Gefahr Eisunfall

„In wenigen Minuten fährt der Körper im eiskalten Wasser alle Funktionen zurück“

Zugefrorene Seen und Flüsse ziehen die Menschen magisch an. Aber wenn das Eis bricht, wird es innerhalb kürzester Zeit lebensgefährlich, erklärt DLRG-Vorstand Christian Fritz.

Der Riedsee in Stuttgart-Möhringen ist zugefroren.

© Andreas Rosar Fotoagentur-Stuttg

Der Riedsee in Stuttgart-Möhringen ist zugefroren.

Von Theresa Schäfer

Es ist schon zu verlockend: Strahlender Sonnenschein, Schnee und auf den Seen in der Region Stuttgart hat sich eine ordentliche Eisschicht gebildet. Doch auf zugefrorene Seen und Flüsse zu gehen, ist hochgefährlich – und immer wieder gehen Unfälle mit im Eis eingebrochenen Personen auch tödlich aus, sagt Christian Fritz von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) in Württemberg im Interview.

Herr Fritz, wie kommt es immer wieder dazu, dass DLRG-Helfer im Eis eingebrochene Menschen retten müssen? Sind die Leute zu unvorsichtig?

Leider sind viele Menschen einfach zu leichtsinnig. Sie wagen sich auf Eis, das gar nicht tragfähig ist. Die Eisdicke wird oft komplett überschätzt. Mancher setzt einen Fuß aufs Eis, denkt: „Ach prima, hält ja!“ und marschiert los. Dabei muss es ja nicht bedeuten, dass das Eis überall hält, nur weil es an einer Stelle trägt.

Ist es schwer, die Dicke einer Eisschicht gut einzuschätzen?

Ja, sogar für erfahrene Einsatzkräfte. Wenn eine Stelle am Eis im Schatten liegt, ist dort das Eis viel dicker als da, wo die Sonne hinscheint. Auch an Zuflüssen von Seen ist das Eis dünner, weil das Wasser dort permanent in Bewegung ist. Das ist aber womöglich gar nicht zu sehen, vor allem, wenn auch noch Schnee auf dem Eis liegt.

Wo liegt die größte Gefahr?

Die Kälte ist lebensgefährlich. Innerhalb von wenigen Minuten fährt der Körper im eiskalten Wasser seine kompletten Funktionen zurück, die Muskelbewegung wird langsamer, die Gelenke versteifen. In drei bis vier Minuten hat der Körper seine Energie aufgebraucht, befindet sich im Schockzustand. Wenn bis dahin keine Hilfe da ist, kann so ein Unfall tödlich enden.

Was sollte man tun, um einer Person zu helfen, die eingebrochen ist?

Vor allem anderen: 112 anrufen. Wenn die Rettungskräfte alarmiert sind, kann man mit größter Vorsicht versuchen, die Person zu erreichen. Aber bitte nicht einfach hinterherrennen, denn dann bricht man womöglich noch selbst ein. Stattdessen sollte man das Gewicht möglichst großflächig auf dem Eis verteilen – am besten, man legt eine Leiter, eine breite Planke oder eine Tür aufs Eis und robbt sich so ganz vorsichtig an die Person heran. Hat man so etwas nicht, kann man auch eine Menschenkette bilden.

Und wenn man die Person erreicht hat?

Sollte man ihr etwas reichen, einen Ast, ein Seil oder einen Schal. Möglichst nicht die Hand, denn die Person kämpft um ihr Leben, ist panisch und könnte einen zu sich in das Eisloch ziehen. So kann man versuchen, sie aus dem Loch zu ziehen.

Und wenn man selbst eingebrochen ist?

Ruhe bewahren – auch wenn das natürlich leichter gesagt ist als getan. Um Hilfe rufen und vorsichtig versuchen, sich aus dem Wasser zu ziehen. Dabei ist es wichtig, eine möglichst große Auflagefläche zu erreichen, so dass nicht noch mehr Eis abbricht. Ist man hingegen nah am Rand, kann man auch versuchen, sich bis zum Ufer durchzubrechen.

Wenn die Person glücklich an Land ist – was ist dann geboten?

Dann sind hoffentlich die Einsatzkräfte schon da. Ansonsten gilt: Die Person langsam aufwärmen. Mit Decken und warmen Getränken – aber bitte nicht mit einem Glühwein, denn Alkohol wirkt kontraproduktiv, weil er eine Unterkühlung noch verstärkt. Und auch wenn man im ersten Moment denken könnte, der Mensch muss aus seinen nassen Kleidern raus: Auch nasse Kleider isolieren noch gegen Kälte.

DLRG rückt auch zu Eisunfällen aus

Zur PersonChristian Fritz ist im Vorstand des DLRG-Landesverbands Württemberg. Der 35-Jährige ist Einsatzleiter der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft im Kreis Esslingen. Die Helfer des DLRG üben immer wieder auch Eisrettungseinsätze.

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Erstellt:
7. Januar 2026, 16:06 Uhr

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