrage nach Elektromodellen. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Hannes Schneider vom gleichnamigen Radsportgeschäft in Backnang spricht von einer großen Nachfrage nach Elektromodellen. Foto: A. Becher

Von Hans-Christoph Werner

BACKNANG. Unscheinbar, in einem Wohngebiet in Backnang versteckt, liegt das Fahrradgeschäft „Radsport Schneider“. Die Betreiber beschränken sich auf hochwertige Fahrradmarken. Ein solider Kundenstamm ist über die Jahre herangewachsen. Hannes Schneider, Junior des Ladengründers, bestätigt den Verkaufsboom von E-Bikes. In dem kleinen Radgeschäft wurden im vergangenen Jahr mehr Elektrofahrräder als Modelle ohne Antrieb verkauft. Überhaupt, so sagt Hannes Schneider, verlagere sich die Fahrradproduktion auf die Elektromodelle. Die Modellpalette bei den anderen Rädern gehe damit zurück.

Wenn Kunden ein E-Bike neu bestellen, müsste eine Lieferzeit von zwei bis drei Monaten in Kauf genommen werden. Große Schwierigkeiten bestünden gegenwärtig bei der Beschaffung von sogenannten Verschleißteilen wie etwa Bremsbelägen, Bremsscheiben, ja sogar bei Reifen. Die Reparaturwerkstatt der Schneiders ist gut ausgelastet. Ein Termin ist nur mit einem Vorlauf von drei bis vier Wochen zu erhalten. Neben Hannes Schneider ist noch ein Mitarbeiter tätig. Gelegentlich hilft auch Senior Michael Schneider mit. Von Kunden gewünschte arbeitsintensivere Umbauten an Fahrrädern müssen längerfristig verschoben werden. Ohnehin sind die Monate Mai bis August die Hochsaisonmonate für Fahrradläden.

Für Karl-Heinz Erkert von der „Zweirad-Schmiede“ aus Sulzbach an der Murr-Bartenbach sind Fahrräder nur ein Teil dessen, was er anbietet. Das Geschäft ist Servicepartner der Firma Stihl. Ferner werden Gartengeräte und Landmaschinen angeboten. Für den Bartenbacher ist der E-Bike-Verkaufsboom ein Hype. Wegen Corona, so sagt Karl-Heinz Erkert, seien die Leute auf ihrem Geld sitzen geblieben und dann auf die Idee gekommen, ein Fahrrad, ein E-Bike, zu kaufen. Das werde sich, so die Meinung des Händlers, wenn die ganze Palette der Urlaubsmöglichkeiten wieder zur Verfügung stehe, normalisieren.

Ein Jahr Lieferzeit ist bei Neubestellungen keine Seltenheit.

Das vergangene Jahr war, was den Fahrradverkauf anbelangt, ein Spitzenjahr. Das gegenwärtige Jahr wird durch Lieferschwierigkeiten beeinträchtigt. Bei Neubestellungen müsse er Kunden zum Teil eine Lieferzeit von einem Jahr nahebringen. Ferner könnten nicht alle Kundenwünsche befriedigt werden. Was Fahrradreparaturen angeht, bestätigt Karl-Heinz Erkert den Tenor der anderen: Ersatzteile sind Mangelware. Fünf Personen arbeiten in dem Bartenbacher Betrieb, zum Teil helfen Familienmitglieder aus. Man sei ausgelastet „bis unter die Decke“. Was Fahrradwünsche der Kunden angeht, die bedient der Chef am liebsten selbst.

Für Karlheinz Wöhrle aus Oppenweiler lief der E-Bike-Verkauf im vergangenen Jahr wunderbar. In diesem Jahr dann der Einbruch. Die Hersteller könnten wegen fehlender Komponenten viele Räder nicht ausliefern. Auch würden die Hersteller mittlerweile keine Terminzusagen mehr machen. Viele Reparaturarbeiten können nicht ausgeführt werden, da zum Beispiel Fahrradketten oder Ritzelkassetten (für die Kettenschaltung) nicht zu bekommen seien. Auch bei Reifen und Schläuchen stehe es sehr schlecht. Selbst Fahrradhelme seien Mangelware, da bei den Herstellern entsprechendes Granulat fehle. „Wann das besser wird“, so Karlheinz Wöhrle, „kann keiner sagen.“ Wenn er ein fertiges Rad geliefert bekomme, so stehe es in seinem Geschäft keine Woche. Von überall her, so der Fahrradhändler, erhalte er Anrufe. Kunden fragen offensichtlich im ganzen Land nach bestimmten Modellen herum. Trotz aller Schwierigkeiten wirkt der Oppenweiler am Telefon gelassen. Man müsse, so sagt er, das Ding so nehmen, wie es ist.

Erst um die Mittagszeit, wenn der Kundenansturm abgeebbt ist, kann Karl Scheib in Murrhardt von „My bikes by Scheib“ die telefonische Anfrage entgegennehmen. Übers Wochenende sind viele mit dem Rad unterwegs gewesen. Am Montagmorgen stehen sie dann mit dem lädierten Rad vor Scheibs Ladentür. Wenn der Kunde das Rad bei Scheib gekauft hat, bemüht man sich, die Reparatur noch am gleichen Tag zu erledigen.

Überhaupt machen Reparaturen etwa die Hälfte der Arbeitszeit seiner sieben Mitarbeiter aus. Der Fahrradverkaufsboom begann laut Karl Scheib schon 2019. Und hält bis zum heutigen Tag an. Verkaufsschlager sind die Elektrofahrräder. Werde ein Elektrorad neu bestellt, müsse der Kunde schon mitunter ein halbes Jahr warten. Denn viele Komponenten der Räder kommen aus Asien. Die Hersteller können zum Teil wegen fehlender Teile die Räder nicht fertigstellen. Mancher Kunde ist nicht bereit, zu warten. Wenn das Wetter schön sei, wolle man gleich losfahren. Und träume davon, dass der Fahrradhändler einen dafür sofort ausstattet. Wenn diese Rechnung nicht aufgeht, sich der Hauptwunsch nicht erfüllen lässt, weichen Kunden auch auf andere Modelle aus. Man sei, so Karl Scheib, durch vorangegangene Jahre auch verwöhnt. Lieferung just in time ist aber zurzeit nicht immer möglich.

Von insgesamt zwölf Herstellern hat Karl Scheib Fahrräder im Angebot. Auch das eine gewaltige Steigerung gegenüber früher. Da waren es nur drei Marken, die er bereithielt. Was Ersatzteile für Reparaturen angeht, ist es gut, einiges auf Lager zu haben. Um den Ausschuss gering zu halten, hat Karl Scheib zum Beispiel Fahrradketten gern auf der 50-Meter-Rolle besorgt. Von dieser konnte er die benötigte Kette in exakter Länge herunternehmen. Doch diese 50-Meter-Rolle hat heute eine Lieferzeit von mehr als einem Jahr.

Neben vielen Rädern stehen im Verkaufsraum auch etliche Pokale.

Die Freude am Zweirad ist bei Karl Scheib biografisch bedingt. Vom Motorrad kam er zum Fahrrad, fuhr auch bei Wettkämpfen mit. Seine drei Söhne taten es ihm nach. Neben vielen Fahrrädern sind im Verkaufsraum auch 180 gewonnene Pokale zu sehen. Das will was heißen.

Der Fahrradboom, so sagt Timur Selvi von „bikes’n boards“, begann mit dem ersten Lockdown vergangenes Jahr. Die Menschen strebten nach draußen und kamen aufs Fahrrad. Nach wie vor ist der Kundenandrang groß. Etwa 70 Prozent aller Räder, die bei „bikes’n boards“ den Besitzer wechseln, sind E-Bikes. Die Lieferengpässe der Hersteller machen es nun schwierig. Oft kann der Kunde das von ihm gewünschte Traumrad nicht mitnehmen. Viel Fingerspitzengefühl ist bei den Verkaufsgesprächen gefragt. Und wenn der Kunde von seinem Traumrad nicht lassen will, sei es besser, ihm das Warten nahezubringen. Schon im Januar hätten er und seine Mitarbeiter begonnen, die Modelle für 2022, ja zum Teil für 2023, zu bestellen.

Auch die Reparaturwerkstatt ist ausgelastet. Stammkunden müssten Wartezeiten von bis zu drei Wochen in Kauf nehmen. Folge des Ansturms ist auch, dass Reparaturwünsche bei sogenannten „Fremdrädern“ (die nicht bei „bikes’n boards“ gekauft wurden) abgelehnt werden müssen. Daran ändert auch nichts, dass man die Mitarbeiterzahl 2020 immer wieder aufgestockt, selbst Quereinsteigern eine Chance geboten habe. Die Ersatzteilbeschaffung sei kein so großes Problem. „bikes’n boards“ habe zehn Standorte im Land, und so helfe man untereinander auch aus. Aber man habe auch schon fehlende Teile auf dem freien Markt über das Internet besorgt. Was das Zubehör angeht, da kann man aus dem Vollen schöpfen. Schließlich wurde da in den Lockdown-Phasen kaum was verkauft. Auch der Filialleiter kann auf Erfahrungen aus dem Radrennsport zurückgreifen. Bis 2014 hat Timur Selvi an Wettbewerben teilgenommen.

Backnangs vermutlich größter Fahrradanbieter ist das Veloland Urban. Bei einer telefonischen Anfrage werden zum Fahrradboom mit Hinweis auf ein Verbot der Genossenschaft keinerlei Angaben gemacht.

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Erstellt:
5. Juni 2021, 06:00 Uhr

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