Impfkampagnen hatten großen Zulauf

„Schluckimpfung ist süß – Kinderlähmung ist grausam“, unter diesem Motto lief ab den frühen 60er-Jahren eine der größten Impfkampagnen, die Deutschland je gesehen hat. Ziel war die Vorbeugung vor Poliomyelitis.

Der Leiter des Backnanger Gesundheitsamts Joachim Holz organisierte Impfaktionen gegen Polio in allen Orten. Die Aufnahme zeigt ihn bei einer dieser Impfaktionen im Jahr 1972 im Schulhaus in Allmersbach im Tal. Foto: BKZ-Archiv

Der Leiter des Backnanger Gesundheitsamts Joachim Holz organisierte Impfaktionen gegen Polio in allen Orten. Die Aufnahme zeigt ihn bei einer dieser Impfaktionen im Jahr 1972 im Schulhaus in Allmersbach im Tal. Foto: BKZ-Archiv

Von Armin Fechter

BACKNANG. Poliomyelitis ist bis heute unheilbar. Die Infektionskrankheit wird von Viren ausgelöst und durch Schmier- und Tröpfcheninfektion, also durch Körperausscheidungen sowie beim Niesen, Husten und Sprechen, übertragen. Einziger Schutz vor Polio, so die Expertin Susanne Zomotor, ist die Impfung. Die heute 83-jährige Medizinerin war 20 Jahre lang in der Ambulanz eines Kinderkrankenhauses tätig. Danach wechselte sie zum Gesundheitsamt in Waiblingen und leitete dort von 1987 bis 1998 den Bereich Kinder- und Jugendmedizin. Zuständig war sie dabei für die Kindergärten und Schulen im Rems-Murr-Kreis einschließlich der Einschulungsuntersuchungen. Ein weiterer Aufgabenschwerpunkt waren Impfungen.

„Die größte Vorbeugung gegen Krankheiten ist Impfen“, bekräftigt sie. Dabei hat sie nicht allein die sogenannten Kinderkrankheiten im Blick: Masern, Röteln, Mumps und andere hoch ansteckende Infektionskrankheiten, die schwere Komplikationen und Folgeschäden mit sich bringen können und an denen meist schon Kinder erkranken. Zomotor weist vielmehr auch darauf hin, dass Reisende – vor allem wenn sie in fernen Ländern unterwegs sind – auf ihren Impfschutz achten sollten.

Im Jahr 1952 starben in der BRD 745 Menschen an Polio

Europa gilt seit 2002 zwar als poliofrei, weil die Krankheit schon seit etlichen Jahren nicht mehr aufgetreten ist. Doch davor stellte die Kinderlähmung, die zwar häufig unbemerkt verläuft, in vielen Fällen aber Lähmungen und Gelenkschäden hinterlässt und oft auch zum Tod führt, eine reale Bedrohung dar. 1952 erlebte die damalige Bundesrepublik Deutschland einen Höhepunkt der Epidemie: Über 9500 Krankheitsfälle wurden damals laut der Polio-Initiative Europa in den westlichen Bundesländern registriert, 745 Menschen starben. Eine weitere schwere Epidemie folgte 1961: Nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts gab es 4600 Erkrankte, über 3300 Gelähmte und 272 Tote. Westdeutschland hatte damals europaweit die höchste Poliorate.

Die Krankheit machte auch vor dem Kreis Backnang nicht Halt. So berichtete der damalige Leiter des Staatlichen Gesundheitsamts Backnang, Joachim Holz, laut Backnanger Kreiszeitung im Juni 1961, dass in diesem Jahr bereits drei Fälle gemeldet worden seien. Ein dreijähriges Mädchen erlag der Infektion, ein weiteres dreijähriges Mädchen befand sich zu diesem Zeitpunkt im Diak in Schwäbisch Hall, und bei einer 29-jährigen Frau waren Lähmungserscheinungen aufgetreten.

Dabei gab es zu dieser Zeit schon längst einen Impfstoff gegen Polio. Er war in den USA entwickelt worden und auch in Deutschland verfügbar. Die dreimalige, anfangs kostenpflichtige Impfung mit einem Serum, das gespritzt werden musste, fand aber kaum Nachfrage. Als zudem unter den Geimpften erneut Poliofälle auftraten, kam große Verunsicherung auf. Ein führender Beamter des Bundesgesundheitsministeriums riet sogar von Impfungen ab.

In der DDR hingegen wurden bereits seit 1960 Massenschluckimpfungen mit einem in der Sowjetunion weiterentwickelten Serum praktiziert. Das Angebot aus dem Osten, einige Millionen Dosen dieses Stoffes zu liefern, wurde im Westen empört abgelehnt – es herrschte Kalter Krieg, in Berlin wurde die Mauer gebaut. Dann kam die Schluckimpfung im Westen mit einem auf neutralem Boden in Österreich verbesserten Impfstoff aber doch: Bayern setzte 1962 als erstes Bundesland einen entsprechenden Gesetzesbeschluss um. Damit begann der Siegeszug im Kampf gegen die Kinderlähmung. Schon 1962 ging die Zahl der gemeldeten Fälle stark zurück, in den Folgejahren kam es nur noch zu einzelnen Infektionen, bis die Weltgesundheitsorganisation WHO Europa 2002 als poliofrei erklärte.

Um so weit zu kommen, waren große Anstrengungen erforderlich. Die Gesundheitsämter bekamen die Aufgabe übertragen, die Impfkampagne vor Ort umzusetzen. Rundfunk, Fernsehen, Zeitungen, Plakate: Die Bundesregierung setzte alle Hebel in Bewegung, um die unkomplizierte Vorbeugungsmaßnahme zu propagieren.

„Wir mussten nur auf diesen Zug aufspringen“, erinnert sich Susanne Zomotor. Flächendeckend wurden Impfaktionen veranstaltet. Die Behörde kooperierte dabei mit den Bürgermeisterämtern und Schulen. Das Serum wurde auf einen Würfelzucker getropft und den Kindern gegeben oder mit der Pipette direkt in den Mund verabreicht, wie Zomotor erläutert. Teilweise gab es die Dosis auch in einem Becher mit Zuckerwasser.

In allen Gemeinden und Teilorten im Kreis wurden Impfaktionen angeboten

Nach einem Bericht von Joachim Holz, der das Gesundheitsamt in Backnang von 1959 bis 1979 leitete, wurden bis Oktober 1964 im Kreis Backnang über 12000 Menschen gegen Polio geimpft. Aktionen seien in allen Gemeinden und Teilorten im Kreis angeboten worden, sehr viele Mütter hätten ihre Kinder zu den Terminen gebracht. Der Zuspruch sei so groß gewesen, dass zweimal Impfportionen nachbestellt werden mussten, weil die zugeteilten Dosen nicht ausreichten. Geimpft wurde in Gemeindehallen und Schulen sowie in großen Betrieben, dabei waren jeweils vier Impfgruppen unter Leitung eines Arztes im Einsatz. Berufstätige konnten sich zudem bei separaten Terminen samstags immunisieren lassen, außerdem wurden Nachzüglertermine angeboten.

Dass die Schutzmaßnahmen wirkten, zeigte sich laut Holz bereits 1962, als es im Kreis Backnang keinen einzigen Poliofall mehr gab. Dennoch warnte der Mediziner auch einige Jahre später noch: „Die Kinderlähmung ist noch keineswegs besiegt.“ Ein Drittel der Kindergarten- und Schulkinder, so klagte er in der Backnanger Kreiszeitung, habe keinen genügenden Impfschutz. Zur Teilnahme an den Vorbeugungsaktionen wurden daher Kinder vom dritten Lebensmonat an aufgerufen, ebenso Jugendliche und Erwachsene bis zu einem Alter von 40 Jahren, die keinen ausreichenden Impfschutz hatten, weil sie beispielsweise an den Wiederholungsimpfungen nicht teilgenommen hatten.

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Erstellt:
11. November 2021, 06:00 Uhr

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