In sechs Jahren von der Vision zur Realität

Vor einer Woche sind die Sieger des städtebaulichen Wettbewerbs für das Quartier Backnang-West gekürt worden. Aber wie viel von den präsentierten Plänen lässt sich bis zur Internationalen Bauausstellung 2027 überhaupt umsetzen?

So stellen sich die Planer vom Büro Teleinternetcafe aus Berlin den neuen „City Campus“ auf dem Kaelble-Areal vor. Die alten Industriehallen sollen weitgehend erhalten und durch neue Wohngebäude ergänzt werden. Visualisierung: Teleinternetcafe/Treibhaus

© Teleinternetcafe/Treibhaus

So stellen sich die Planer vom Büro Teleinternetcafe aus Berlin den neuen „City Campus“ auf dem Kaelble-Areal vor. Die alten Industriehallen sollen weitgehend erhalten und durch neue Wohngebäude ergänzt werden. Visualisierung: Teleinternetcafe/Treibhaus

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Wabenartige Gebäude, ein Opernhaus an der Murrschleife oder ein Kanalsystem wie in Venedig – die Teilnehmer des städtebaulichen Wettbewerbs hatten sich für das Quartier Backnang-West so einiges einfallen lassen. Vieles davon erschien den Preisrichtern bei näherer Betrachtung allerdings deplatziert oder nicht realisierbar. Und so machte am Ende ein Entwurf das Rennen, der auf den ersten Blick eher unspektakulär wirkt (wir berichteten).

Der Backnanger Baudezernent Stefan Setzer ist trotzdem oder vielleicht gerade deshalb von dem Konzept der Büros Teleinternetcafe aus Berlin und Treibhaus aus Hamburg überzeugt. „Dieser Entwurf ist nicht brav, sondern klug“, findet der Baudezernent. Der Jury sei es schließlich nicht um verrückte Ideen oder futuristische Architektur gegangen, sondern darum, ein Konzept zu küren, das in die Umgebung passt und auch schrittweise umsetzbar ist: „Das macht es uns leichter in der Realisierungsphase.“ Die beiden kleinen Büros, deren Gründer zum Teil aus dem Schwabenland kommen, hätten Backnang sehr gut verstanden, lobt Setzer. Und er ist wohl auch nicht unglücklich darüber, dass nach einem anonymen Bewertungsverfahren mit Teilnehmern aus der ganzen Welt die Sieger am Ende aus Deutschland kamen. Das dürfte die künftige Zusammenarbeit deutlich erleichtern.

Trotzdem wird der Entwurf wohl nicht genau so umgesetzt, wie er nun präsentiert wurde. Stefan Setzer spricht von einem „langen Prozess“, in den neben Gemeinderat und Grundstückseigentümern auch die Backnanger Bevölkerung eingebunden werden soll. Auch im Preisgericht hatte es neben viel Lob auch einige kritische Anmerkungen zum Siegerentwurf gegeben. Umstritten war zum Beispiel, ob in dem neuen Quartier tatsächlich, wie von den Planern vorgeschlagen, drei Hochhäuser mit bis zu 50 Metern Höhe gebaut werden sollen. Aus Sicht der Jury sind diese optischen Hochpunkte nicht unbedingt nötig.

Zusammen mit den beiden Büros und der IBA-Leitung will die Stadt den Rahmenplan in den kommenden Jahren stetig weiterentwickeln. So ist nicht davon auszugehen, dass in sechs Jahren, wenn die Internationale Bauausstellung in der Region Stuttgart stattfindet, das neue Stadtquartier bereits fertig dasteht. Tobias Großmann, Leiter des Stadtplanungsamts, hält dafür eher einen Zeitraum von 20 Jahren für realistisch. Allerdings sollen bis zur IBA 2027 bereits einige Projekte vorzeigbar sein, die erkennen lassen, in welche Richtung sich die ehemaligen Industrieflächen entwickeln.

Eines der ersten Projekte könnte der neue Grünzug an der Murr sein, den die Planer in ihrem Entwurf als Parkaue bezeichnen. Die große Grünanlage am Ufer des renaturierten Flusses will die Stadt selbst realisieren, dafür benötigt sie allerdings Flächen, die bislang noch in Privatbesitz sind. Mit den Eigentümern werde man sich deshalb in Kürze zusammensetzen und über einen möglichen Kauf der Grundstücke sprechen, kündigt Stefan Setzer an.

Was auf den privaten Bauflächen passieren wird, kann die Stadt zwar nur bedingt beeinflussen, sie hofft aber, dass sich die Eigentümer – in erster Linie sind das die Firma Riva sowie die Nachfahren der Lederfabrikanten Räuchle und Kaess – von der Aufbruchsstimmung anstecken lassen und sich so schnell wie möglich an die Umsetzung machen.

Die ersten Reaktionen nähren diese Hoffnung. „Wir sehen das Ergebnis des Wettbewerbs sehr positiv. Das war auch mein favorisierter Entwurf“, erklärt Wolfgang Kaess auf Anfrage. Maximilian Räuchle freut sich vor allem darüber, dass die Planer viele bestehende Gebäude zumindest in Teilen erhalten wollen. Das biete den Handwerkern und Gewerbetreibenden, an die er seine ehemaligen Fabrikhallen vermietet hat, eine Zukunftsperspektive am Standort. Ob sie selbst investieren oder sich dafür Partner ins Boot holen wollen, lassen Kaess und Räuchle offen. Sie wollen nun erst einmal abwarten, bis aus den Ideen der Planer ein verbindlicher Bebauungsplan geworden ist.

Riva-Chef Marcus Püttmer äußert sich auf Anfrage schriftlich: „Grundsätzlich begrüßen wir den städtebaulichen Sieger-Entwurf für Backnang West. Und wir freuen uns, an der Verfeinerung der Bauleitplanung mitarbeiten zu dürfen. Wenngleich der Entwurf von Helmut Jahn wesentlich urbaner daher kam und weniger auf die Bewahrung baufälliger Bestände Rücksicht genommen hat.“ Die alten Kaelble-Hallen oder die ehemalige Lederfabrik Hodum zu erhalten, dürfte nicht einfach werden, weil die Bausubstanz zum Teil sehr schlecht ist.

Püttmers Vater Hermann hatte bereits 2017 einen eigenen Masterplan für das Kaelble-Areal bei dem deutsch-amerikanischen Stararchitekten Helmut Jahn in Auftrag gegeben, der bei Stadtverwaltung und Gemeinderat allerdings wenig Gegenliebe fand. Er sah unter anderem ein Hochhaus mit mehr als 100 Metern Höhe vor. Eine Idee, die Marcus Püttmer nach wie vor gut fände: „Statt drei Hochhäusle, die der Sieger-Entwurf vorsieht, hätten wir uns einen Hochpunkt als strahlenden Akzent gewünscht“, lässt der Riva-Chef mitteilen.

Klar ist schon heute, dass das insgesamt 17 Hektar große Areal nicht in einem Zug, sondern abschnittsweise bebaut wird. Geplant ist, das Gebiet in mehrere Baufelder aufzuteilen, für die dann jeweils noch einmal ein eigener Architektenwettbewerb ausgeschrieben wird. Denn der Entwurf, der jetzt ausgezeichnet wurde, gibt nur den Rahmen vor und enthält noch keine konkreten Pläne für einzelne Gebäude. Setzer und Großmann können sich gut vorstellen, dass dann auch wieder einige der Büros ins Spiel kommen, die beim Wettbewerb in der vergangenen Woche unterlegen waren. „Wir haben jetzt einen Pool an möglichen Partnern und würden uns freuen, wenn einige davon ihre Erfahrungen auf der nächsten Ebene wieder mit einfließen lassen“, erklärt der Baudezernent.

Zwischenstationen auf dem Weg zur Internationalen Bauausstellung sind die Jahre 2023 und 2025, in denen die Organisatoren zwei IBA-Festivals in der Region planen. Auch dabei würde Backnang gerne mitmischen. Statt mit fertigen Gebäuden könnte die Vision vom neuen Quartier am Murrufer dort aber noch in Pavillons oder anderen temporären Einrichtungen präsentiert werden.

Foto: A. Becherg Foto: A. Becher
In sechs Jahren von der Vision zur Realität

© Alexander Becher

„Statt drei Hochhäusle hätten wir uns einen Hochpunkt als strahlenden Akzent gewünscht.“

Marcus Püttmer, Riva-Geschäftsführer

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Erstellt:
7. Mai 2021, 06:00 Uhr

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