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Immer mehr Rote Karten für den Biomüll

Seit Montag kontrolliert die Müllabfuhr den Inhalt der braunen Tonnen. Sind Störstoffe darin, bleiben die Tonnen ungeleert stehen und ein Infozettel informiert, warum das so ist. AWRM-Vorstand Gerald Balthasar schimpft: „Plastik ist für uns das Schlimmste.“

Biomülltonnen, in denen Plastiktüten zu sehen sind, lässt Müllwerker Michael Gruber stehen. Die Rote-Karte-Aktion dauert noch bis zum 18. September.

© Jörg Fiedler

Biomülltonnen, in denen Plastiktüten zu sehen sind, lässt Müllwerker Michael Gruber stehen. Die Rote-Karte-Aktion dauert noch bis zum 18. September.

Von Florian Muhl

BACKNANG. „Katastrophe“, bruddelt Michael Gruber vor sich hin. In Windeseile lupft der Müllwerker der Murrhardter Firma Schäf Städtereinigung die Deckel von einem Dutzend brauner Tonnen hoch und spickt hinein. „Katastrophe“, wiederholt er sich. „Hier ist ein schlimmes Eck. Da sind fast in jeder zweiten Tonne Plastiktüten drin.“ Gruber kennt sich bestens aus in Backnang und weiß, wo seine Pappenheimer zu finden sind. Die betreffenden Müllbehälter zieht er zur Seite und lässt sie stehen. Hin und wieder zückt er sein Handy und macht ein Bild vom Inhalt.

Die anderen Tonnen bringt er zum Mülllaster und leert sie. Aber auch dort erhält nicht jede braune Tonne gleich grünes Licht. Denn am Laster sind Metalldetektoren angebracht, die Fremdstoffe im Müllbehälter erkennen. Gruber läuft zum Fahrerhaus und kommt umgehend zurück, mit einem Stapel Roter Karten in der Hand. Die hängt er an die aussortierten und ungeleerten Tonnen. An diesem Tag hat Gruber mit seinem Team genau 924 braune Tonnen in Backnang geleert. Aber rund 80 Behälter hat er wegen Störstoffen stehen lassen.

Schon seit knapp drei Wochen werden die braunen Tonnen im Rems-Murr-Kreis kontrolliert. Wer seinen Behälter falsch befüllte, kam jedoch noch glimpflich davon und erhielt Verwarnungen in Form von Gelben Karten. Geleert wurden die Tonnen aber trotzdem. Seit Montag nun lässt die Abfallwirtschaftsgesellschaft Rems-Murr (AWRM) Biotonnen mit Fremdstoffen stehen und verteilt Rote Karten (wir berichteten).

„Leider...konnte Ihre Biotonne heute nicht geleert werden!“

Seitdem werden fast zehn Prozent der braunen Tonnen nicht geleert. Warum nicht, darüber informiert die Rote Karte. Von dieser prangt das Foto eines Jungen mit Harry-Potter-Brille und weit aufgerissenem Mund. Dazu folgender Text in großen Lettern: „Leider...konnte Ihre Biotonne heute nicht geleert werden!“ Weiter unten dann in kleinerer Schrift: „In der Tonne sind Fremdstoffe, die nicht in die Biotonne gehören. Dazu zählen vor allem Plastiktüten und -verpackungen sowie Metallmüll.“

AWRM-Vorstand Gerald Balthasar ist beim Pressetermin in der Sulzbacher Straße auch vor Ort. „Plastik ist für uns das Schlimmste“, schimpft er. „Das können wir überhaupt nicht gebrauchen.“ Denn Kunststoffe verrotten nicht, oder höchstens nur sehr, sehr langsam. Aber auch sogenannte verrottbare Kunststofftüten mag er nicht. Der Chef der Abfallwirtschaft Rems-Murr sagt auch, warum: „Innerhalb von zwölf Wochen sind die biologisch abbaubaren Kunststofftüten erst zu 90 Prozent verrottet. Unser Prozess in der Biovergärungsanlage in Backnang-Schöntal dauert jedoch nur vier Wochen. Deshalb müssen wir auch diese Kunststofftüten aufwendig aussortieren.“ Auch wenn diese Art von Tüten erlaubt sei, appelliert die AWRM an die Bürger, auch keine verrottbaren Kunststofftüten zu verwenden.

Stolz deutet Balthasar auf den Mülllaster. Denn nicht nur die Roten Karten sind entwickelt worden, sondern auch riesige Werbebanner, die jetzt die beiden Seiten der Mülltransporter zieren. „Gaffer in der Rettungsgasse?“ ist da in riesigen Buchstaben zu lesen. Weiter unten dann etwas kleiner: „Is’ wie Plastik im Biomüll. #fehlamplatz“

„Fremdstoffe im Biomüll verursachen Mehrkosten bei der Verarbeitung, was über die Müllgebühren zulasten der Allgemeinheit geht“, erläutert der AWRM-Vorstand. „Wir müssen sie aussortieren, bevor wir Biogas und Kompost gewinnen.“ Das Plastik im Biomüll schade aber auch der Umwelt und der Gesundheit. Denn das Aussortieren ist nicht zu 100 Prozent möglich. Die Folge ist, dass kleinste Plastikteilchen, sogenanntes Mikroplastik, in der Umwelt und im Kompost und so letztendlich in der Nahrungskette landen können. „Dadurch nimmt nicht nur in unseren Meeren die Verschmutzung mit Plastik zu. Auch die Mikroplastikverschmutzung an Land steigt stetig an.“ Zum Schluss gibt Balthasar noch Tipps, wie man sauber arbeiten kann: „Den Biomüll kann man in Papiertüten werfen oder mit Zeitungspapier einschlagen, selbst Eierschachteln gehen. Tee oder Kaffee im Filterpapier kann man erst ins Waschbecken abtropfen und trocknen lassen, bevor man ihn reintut. Dann ist da auch nicht so viel Feuchtigkeit im Biomüllbehältnis drin.“

Falsch und deswegen die Rote Karte: Plastiktüte in der braunen Tonne. Fotos: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Falsch und deswegen die Rote Karte: Plastiktüte in der braunen Tonne. Fotos: J. Fiedler

Ekelhaft, aber trotzdem nichts auszusetzen: Übermäßiger Madenbefall im Biomüll.

© Jörg Fiedler

Ekelhaft, aber trotzdem nichts auszusetzen: Übermäßiger Madenbefall im Biomüll.

Zitrusfrüchte ja, Holzasche nein

Das alles gehört in die braune Tonne:

Küchenabfälle: Eierschalen, feste Speisereste, auch Wurst, Fleisch, Fisch, Gemüse- und Obstabfälle, auch Zitrusfrüchte, Kaffee- und Teesatz mit Filter und Beutel, Küchen- und Papiertücher.

Pflanzenabfälle: Baum- und Strauchschnitt in Kleinmengen, Laub, Rasenschnitt (bitte antrocknen lassen), Stroh und Heu, Topf- und Balkonpflanzen, Unkräuter/Wildkräuter, verwelkte Blumen.

Sonstiges: Haare und Federn, Kleintierstreu aus vergärbaren Materialien wie Stroh oder Maisstärke, Sägemehl und Holzspäne in geringen Mengen (nur unbehandeltes Holz).

Das alles gehört nicht in den Biomüll:

Tierische Nebenprodukte und Speiseabfälle tierischen Ursprungs aus Gewerbebetrieben (zum Beispiel von Gaststätten, Kantinen, Metzgereien und ähnlichen Betrieben).

Restmüll aller Art: Kunststoffbeutel, Flüssigkeiten, zum Beispiel flüssige Speisereste, Getränke, Hydrokultur-Substrat, Kehricht, Kleintierstreu aus mineralischen Materialien, Kohle- und Holzasche sowie Ölruß, Leder- und Kleiderreste, Staubsaugerbeutel, Tapetenreste, Windeln, Tierkot/Tierkadaver, Zigarettenkippen und -asche.

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Erstellt:
29. August 2020, 06:00 Uhr

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